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EPIDEMIE: Cholera bedroht den Jemen

Cholera wäre normalerweise relativ einfach zu behandeln. Nicht aber im Jemen, wo der Krieg tobt. Ohne fremde Hilfe könne das Land nicht mehr überleben, mahnt Astrid Nissen vom Deutschen Roten Kreuz, die gerade im Krisengebiet war.
Michael Wrase
Ein Vater wartet mit seiner Tochter vor einem Spital in Sanaa. (Bild: Maria Korkunc (24. Mai 2017))

Ein Vater wartet mit seiner Tochter vor einem Spital in Sanaa. (Bild: Maria Korkunc (24. Mai 2017))

Interview: Michael Wrase

Guten Tag, Frau Nissen, Sie kommen gerade aus Sanaa. Wie ist die Sicherheitslage in der einst schönsten Stadt Arabiens?

Es war schon beeindruckend, als wir mit unserer kleinen Maschine in Sanaa gelandet sind. Zu beiden Seiten der Landebahn sieht man zerbombte Hangars, ausgebrannte Passagiermaschinen, verkohlte Hubschrauber, Wrackteile. In der verwaisten Ankunftshalle fehlen Fensterscheiben. Da beschleicht einen schon ein mulmiges Gefühl. Man passiert Checkpoints mit vielen Bewaffneten, man spürt fast überall, dass man nicht an einem normalen Ort ist.

Sanaa wird noch immer von der saudischen Luftwaffe bombardiert?

Jeden Tag, meist in der Nacht. Das ist ein entsetzliches Gefühl für jemanden, der Bombenangriffe noch nie erlebt hat.

Der Jemen erlebt gegenwärtig die schlimmste Choleraepidemie, die jemals dokumentiert worden ist. Wie haben Sie in den letzten Tagen die aktuelle medizinische Situation erlebt?

Cholera wäre unter normalen Umständen ja eine relativ leicht zu behandelnde Krankheit. Inzwischen haben wir aber 7000 neue Infektionen jeden Tag. Und bis Ende des Jahres könnte die Zahl der Infizierten von derzeit 400 000 auf über 600 000 steigen. 45 Prozent der medizinischen Einrichtungen sind zerstört, weil sie gezielt bombardiert worden sind oder in Kampfhandlungen beschädigt wurden. Hinzu kommt, dass in den öffentlichen Einrichtungen das medizinische Personal seit vielen Monaten nicht mehr bezahlt wird.

Und die vorhandenen Medikamente dürften bei weitem nicht ausreichen?

Das ist richtig. Und sie sind für grosse Teile der Bevölkerung vor allem unerschwinglich, was dazu geführt hat, dass die an Cholera erkrankten Menschen relativ lange warten, bis sie überhaupt in ein Spital gehen. Das heisst, die Patienten, die dort ankommen, sind bereits in einem relativ kritischen Stadium, und der medizinische Aufwand, der betrieben werden muss, um sie zu retten, ist vergleichsweise gross. Deshalb fokussieren wir unsere Bemühungen auf Aufklärungskampagnen.

Zum Beispiel?

Wir gehen in die ländlichen Gebiete, auf die Märkte und erläutern einfache Hygienemassnahmen, erklären, wie Nahrungsmittel zubereitet werden müssen, um eine Choleraansteckung zu vermeiden. Darüber hinaus unterstützen wir mit der Bereitstellung von Medikamenten die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen sowie die des jemenitischen Roten Halbmondes, unserer Schwesterorganisation. Wir stellen Chlor für die Wasserbehandlung und Choleratests zur Verfügung und Dieselkraft für Generatoren, da die Stromversorgung fast zusammengebrochen ist.

Im Jemen können an das medizinische Personal keine Gehälter mehr bezahlt werden. Finden Sie dennoch Freiwillige, die helfen?

Ja. Der jemenitische Rote Halbmond hat Tausende von freiwilligen, sehr engagierten Helfern. Allerdings nur wenig medizinisches Fachpersonal. Das geht jetzt vermehrt in private Gesundheitseinrichtungen, wo noch Gehälter bezahlt werden.

Der Krieg im Jemen hört nicht auf. Haben Sie als Hilfsorganisation überhaupt eine Chance, die Seuche effektiv zu bekämpfen?

Die Herausforderungen sind gewaltig. Als einzelne Organisation können wir angesichts dieser komplexen Situation wenig ausrichten. Viele Akteure sind jetzt gefordert. Sie müssen sich mit dem jemenitischen Halbmond abstimmen, um erfolgreich zu sein. Der jemenitische Halbmond kennt sich vor Ort sehr gut aus und ist überall präsent.

Die sogenannte arabische Koalition erschwert die Bereitstellung von humanitärer Hilfe gewaltig. Wie bringen Sie Ihre Hilfe in das Land?

Unter grossen Schwierigkeiten. Der grösste Hafen in Hodeida wurde durch Bombenangriffe weitgehend zerstört. Hilfslieferungen auf dem Landweg werden durch die Checkpoints der Konfliktparteien erschwert. Das IKRK steht mit ihnen in permanenten Verhandlungen, um Überlebenshilfe so schnell wie möglich ans Ziel zu bringen, was nicht immer leicht ist.

Wie gehen eigentlich die Jemeniten damit um, dass ihr Land offenbar dem Untergang geweiht ist?

Es ist ja nicht nur die Choleraepidemie, von der der Jemen bedroht ist. Sieben Millionen Menschen sind von einer ganz massiven Hungersnot betroffen. Da ist auf der einen Seite eine gewisse Resignation zu spüren. Auf der anderen Seite ist der Überlebenswille der Menschen gewaltig, wirklich beeindruckend.

Wie haben Sie das erlebt?

Nachdem in der Nacht noch die Bomben gefallen sind, stehen die Menschen am Morgen auf, schütteln sich mit dem Gebetsruf des Muezzins. Und das Leben geht weiter, weil es weitergehen muss. Auch im Krieg gibt es ein gewisses normales Leben in Sanaa. Die Jemeniten sind freundlich, herzlich und glücklich, dass wir gekommen sind, um zu helfen. Anderseits erlebe ich auch, dass es dem Personal der Hilfsorganisationen mit der Zeit schon an die Substanz geht.

Über die humanitäre Katastrophe im Jemen wird in den westlichen Medien wenig berichtet. Wie erklären Sie sich dieses Desinteresse?

Der Jemen hat ein gewisses Stigma in der öffentlichen Wahrnehmung. Schon vor dem Krieg stand das Land im Abseits. Dabei ist das Land auf internationale Hilfe angewiesen, um überleben zu können.

Hinweis

Astrid Nissen ist Leiterin des Regionalbüros Naher Osten des Deutschen Roten Kreuzes.

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