ENERGIE: Fukushima: Haben wir zu viel erwartet?

Der Nationalrat will nichts von einer Laufzeitbeschränkung für AKW wissen. «Spielt keine Rolle», meint Experte Walter Wildi. Er sagt, weshalb das Ende längst besiegelt ist.

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Eine Frau sitzt in Natori am Boden und weint. (Bild: EPA)

Eine Frau sitzt in Natori am Boden und weint. (Bild: EPA)

Walter Wildi, nach der Reaktor-­Katastrophe in Fukushima konnte es nicht schnell genug gehen. Ein Land nach dem anderen sprach vom Atomausstieg. Das war vor fünf Jahren. Heute ist davon nicht viel übrig geblieben. Auch in der Schweiz nicht. Haben wir zu viel erwartet?

Walter Wildi: Das mag sein.

Wie konnte es so weit kommen? Die Bilder vom Unglück haben uns damals doch tief betroffen gemacht.

Wildi: Statistisch gesehen ist alle sechs Jahre mit einem gravierenden Industrieunfall zu rechnen. Wenn es passiert, sind wir entsetzt, suchen schnell nach den Schuldigen. Nach spätestens vier oder fünf Jahren spielt das Ereignis dann keine Rolle mehr.

Also wird letztlich alles bleiben wie gehabt?

Wildi: Dies nicht. Fukushima hat viel verändert.

Was denn?

Wildi: Mit Japan verzichtet beispielsweise ein Industriestaat weitgehend auf Kernenergie. Bislang sind gerade einmal zwei von insgesamt 51 Kernkraftwerken ans Netz gegangen. Folgen hatte das Unglück auch für alle anderen Länder, die über AKW verfügen. Die Sicherheitsbestimmungen wurden nochmals verschärft. Gleichzeitig wurden überall die Werke auf Erdbebensicherheit und Hochwassergefahr untersucht. Daneben kam es auch zu einem Bewusstseinswandel.

Inwiefern?

Wildi: Es wurde uns wieder einmal vor Augen geführt, dass wir jederzeit mit einem weiteren solchen Zwischenfall rechnen müssen. Je älter die Reaktoren werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dafür.

Trotzdem lehnte es der Nationalrat gerade diese Woche ab, die Laufzeit von älteren Reaktoren zu beschränken.

Wildi: Was diesbezüglich in Bern beschlossen wird, ist eh nicht mehr so wichtig. Der wirtschaftliche Aspekt ist in diesem Fall viel entscheidender. Tatsache ist, dass sich Kernkraft nicht mehr rechnet.

Das tönte vor einigen Jahren bei den Stromproduzenten noch ganz anders.

Wildi: Wieso soll Mühleberg 2019 vom Netz gehen? Den Bernischen Kraftwerken, der Eigentümerin, sind die Kosten für eine Sanierung viel zu hoch. Die Axpo hat 700 Millionen Franken zur Sanierung von Beznau 1 und Beznau 2 investiert, weiss aber nicht einmal, ob sie Beznau 1 jemals wieder in Betrieb nehmen kann. In Frankreich schrieb der Atomkonzern Areva für 2014 einen Verlust von 4,5 Milliarden Euro, für 2015 war es noch einer von 2 Milliarden. Eine ganze Branche ist am Ende.

Ist das alles auf Fukushima zurückzuführen?

Wildi: Natürlich nicht. Durch die Marktöffnung verfügen wir heute über zu viel Strom. Dies wiederum lässt die Preise massiv sinken. Für die grossen Schweizer Energiekonzerne wie Axpo oder Alpiq ist dies ein Problem. Im Grosshandel kostet eine Kilowattstunde noch 3,5 Rappen. Die Produktionskosten in der Schweiz belaufen sich aber auf 4,5 bis 5 Rappen. Eventuell wird der Preis wieder leicht steigen, wenn ein oder zwei Atomkraftwerke zusätzlich vom Netz gehen, in Stein gemeisselt ist dies aber nicht.

War es ein Fehler, dass sich die Schweiz für die Strommarktöffnung entschieden hat?

Wildi: Das ist Auffassungssache. Sie können aber nicht für die Marktöffnung sein und auf hohe Preise hoffen. National- und Ständerat sollten den Fokus statt auf die Energieproduktion stärker auf die Stromversorgung setzen und darauf achten, dass wir in der Schweiz genügend Transformatoren für die Stromverteilung haben.

Die Schweiz soll sich von der Stromproduktion verabschieden?

Wildi: Sie soll sich auf die erneuerbaren Energien beschränken.

Aber auch das Geschäft mit der Wasserkraft ist defizitär.

Wildi: Das ist ein hausgemachtes Problem. Kantone und Gemeinden wollen nicht auf die Einnahmen durch die Wasserzinsen verzichten. Paradoxerweise sind sie ja selber Eigentümer dieser Werke. Kantone und Gemeinden hätten es in der Hand, dies zu ändern. Stattdessen soll der Bund einspringen, Subventionen sprechen. Berappen werden dies am Ende wir Steuerzahler.

Der Kanton Zürich denkt über den Verkauf seiner Anteile am Stromkonzern Axpo nach. Welche Folgen hätte ein solcher Verkauf?

Wildi: Solches Geschwafel ist unseriös. Das ist eine Milliarden-Hypothek. Wer sollte an solch einer Beteiligung Interesse haben? Stromkonzerne wie die Axpo oder Alpiq sind verpflichtet, für die Kosten der Stilllegung der AKW und die Entsorgung der atomaren Abfälle aufzukommen. Die Kosten belaufen sich laut den Berechnungen des Bundes auf insgesamt 20 Milliarden Franken. Können die Werke die Gelder nicht aufbringen, stehen die Eigentümer, also die Kantone, in der Pflicht.

Also wird Zürich grösste Probleme bekommen, die Anteile loszuwerden?

Wildi: Davon ist auszugehen. Unter diesen Umständen ist wohl nicht einmal ein Chinese bereit, einen Deal einzugehen.

Weshalb denkt Zürich gleichwohl darüber nach?

Wildi: Immer mehr Kantone merken, welche Risiken sie sich da aufgeladen haben, und versuchen nun, diese abzuschieben. Am liebsten hätten es die Kantone, wenn der Bund für die gesamten Stilllegungs- und Entsorgungskosten aufkäme. Dann wären sie fein raus. Das Nachsehen hätten die Steuerzahler.
 

Interview Dominik Buholzer

 

Zur Person

Walter Wildi (Bild: Archiv Neue LZ)

Walter Wildi (Bild: Archiv Neue LZ)

Walter Wildi (67) ist Honorarprofessor für Geologie an der Universität Genf.
Von 1997 bis 2007 war Wildi Mitglied der Kommission für die Sicherheit von
Kernanlagen des Bundes, die er von 2002 bis 2007 auch präsidierte.

Von 2000 bis 2002 stand Wildi auch der kantonalen Fachgruppe Wellenberg vor;
die Gruppe hat die Nidwaldner Regierung bei der letzten Abstimmung über ein
geologisches Tiefenlager im Wellenberg beraten. Der gebürtige Aargauer ist
Vater von drei Kindern.

 Wie die Katastrophe vor fünf Jahren ihren Lauf nahm

Fukushimabu. 11. März 2011, 14.46 Uhr Ortszeit: In Japan bebt die Erde so heftig wie noch nie (Stärke 9,0 auf der nach oben offenen Richterskala). Der Grund des Ozeans verschiebt sich um bis zu 25 Meter nach Osten, die Küste Japans senkt sich um bis zu 1,2 Meter. Die Folge: Sieben Tsunamis prallen auf die Nordostküste und überschwemmen rund 560 Quadratkilometer Land. 20 000 Menschen verlieren das Leben, 792 000 Gebäude werden beschädigt oder zerstört. Und im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi spielen sich dramatische Szenen ab.

Bis zu 16 Meter hohe Wellen

Insgesamt 15 Kernkraftwerke stehen an der von der Naturkatastrophe betroffenen Küste. Zum Zeitpunkt des Erdbebens stehen elf im Einsatz, vier sind wegen Wartungsarbeiten nicht am Netz. Das Beben löst bei allen Werken eine automatische Schnellabschaltung aus. Im Werk von Daiichi fällt durch die bis zu 16 Meter hohen Wellen auch noch das ganze Pumpsystem zur Kühlung des Kernreaktors aus. Da gleichzeitig die Notstromversorgung nicht wiederhergestellt werden kann, verliert die Betriebsmannschaft bald die Kontrolle über das Geschehen.

Der Druck wurde zu gross

Die Kühlung in den Reaktoren ist ungenügend, Wasser verdampft fortlaufend: In den Reaktorsystemen der Blöcke 1 bis 3 von Fukushima Daiichi steigt der Druck. Die Lage gerät völlig ausser Kontrolle. Einen Tag nach dem verheerenden Erdbeben zerstört eine Wasserstoffexplosion den oberen Teil des Reaktorgebäudes von Block 1. Zwei Tage später passiert das Gleiche in Block 3. Am vierten Tag nach dem Beben zerstört eine Explosion auch das Reaktorgebäude von Block 4. Radioaktivität tritt nach draussen, 78 200 Menschen, die im Umkreis von 20 Kilometern leben, müssen ihre Häuser verlassen. Die japanische Regierung kommt in ihrem Bericht vom 7. Juni 2011 zum Schluss, dass die Betriebs- und Sicherheitssysteme gegen Erdbeben genügend gesichert waren, die Gefahr von Tsunamis wurde aber massiv vernachlässigt. Zudem machte sie öffentlich, dass Wissenschaftler und Sicherheitsexperten in den vergangenen 20 Jahren die Betreiberin des Werks in Fukushima, Tepco, wiederholt vor Tsunamis gewarnt hatten. Dies hatte jedoch keine wesentlichen Auswirkungen auf die Sicherheit der Anlagen.

Kosten von fast 90 Milliarden

Dafür steht jetzt ein umso mühseligerer Prozess bevor. Aufgrund der Erfahrungen von anderen AKW-Unglücken, insbesondere im amerikanischen Kraftwerk Three Mile Island im Jahre 1979, wird es bis zu 40 Jahre dauern, bis die zerstörten Reaktorkerne in den verschiedenen Blöcken entfernt und entsorgt sind. Die Kosten dafür belaufen sich auf über 49 Milliarden Franken. Dazu kommen nochmals 44 Milliarden Franken, welche die Betreiberin Tepco als Entschädigung für die vom GAU betroffenen Personen leisten muss. Und für drei frühere Topmanager des Betreiberkonzerns Tepco hat der GAU ein juristisches Nachspiel. Dem früheren Tepco-Chef und den zwei früheren Vizepräsidenten wird vorgeworfen, es unterlassen zu haben, das Atomkraftwerk gegen eine Katastrophe durch Tsunamis zu schützen. Erst kürzlich hatte der Betreiber zudem eingestanden, zu spät über die Kernschmelze informiert zu haben.

Noch immer Sperrzone

Bislang sind durch die ausgetretene Strahlung glücklicherweise keine Menschen ums Leben gekommen. Grosse Teile des Krisengebiets können aber fünf Jahre nach der Katastrophe immer noch nicht oder nur eingeschränkt betreten werden. Messungen der Umweltorganisation Green Cross zeigen, dass auch Gebiete ausserhalb der Sperrzone noch radioaktiv verseucht sind. Japan macht nur kleine Schritte Richtung Normalität.

Dieser Luzerner wacht über die Entsorgungs-Milliarden

Er mag es gerne komplex: Christof Strässle in seinem Büro in Luzern. (Bild: Nadia Schärli  (Neue LZ))

Er mag es gerne komplex: Christof Strässle in seinem Büro in Luzern. (Bild: Nadia Schärli (Neue LZ))

Kernenergiebu. Christof Strässle (57) arbeitete für die Banken Leu und Vontobel. Danach war er bei der Luzerner Kantonalbank während zehn Jahren als Mitglied der Geschäftsleitung fürs Private Banking zuständig, bevor er sich als unabhängiger Vermögensberater 2010 selbstständig machte und heute vermögende Privatpersonen, Stiftungen und Pensionskassen berät. Seit Anfang Jahr ist er Mitglied der Verwaltungskommission des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds für Kernanlagen, gewählt vom Bundesrat. Zudem präsidiert er dessen Anlageausschuss. Seine Aufgabe: Er steuert, koordiniert und überwacht das Milliardenvermögen, welches es für die Stilllegung und Entsorgung der Kernkraftwerke braucht.

Das ist einfacher gesagt als getan. 6,2 Milliarden Franken liegen derzeit in dem Topf. «Mit einem Milliardenvermögen und einem langfristigen Anlagehorizont erschliessen sich Anlagemöglichkeiten, die für die meisten Investoren nicht oder nur begrenzt zugänglich sind. Andererseits gestaltet es sich schwierig, grosse Volumen in Nischen zu investieren, ohne die Preise zu seinen Ungunsten zu beeinflussen», sagt er.

20 Milliarden sind nötig

Seit 1984 sind die Kernkraftwerkbetreiber verpflichtet, Gelder in den Stilllegungsfonds einzuzahlen und seit 2002 in den Entsorgungsfonds. Insgesamt werden für das Ende der Atomkraftwerke laut der Studie des Bundes 20,7 Milliarden Franken notwendig sein. Davon müssen durch die Fonds 11,4 Milliarden gedeckt werden können. 9,4 Milliarden entfallen auf Entsorgungsausgaben vor Ausserbetriebnahme und die Nachbetriebsphase der Kernkraftwerke, welche die Eigentümer der Kernanlagen aus der laufenden Rechnung bezahlen müssen. Bis Ende 2015 belaufen sich die durch die Betreiber bezahlten Kosten auf 5,5 Milliarden.

Die Kriterien, welcher Betreiber wie viel jährlich in den Fonds einzuzahlen hat und wie die Gelder letzten Endes angelegt werden, sind für Laien ein Buch mit sieben Siegeln. Genau das ist es aber, was Strässle liebt. «Mich faszinieren komplexe Sachverhalte. Und dass hier noch die politische Komponente mit ins Spiel kommt, macht es für mich umso reizvoller», sagt er.

2019 wird Strässle ein erstes Mal richtig gefordert sein. Wenn es nach dem Willen der Bernischen Kraftwerke geht, wird dann das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz gehen. Noch fehlt zwar der Segen des Bundes dazu. Aber sicher ist, Mühleberg soll so bald als möglich vom Netz gehen. «Je länger der Anlagehorizont, desto risikoreicher darf die Anlagestrategie sein. Umgekehrt ausgedrückt: Je näher der Kapitalbedarf rückt, desto weniger Kursschwankungen wollen wir im Portfolio.» Sprich: Strässle und sein Team setzen alles daran, die Risiken des Anlagefonds zu minimieren, damit die Gelder rechtzeitig zur Verfügung stehen. Etwas anderes kann er sich nicht leisten.

Explosion im AKW Daiichi. (Bild: AP)

Explosion im AKW Daiichi. (Bild: AP)