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Er fordert Stadtstaaten
für Palästinenser

Der israelische Politikwissenschaftler Mordechai Kedar erklärt, wieso er das Atomabkommen mit dem Iran für einen Fehler hält. Und er skizziert eine aussergewöhnliche Lösung für den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.
Interview: Dominik Weingartner
«Ich verstehe die Haltung der Europäer gegenüber dem Iran nicht», sagt der israelische Politikwissenschaftler Mordechai Kedar. Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 3. Juni 2018)

«Ich verstehe die Haltung der Europäer gegenüber dem Iran nicht», sagt der israelische Politikwissenschaftler Mordechai Kedar.
Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 3. Juni 2018)

Mordechai Kedar, was ist die grösste Gefahr für Israel?

Der Iran. Er übernimmt den Mittleren Osten, Jemen, Irak, Syrien, Libanon. Und in der Mitte sind Saudi-Arabien, Jordanien und Israel. Das wollen sie. Alles was zwischen dem Mittelmeer und dem Iran liegt, wollen sie haben. Und sie sagen das, sie versuchen nicht mal, es zu verstecken. Wir sollten das ernst nehmen. Wir spüren die Gefahr. Sie versuchen, sich in Syrien festzusetzen. Die Welt sagt nicht viel dazu, speziell die frühere amerikanische Regierung, die das erlaubt hat. Deshalb laufen so viele Menschen weg Richtung Europa. Europa lässt es zu, dass der Iran seinen Einfluss ausbaut und die Menschen flüchten nach Europa.

Sollte Europa das Atomabkommen mit dem Iran auch kündigen?

Das Atomabkommen hätte es nie geben dürfen. Aus vielen Gründen. Unglücklicherweise stehen die Europäer Schlange, um im Iran zu investieren. Ich glaube, das ist es, was die Europäer zur Kooperation mit dem Iran antreibt. Obwohl die Iraner den Rest des Mittleren Ostens einschüchtern. Und Europa ist mit der Flüchtlingswelle auch betroffen. Ich verstehe die Haltung der Europäer gegenüber dem Iran nicht. Am Ende des Tages schadet das Abkommen Europa.

Was ist Ihrer Ansicht nach schlecht am Atomabkommen?

Erstens ist es nur 15 Jahre gültig. Danach ist es vorbei. Würden Sie ein Haus kaufen, um nach 15 Jahren herauszufinden, es gehört Ihnen gar nicht? Warum sollte jemand mit Verstand ein solches Abkommen unterschreiben? Zweitens beinhaltet es seltsame Punkte. Die Iraner werden 20 Tage vor einer Inspektion informiert. In 20 Tagen können sie alles verstecken. Das ist keine Inspektion. Drittens deckt das Abkommen nur die nukleare Frage ab. Es beinhaltet nichts zum Raketenprogramm, das auch sehr gefährlich ist. Nuklearwaffen ohne Raketen bringen nicht viel. Es ist dumm, den Iranern zu erlauben, ihre Raketenprogramme fortzuführen.

Wie hätte man das Problem denn lösen sollen?

Es gibt nur etwas, das die Iraner verstehen. In der Politikwissenschaft nennen wir das «glaubwürdige Drohung». Die Welt hätte all ihre Militärkräfte rund um den Iran sammeln und eine Botschaft aussenden sollen: «Liebe Mullahs, ihr habt eine Woche Zeit, um alle Anlagen abzubauen und aus dem Land zu bringen. Sonst machen wir euch dem Erdboden gleich. Keine Verhandlungen, ihr habt genau eine Woche Zeit. Wir meinen es ernst.» Je glaubwürdiger die Drohung ist, desto kleiner ist die Gefahr, sie benutzen zu müssen. Es wäre kein Schuss gefallen, weil der Iran nicht suizidal ist.

Sehen Sie eine reale Gefahr für einen Krieg zwischen dem Iran und Israel?

Indirekt schon. Der Iran führt indirekte Kriege, siehe Jemen oder Libanon. Sie schicken immer andere, um die Drecksarbeit zu verrichten. Sie geben Raketen, Geld und Unterstützung. Wir haben bereits die Hamas und den islamischen Dschihad im Gaza, die vom Iran finanziert werden. Diese Gruppierungen müssen Israel bekämpfen, um weiter Geld vom Iran zu erhalten. Indirekt haben wir also bereits kleine Kriege mit Söldnern des Irans. Ich sehe aber keinen direkten Krieg zwischen dem Iran und Israel, solange der Iran Israel nicht direkt angreift.

Sie sehen auch die Zweistaatenlösung als Gefahr für Israel. Weshalb?

Ein künstlicher palästinensischer Staat braucht einen äusseren Feind, um alle Einwohner unter seinem Dach zu vereinigen. Der Mittlere Osten ist vereinfacht gesagt in zwei Arten von Staaten aufgeteilt: erfolgreiche Staaten und gescheiterte Staaten. Die gescheiterten Staaten sind Konglomerate aus verschiedenen Stämmen, ethnischen und religiösen Gruppierungen, wie der Irak, Syrien, Jemen, Libyen oder der Sudan. Im Sudan gibt es 600 verschiedene Stämme! Diese Staaten scheitern, weil sie künstlich sind. Sie versuchen, die traditionellen Loyalitäten auszulöschen. Und sie werden nie eine Nation. Meistens dominiert eine kleine Gruppe. So wird der Staat zum Feind der anderen Gruppen. Deshalb ist die Geschichte des Mittleren Ostens im 20. Jahrhundert eine Geschichte von Kriegen zwischen den Regimes und der Bevölkerung. Die Staatsgrenzen wurden anhand der Interessen der Kolonialmächte Grossbritannien, Frankreich oder Italien gezogen.

Und die erfolgreichen Staaten?

Die erfolgreichen Staaten sind die Golfemirate: Kuwait, Katar und die sieben Emirate, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zusammengefasst sind. Die VAE sind nicht ein Staat wie die USA. Sie sind unabhängig, souverän und getrennt. Sie haben aber eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Küstenwache und ein gemeinsames Aussenministerium. Diese Länder sind reich und friedlich. Viele glauben, dies sei wegen des Öls so, aber das ist falsch. Dubai hat kaum Öl. Irak hingegen hat viel Öl. Wenn Öl der entscheidende Faktor wäre, wäre der Irak ein Paradies und Dubai die Hölle. Aber die Situation ist genau umgekehrt. Der Grund dafür ist, dass jedes dieser Emirate ein Stamm ist. Die Gesellschaft ist homogen und stabil. Deshalb gibt es eine funktionierende Politik.

Aber es sind keine Demokratien.

Die Emirate funktionieren ohne Wahlen. Sie haben Leadership, echte, traditionelle Leadership. Der Stammesführer würde bei einer Wasserknappheit als Letztes Wasser trinken, weil er verantwortlich handelt. Die moralischen Codes dieser Stämme sind extrem stark. Darum funktionieren diese Gesellschaften. Niemand versucht, die Führung auszutauschen, weil die Führungen verantwortlich handeln. Diese Staaten sind reich wegen ihrer Stabilität.

Und das sehen Sie auch als Erfolgsrezept für die Palästinenser?

Es gibt bis anhin keine palästinensische Nation. Niemand vom Gazastreifen würde jemanden von der Westbank heiraten. Die Menschen in der Westbank schauen auf die Menschen in Gaza herab, weil die meisten Menschen in Gaza von Beduinen abstammen. Sie glauben, dass diese Menschen primitiv sind. Aber auch in der Westbank gibt es kaum Heiraten zwischen den unterschiedlichen Städten, weil sie sich nicht zueinandergehörig fühlen. Mein Punkt ist: Wieso sollte man dem gescheiterten Paradigma folgen und ein Konglomerat von verschiedenen Stämmen bilden? Es wäre besser, dem erfolgreichen Paradigma zu folgen, und das sind die Emirate. Also jedem Clan in jeder Stadt ein Emirat geben.

Wie kommt Ihre Idee bei den Palästinensern an?

Kürzlich erhielt ich eine Nachricht von einem führenden Gewerkschafter aus Nablus. Er schrieb mir «Wow, das ist die Lösung. Wir brauchen die Leute aus Hebron nicht, die sind traditionell. Wir sind eher fortschrittlich.» Er will jetzt ein Emirat gründen. Ähnliches höre ich aus der Führung von Hebron. Die wollen nicht, dass Ramallah ihnen sagt, was sie tun sollen. Ramallah ist säkular, Hebron hingegen ist sehr traditionell. Wenn man jeder Gruppe, jeder Stadt ein Emirat gibt, entsteht ein friedliches Miteinander. In jeder Stadt gibt es schon jetzt ein Stammesgericht, in dem die Familien vertreten sind. Alle gehorchen diesen Gerichten. Die Menschen gehen nicht zur Autonomiebehörde oder zur Polizei.

Haben die politischen Gruppierungen ein Interesse an dieser Lösung?

Es kommt darauf an, wen Sie fragen. Die Fatah würde verlieren. Sie ist aber schon heute schwach. Die Hamas würde in einem palästinensischen Staat vielleicht wieder Wahlen gewinnen, wie schon 2006. Bis heute hat sie die Mehrheit im Legislativrat, weil die Leute aus Protest für die Hamas und gegen die Autonomiebehörde gestimmt haben. Das könnte wieder passieren. Wenn wir einen palästinensischen Staat etablieren, könnte er am nächsten Tag ein Hamas-Staat sein. Entweder durch Wahlen oder durch einen Staatsstreich. Niemand mit Verstand würde so etwas erlauben. Auch unter den Linken in Israel gibt es immer weniger Unterstützer für einen palästinensischen Staat. Die Emirate-Lösung ist die einzige, die überleben kann, weil sie auf Soziologie basiert und nicht auf Träumen.

Der Politikwissenschaftler Mordechai Kedar (65) lehrt an der Bar-Illan-Universität in Tel Aviv. Er gilt in Israel als einer der führenden Experten für arabische Kultur.

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