Reportage

Endlich öffnen die Bistros: Frankreichs Seele lebt wieder auf

In Frankreich sind die Gaststätten wieder geöffnet. Aber nicht alle Stammgäste finden ihren Bistrotresen wieder, wie ein Augenschein am Stadtrand von Paris zeigt. Über das besondere Verhältnis der Franzosen zu ihren Bistros.

Stefan Brändle aus Paris
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Der Wirt trägt Maske: Das «Cafe de Flore», ist, wie viele andere Bistros in Paris, nach der Coronapause wieder geöffnet.

Der Wirt trägt Maske: Das «Cafe de Flore», ist, wie viele andere Bistros in Paris, nach der Coronapause wieder geöffnet.

Christophe Petit Tesson / EPA

Es war den Franzosen, als sei ihnen in letzter Zeit etwas abhanden gekommen. Und zwar mehr als die Bewegungsfreiheit oder der Arbeitsplatz: Gefährdet war das französische Savoir-Vivre. Präziser gesagt das Gefühl des kleinen Glücks am Bistrotresen.

An der Bar einen «petit noir» schlürfen und die Sportzeitung «L'Equipe» durchforsten, oder im herumliegenden Boulevardblatt «Le Parisien» das Kreuzworträtsel beenden, das der Kunde zuvor begonnen hatte: Das war einmal fester Bestandteil des französischen Alltags.

Der Anwalt schimpft lauter als der Maler

Umstehenden beim Schnöden über die Politiker zuzuhören und zu staunen, dass der Anwalt mit dem Aktenkoffer noch lauter schimpfte als der Maler mit den verschmierten Hosen; mitzuverfolgen, wie der Wirt das Baguette virtuos in ein Schinkenkäse-Sandwich verwandelt und dann unwirsch fragt: «Mit oder ohne Cornichon?»: Das war fast schon die Essenz der französischen Seele.

Diese Momente der kleinen Glückseligkeit, die jeder Frankreich-Reisende kennt, endeten abrupt am 16. März, als Präsident Emmanuel Macron den Lockdown anordnete. Es folgten zweieinhalb Monate Bistro-Entzug, die nicht nur den «piliers de bar», den Stammkunden, an die Nieren gingen. Frankreich, vielleicht das einzige Land, wo man in den Städten noch alle paar Schritt diese gesellig-gastronomische Einkehr findet, ist ohne seine Stehbars nicht Frankreich.

Hering, Blutwurst, Tarte Tatin

Und was wäre Paris ohne das «Café de Flore», das «Deux Magots», das «Rostand» oder das fabelhafte Montmartre-Café der Amélie Poulain? Was ein Pariser Schnellimbiss ohne Mayonnaise-Ei, ohne «petit salé», Hering, Blutwurst oder oder eine stehend verzehrtes «Steak-Frites»? Garçon, eine Tarte Tatin!

Seit Dienstag dürfen die Brasserien und Bistros, Restaurants und Cafés, endlich wieder die Rollläden hochziehen. Aber nur, wenn sie einen Einmeter-Abstand zwischen den Tischen einhalten. Und im Grossraum Paris nur auf Terrassen - nicht im Rauminnern und damit auch nicht an der Bar.

Stichprobe im Bistro La Bouffarde im 14. Stadtbezirk. Die Terrasse ist an diesem Dienstagmorgen für Gäste geöffnet, ein paar Tischchen stehen sogar auf dem breiten Gehsteig, wie es Bürgermeisterin Anne Hidalgo ausdrücklich zugelassen hat. Nur: Die Kunden sind an diesem Morgen Mangelware. Vielleicht, weil das Ambiente nicht gerade anziehend wirkt: Die Bedienung trägt Mundschutz, die wenigen Gäste üben sich in der «distanciation», dem Abstandhalten. Geselligkeit ist anders.

Ça va, man sich passt sich allem an

Aber das kleine Bistro-Glück kehrt trotzdem zurück. Am Eingang des einfachen Bistros, das sich stolz «Bar-Brasserie» nennt, stehen mehrere Gäste mit Pappbechern und plaudern wie gehabt. Nur der Tresen fehlt. «Ça va, man sich passt sich allem an», meint ein älterer Mann mit weissen Bartstoppeln und sportlichem Outfit philosophisch.

Doch ist der Stehbetrieb nicht verboten? Monsieur zeigt schmunzelnd auf eine Tafel, die den «Verkauf über die Strasse» zulässt. Wer das Lokal betritt, sieht indes keinen Takeaway-Schalter. Die ganze Bar ist mit einer dicken Plastikfolie hermetisch abgedeckt. Ein trauriges Bild, das eher an eine Notfallstation als an ein lebendiges Bistro erinnert.

Hinter einem nicht minder imposanten Schutzdispositiv verkauft die chinesische Wirtin Tabakwaren. Keinen Kaffee? «Hier lang», antwortet die Frau und macht sich hinter dem Schutzvorhang flink zu schaffen. Bald öffnet sie eine unauffällige Schnittöffnung in der Plastikwand und schiebt einen Trinkbecher durch.

Damit ausgerüstet gesellt man sich zum Stehkomitee unter dem roten Eingangs-Baldachin. Gewiss, es ist nicht wie früher, aber es herrscht dennoch ein Hauch unverbindlicher und zugleich herzlicher Bistro-Atmosphäre, geprägt durch das Gemisch von Stammkunden und anonymen Passanten. Man wahrt Distanz und steht doch irgendwie zusammen, man palavert, leert seinen Pappbecher, was immer auch er enthält; und man freut sich, dass La Bouffarde (zu Deutsch: Tabakpfeife) wieder dampft.

Dann wird gefeiert!

«Und wie uns das fehlte!», antwortet Louise auf die entsprechende Frage. Die 73-jährige Nachbarin hat ihr ganzes Leben hier im Viertel verbracht, wie sie bereitwillig erzählt. Eine der waschechten Pariserinnen, wie es sie nur noch selten gibt? «Nein», korrigiert die freundliche alte Dame, deren hübsche Halskette weniger Lücken aufweist als ihre Zahnreihen. «Ich fühle mich nicht als Pariserin, das ist mir zu versnobt. Mein Zuhause ist das 14. Arrondissements, das ist mein Dorf. Und dieses Bistro, wo man sich trifft, ohne sich verabredet zu haben - das ist mein zweites Wohnzimmer.»

Die wackere Frau erzählt, wie sie wochenlang mit der Furcht lebte, dass ihr Stammlokal gar nicht mehr aufgehen könnte. Laut einer Branchenerhebung muss in Frankreich ein Drittel der Gaststätten Konkurs anmelden. Hier am Boulevard Brune bleiben an diesem Dienstag viele Restaurants und Cafés geschlossen. «Aber jetzt werden sich die Dinge wieder einrenken», meint Louise guter Dinge. «Wenn alles gut geht, kann die Wirtin das ganze Lokal Ende Monat wieder öffnen. Dann wird gefeiert!»

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