USA
Emotionale Debatte über Trumps Einwanderungspolitik: «Mein Leben ist in einem bürokratischen Vakuum»

Wegen Washingtons Streit über die Einwanderungspolitik droht eine Schliessung der Amtsstuben. Eine Hundertschar von jungen Secondos aus Mittel- und Südamerikas protestierte diese Woche im nationalen Parlament in Washington für eine Verlängerung des «Dreamer»-Programms.

Renzo Ruf aus Washington
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Für die «Dreamer»: Hunderte Secondos protestierten am Freitag in Washington. Astrid Riecken/Getty Images

Für die «Dreamer»: Hunderte Secondos protestierten am Freitag in Washington. Astrid Riecken/Getty Images

The Washington Post/Getty Images

Luis Araiza ist 28 Jahre alt. Seine Eltern wanderten vor einem Vierteljahrhundert von Mexiko in die USA ein. Seine kleine Schwester sei nach ihrer Geburt schwer erkrankt, erzählt er, und sein Vater und seine Mutter hätten Schwierigkeiten gehabt, ausreichend Geld für die Behandlung des Babys zu beschaffen. Also hätten sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt und zu Beginn der Neunzigerjahre ohne gültige Papiere die Grenze zu den USA überschritten. Seither arbeitet Araiza an der Verwirklichung seines ganz persönlichen amerikanischen Traumes; zuletzt wurde der schmächtige Mann für seine Verdienste als Mathematik-Lehrer an einer öffentlichen Schule in Dallas (Texas) mit einem Preis von 10 000 Dollar ausgezeichnet.

Doch nun, sagt Araiza im Gespräch, «befindet sich mein Leben in einem bürokratischen Vakuum» – weil er spätestens im Oktober seine 2012 ausgestellte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verlieren könnte. Denn er ist ein «Dreamer», wie die Kinder von illegal eingereisten Menschen, die den grössten Teil ihres Lebens in Amerika verbracht haben, im Volksmund genannt werden. Und Präsident Donald Trump will das Programm, das den «Dreamern» ein Leben in einer gewissen Sicherheit ermöglichte, spätestens im März abwickeln, falls sich Republikaner und Demokraten bis dann nicht auf eine neue Lösung geeinigt haben.

Proteste in Washington

An einer solchen Lösung ist auch Araiza interessiert. Zusammen mit einer Hundertschar von jungen Secondos aus Mittel- und Südamerikas weibelte er deshalb diese Woche im nationalen Parlament in Washington für eine Verlängerung des Programms. Dabei suche er das direkte Gespräch mit den Volksvertretern, erzählt Araiza, um ihnen anhand seiner eigenen Biografie zu erklären, wie viel für die Betroffenen auf dem Spiel stehe. Diese Gespräche seien bisher höchst emotional verlaufen. «Einige Senatoren sind supernett, andere Volksvertreter können uns nicht einmal in die Augen schauen oder lassen sich entschuldigen», sagt er.

Hoffnungslos ist die Lage nicht. Den «Dreamern» kommt zugute, dass die oppositionellen Demokraten sich ihres Anliegen angenommen haben. Die Partei fordert eine Legalisierung des Status der ehemaligen «Sans Papiers», gegen 690 000 an der Zahl – sonst werde die Partei bis Freitagabend um Mitternacht einem temporären Ausgabebeschluss nicht zustimmen, der am Donnerstag durch die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus verabschiedet worden war. Aufgrund der Machtverhältnisse im Senat (51 Republikaner und 49 Demokraten) ist die Präsidentenpartei aber auf die Unterstützung eines Teils der Demokraten angewiesen.

«Shutdown» steht auf dem Spiel

Das Manöver der Demokraten stösst auf Kritik der Republikaner. Es sei schlicht und einfach lächerlich, donnerte Fraktionschef Mitch McConnell am Freitag, die beiden Fragen miteinander zu verknüpfen. Die Demokraten riskierten einen «Shutdown», eine temporäre Schliessung der Amtsstuben der Bundesregierung, weil ihnen das Schicksal illegaler Einwanderer wichtiger sei als das Wohl von mehr als 300 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner, sagte McConnell. Die Demokraten keilten zurück, die Republikaner seien bloss auf der Suche nach einem Sündenbock. Tatsache sei, dass die Präsidentenpartei in beiden Kammern des nationalen Parlaments die Mehrheit stelle, es aber seit Beginn des Finanzjahres am 1. Oktober 2017 nicht geschafft habe, einen Ausgabenbeschluss zu verabschieden. Stattdessen hangle sich die Mehrheit von Überbrückungshaushalt zu Überbrückungshaushalt, sagte Dick Durbin, der Sprecher der Demokraten. (Die entsprechende Debatte im Senat war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch im Gang.)

Luis Araiza hofft derweil, dass sich Demokraten und Republikaner auf eine längerfristige Lösung einigen. Denn die Ungewissheit mache ihm zu schaffen. Seiner Schwester gehe es übrigens gut, sagt er. Ihr Gesundheitszustand habe sich rasant verbessert, kaum habe sie vor 25 Jahren erstmals amerikanische Luft geschnappt. «Es war wie ein Wunder.»