Der Aktivist Raphaël Glucksmann mischt die französische Linke auf

Der Aktivist Raphaël Glucksmann gründet eine neue politische Formation. Im Visier hat er die Wähler von Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon.

Stefan Brändle, Paris
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Steigt in die Politik ein: Raphaël Glucksmann. Bild: Thomas Padilla/Keystone (15. November 2018, Paris)

Steigt in die Politik ein: Raphaël Glucksmann. Bild: Thomas Padilla/Keystone (15. November 2018, Paris)

Der Moment ist günstig, Frankreichs Linke liegt brach. Präsident Emmanuel Macron hat die Hoffnungen vieler Sozialisten enttäuscht, Linksaussen Jean-Luc Mélenchon sich mit aggressivem Verhalten disqualifiziert. Daher wohl der Volksauflauf am vergangenen Donnerstagabend im Pariser Vorort Montreuil. Hunderte strömten in das Kulturzentrum «La Marbrerie», um der ersten Versammlung von «place publique» (öffentlicher Platz) beizuwohnen. Viele erhielten keinen Einlass, und noch mehr verfolgten den Anlass live auf den sozialen Medien – mit ein Zeichen, wie gross die Erwartungshaltung war.

Sie galt vor allem einer Person – Raphaël Glucksmann, dem 39-jährigen Gründer von «place publique». Der Sohn des 2015 verstorbenen Philosophen André Glucksmann liess indes seinen Mitstreitern den Vortritt, sei es, um die Spannung im Saal zu erhöhen oder sich in «partizipativer Demokratie» zu üben. Junge Aktivistinnen und Aktivisten berichteten zuerst von ihren Initiativen für Textilarbeiterinnen, nachhaltige Fischerei oder eine Migrantenschule. Der linke Ökonom Thomas Porcher geisselte die Steuerfreiheit von US-Konzernen wie Starbucks, der Anwalt Jérôme Karsenti die Korruption; und die Ökologin Claire Nouvian erklärte, warum die Macron-Regierung der Nuklear- und der Jägerlobby verpflichtet sei – was beim Rücktritt von Umweltminister Nicolas Hulot augenfällig geworden sei.

Das war die Vorlage für Glucksmann, der nach stundenlangem Warten wie ein Star empfangen wurde, auch wenn er freimütig sein Lampenfieber eingestand. «Wir werden das Haus wieder aufbauen», versprach er an die Adresse der französischen Linken. «Dazu heissen wir alle Vereinigungen und Parteien willkommen.» Der Neustart sei unerlässlich, da die europäischen Gesellschaften «auf der Kippe» stünden – klimatisch, politisch und sozial. Und für die Migranten: «Wir dürften nie daran denken, was sich wahltaktisch auszahlt», meinte der frühere Berater des georgischen Ex-Präsidenten Michail Saakaschwili und erklärte, warum in Umfragen zwei Drittel gegen die Migranten seien: «Natürlich, weil keine politische Partei dafür eintritt!»

Glucksmann, der behauptet, er sei auf Macrons Betreiben als Chefredaktor des «Nouveau Magazine Littéraire» gefeuert worden, nennt seine Neugründung eine «Bürgerbewegung»; parteipolitische Aussagen vermeidet er bewusst. Nachzulesen sind sie in seinem neuen Buch «Les enfants du vide» (Die Kinder der Leere), das gerade in die Buchhandlungen gekommen ist. Die zentrale Aussage lautet: «Von Ökologie zu sprechen, ohne von Europa zu sprechen, und umgekehrt, ist heute unmöglich.» Damit grenzt sich Glucksmann von seinen beiden politischen Hauptgegnern ab, wie er in einer Fussnote selber schreibt: «Emmanuel Macron ist ein beherzter Europäer, aber er kümmert sich nicht genug um Ökologie, Jean-Luc Mélenchon ist wiederum für den Umweltschutz, aber er verachtet zu sehr die europäische Idee.»

Wie konkret Glucksmanns politisches Engagement ist, zeigte an dem Gründerabend auch die Präsenz vieler Linkspolitiker von den Grünen bis zu den Kommunisten. Abwesend waren nur die «Mélenchonisten» und die trotzkistischen «Antikapitalisten». Sie nannten Glucksmann einen «kleinen Links-Bonaparte» und meinten, «place publique» sei «bezeichnend für das aktuelle Klima, das persönliche Initiativen fördert».

Die Medien anerkennen, dass Glucksmanns erstes politisches «Meeting» gelungen sei. Über seine Zukunftschancen schweigen sie sich allerdings vorsichtig aus. Glucksmanns Mitgründerin Nouvian zeigte sich allerdings überzeugt, dass die neue Formation in Frankreich «mehrheits­fähig» sei. Zumindest dürfte sie in der Lage sein, den vielen Überläufern zu Macron oder Benoît Hamon ein neuartiges Auffangbecken jenseits der alten Parteistrukturen zu bieten.