Er betet täglich für den Terroristen: Farid Ahmed hat den Anschlag in Christchurch nur knapp überlebt

Der Attentäter Brenton Tarrant wurde in der Nacht auf Donnerstag zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hat 51 Menschen getötet. Auch Farid Ahmeds Frau.

Matthias Stadler aus Christchurch
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Farid Ahmed, 57, entkam dem Kugelhagel in der Al-Noor-Moschee nur knapp.

Farid Ahmed, 57, entkam dem Kugelhagel in der Al-Noor-Moschee nur knapp.

Matthias Stadler

Lebenslänglich. Das ist das Urteil für Brenton Tarrant, der am 15. März 2019 im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen in einem Terroranschlag erschossen und 40 weitere verletzt hat. Der 29-jährige Australier wird nie wieder frei kommen, es gibt keine Chance auf vorzeitige Entlassung. Das hat das Gericht in Christchurch am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) entschieden. Es ist das härteste Urteil, das Neuseelands Richter je gesprochen haben.

Der Rechtsextremist nahm das Urteil regungslos hin. Opfer und Angehörige im Gerichtssaal und Gebäude blieben ruhig. Als sie nach und nach vor das Gerichtsgebäude im Zentrum Christchurchs traten, jubelten ihnen Hunderte Menschen zu.

Eines der Opfer des Anschlags auf die beiden Moscheen in Christchurch ist Farid Ahmed. Der Muslim, der seit einem Unfall vor sieben Jahren an den Rollstuhl gebunden ist, besuchte an jenem 15. März 2019 zusammen mit seiner Frau die Al-Noor-Moschee. Die Ahmeds waren dort regelmässige Gäste.

«Der Terrorist ist das grössere Opfer als ich»

Kurz vor 14 Uhr betrat Brenton Tarrant das kleine Glaubenshaus im Osten der Stadt – bis an die Zähne bewaffnet. Er hatte nur ein Ziel: So viele Muslime wie möglich umzubringen. 190 Gläubige befanden sich für das Freitagsgebet in der Moschee, 44 Personen starben, weitere 7 kamen bei einer zweiten Attacke auf eine zweite Moschee kurz danach ums Leben. Auch Farid Ahmeds Ehefrau Husna starb im Kugelhagel. Der 57-Jährige hingegen konnte sich unbemerkt aus einem Seitenraum entfernen und sich hinter seinem geparkten Auto verstecken, während der Terrorist auf dem Grundstück kaltblütig Menschen aus nächster Nähe erschoss. Nicht einmal Kleinkinder hat er verschont.

Doch so grausam die Tat war, so gross das Leid ist, das der rechtsextrem Attentäter verursacht hat: Schon wenige Tage danach hat Farid Ahmed dem Terroristen öffentlich verziehen. An diesem Entscheid haben auch all die grausigen Details nichts geändert, die beim viertägigen Prozess ans Licht kamen. Auch nicht die Tatsache, dass Brenton Tarrant sagte, er hätte noch mehr Muslime umgebracht, wenn es ihm möglich gewesen wäre. «Ich bete für den Terroristen», sagt Farid Ahmed bei unserem Besuch.

«Er ist fehlgeleitet, er braucht Orientierung. Er ist das grössere Opfer als ich.»
Hier geschah am 15. März 2019 das Undenkbare: die Al-Noor-Moschee im neuseeländischen Christchurch.

Hier geschah am 15. März 2019 das Undenkbare: die Al-Noor-Moschee im neuseeländischen Christchurch.

Matthias Stadler

Ihm ist einzig seine 16-jährige Tochter geblieben. Mit ihr hat er direkt nach der Tat gesprochen und geweint: „Noch am gleichen Tag entschieden wir uns, dass für uns der Weg der Vergebung am besten ist.“ Die Zeit zurückdrehen, das habe er sowieso nicht tun können. „Wie ich mit der Tragödie umgehen soll, das konnte ich aber selber entscheiden.“ Alles negativ sehen und dadurch nur noch mehr leiden, das sei eine Möglichkeit gewesen. Farid Ahmed aber wollte die Zeit, die ihm bleibt, für etwas zu nutzen, das besser für ihn, seine Tochter und die Gesellschaft sei.

«Wir wollten uns unseren inneren Frieden nicht von ihm bestimmen lassen. Wir wollten unsere Herzen frei von Hass, Wut und Depression halten.»
Solidaritätskundgebungen vor dem Gerichtsgebäude in Christchurch.

Solidaritätskundgebungen vor dem Gerichtsgebäude in Christchurch.

Keystone

Während des viertägigen Prozesses gegen Brenton Tarrant haben sich 90 im Gerichtssaal direkt an den Täter gewandt: einer junge Frau, die seit dem Attentat an den Rollstuhl gebunden ist, mehrere Teenager, die Angehörige verloren haben, Väter, deren Kinder im Kugelhagel starben. Mehrere Sprecher begrüssten die Anwesenden auf Arabisch mit« Salam aleikum (Friede sei mit euch)», und dann, an den Attentäter gewandt: «Ausser mit dir.» Von Tag zu Tag wurde die Stimmung emotionaler, die Angehörigen wütender. «Ratte», «Monster», «Feigling», «Teufel» – manche der Opfer liessen ihrer Wut freien Lauf. Farid Ahmed aber war nicht im Gerichtssaal.

«Seine Kugeln haben genug gesagt. Ich kenne seine Botschaft des Hasses, der Wut, der Gewalt und des Tötens. Das ist nichts Neues für mich.»

Trotzdem möchte er den Mörder seiner Frau irgendwann persönlich treffen. «Ich will, dass er mir von seinem Leben erzählt. Ich will ihm zuhören und ihm helfen. Denn ich habe Mitgefühl mit ihm, weil er ein Mensch und somit mein Bruder ist. Ich liebe ihn als Mensch. Ich trage ihm nichts nach und habe meinen Frieden gefunden. Er aber nicht.»

Der Täter wollte lieber schweigen

Farid Ahmed, der gelernte Maschinenbauingenieur, ist heute als Homöopath tätig und lehrt in der betroffenen Al-Noor-Moschee. Er hat ein Buch über seine verstorbene Frau geschrieben und reist seit dem Terrorakt um die halbe Welt, wo er ranghohe Politiker und Adelige trifft und an Konferenzen spricht. Überall verkündet er seine inspirierende Botschaft. Die Botschaft, dass er gegenüber dem Terroristen, der nun bis an sein Lebensende hinter Gittern sitzen wird, keinen Hass empfinde.

Brenton Tarrant nahm das Urteil regungslos hin. Er hatte keine Einwände gegen das Urteil. Etwas sagen oder sich entschuldigen, das wollte er nicht.

Wird der Täter nach Australien ausgeschafft?

Nach der Urteilsverkündung steht jetzt eine mögliche Ausschaffung des Täters Brenton Tarrant, 29, im Raum. Vizepremierminister Winston Peters will den Australier in sein Heimatland zurückbringen lassen, wie er gleich nach der Urteilsverkündung mitteilte. Die Kosten für dessen Haft seien immens und sollten nicht dem neuseeländischen Steuerzahler aufgebürdet werden. Ob das passiert, ist offen, da Neuseeland kein entsprechendes Abkommen mit Australien hat.

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sagte, diese Angelegenheit müsse an einem anderen Tag besprochen werden. Der australische Premierminister Scott Morrison teilte mit, es sei „richtig, dass wir nie wieder etwas von ihm sehen oder hören werden.“ Die Frage der Ausschaffung nach Australien sei von Neuseeland noch nicht gestellt worden.

Manche Vertreter der muslimischen Gemeinde sprachen sich während der Anhörung in Christchurch allerdings dagegen aus. Tarrant solle in Neuseeland eingesperrt bleiben, da man so garantieren könne, dass er auch in Gefangenschaft bleibt. (mst)