Terrorismus
Er reiste ins Herz des IS – zurück brachte er diese sieben Einsichten

Die CNN-Reportage des Publizisten und ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer aus dem Kern des Islamischen Staates sorgt für Aufsehen. Nun hat er seine Haupterkenntnisse festgehalten. Diese lassen nicht viel Platz für Optimismus.

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Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit IS-Kämpfern.

Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit IS-Kämpfern.

Screenshot CNN

Der deutsche Autor und Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer wagte sich ins Herzen des Islamischen Staates, unter anderem in die Städte Raqqa in Syrien und Mossul im Irak. Seit über einem Jahr arbeitet er an einem Buch über den IS. Todenhöfer: «... ohne Risiko kommt man der Wahrheit nur schwer auf die Spur. Und ich brauchte nun einmal für ein geplantes Buch über den IS authentisches Material. Das aber gibt es nur vor Ort.»

Zur Person

Der Publizist und Autor Jürgen Todenhöfer (74) war von 1972 bis 1990 Bundestagsabgeordneter der CDU. Todenhöfer ist als rechter Politiker bekannt, der auch die von den USA geförderten afghanischen Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützte. Er bereiste mehrfach Kampfzonen in Afghanistan. Den Einmarsch der USA in den Irak und Afghanistan verurteilte er vehement. (rhe)

Das Ergebnis von Todenhöfers Reise ist ein eindrücklicher Dokumentarfilm, der diese Woche auf CNN ausgestrahlt wurde.

In einem Eintrag auf Facebook hält Todenhöfer nun das Fazit seiner Reise in sieben Punkten fest:

1. Der Westen unterschätzt IS-Gefahr dramatisch

Todenhöfer schreibt, die IS-Kämpfer seien «erheblich cleverer und gefährlicher, als unsere Politiker annehmen». Es herrsche eine «rauschartige Begeisterung und Siegeszuversicht», was zu einer aussergewöhlichen Motivation und Entschlossenheit führe. Als Beispiel nennt er die irakische Stadt Mossul, welche seinen Angaben zufolge mit rund 400 IS-Kämpfern gegenüber 25000 irakischen Soldaten eingenommen werden konnte. Aus seinen Gesprächen mit IS-Leuten habe er gemerkt, dass gelegentliche Geländeverluste oder -wechsel diese nicht interessieren würden.

2. Der Zustrom neuer Kämpfer wächst jeden Tag

Bei seinem zweitägigen Besuch in einem IS-Rekrutierungszentrum an der türkischen Grenze stellte Todenhöfer fest, dass täglich über 50 Kämpfer aus aller Welt eintrafen. Und diese seien nicht nur gescheiterte Existenzen, sondern teils sehr gut ausgebildete junge, topmotivierte Leute aus den USA, England, Schweden, Russland, Frankreich, Deutschland und weiteren Ländern. Ein Mann habe erst gerade sein juristisches Staatsexamen absolviert und wurde als Anwalt bei Gericht zugelassen, so Todenhöfer.

3. Der Islamische Staat funktioniert

Der Islamische Staat nehme durchaus seine Aufgaben als Ordnungsmacht wahr. Vor allem in Sachen der inneren Sicherheit und der Sozialfürsorge sorge der Islamische Staat für klare Verhältnisse. Diese Ordnungsmacht werde zum Beispiel von der sunnistischen Bevölkerung des irakischen Teils des IS ohne Widerspruch akzeptiert. Dies auch, weil sie vorher durch das Maliki-Regime brutal unterdrückt wurde.

4. Der IS plant die grösste religiöse Säuberung seit Menschengedenken

Mit Ausnahme der sogenannten Buchreligionen – der «IS-Islam», das Judentum und das Christentum – will der IS alle «Nichtgläubigen und Abtrünnigen töten und ihre Frauen und Kinder versklaven». Das heisse konkret, «alle Schiiten, Jesiden, Hindus, Atheisten und Polytheisten sollen sterben». Dies habe Todenhöfer mit zahlreichen Gesprächen mit IS-Verantwortlichen festgestellt. Todenhöfer: «Juden und Christen sollen als Buchreligionen toleriert werden, müssen aber eine fixe Schutzsteuer von einigen hundert Dollar pro Jahr zahlen. Muslime haben die Zakatsteuer zu zahlen, die bei wohlhabenden Muslimen höher, bei armen Muslimen niedriger sein kann.»

5. «1-Prozent-Bewegung» mit Wirkung eines «nuklearen Tsunamis»

Der IS vertrete laut Todenhöfer allerhöchstens 1 Prozent der 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt. Todenhöfer: «Ich habe bei der Lektüre des Koran vor allem einen barmherzigen Islam kennengelernt. 113 von 114 Suren beginnen mit den Worten: "Im Namen Allahs, des Allerbarmers und Barmherzigen". Von dieser Barmherzigkeit habe ich beim IS nichts verspürt.»

6. Bomben und Raketen sind nutzlos

Todenhöfer beschreibt, dass die 3-Millionen-Stadt Mossul von lediglich 5000 IS-Kämpfern beherrscht werde. Um sie auszuschalten, müsse man die Ganze Stadt «in Schutt und Asche» legen. Nur die gemässigten sunnistischen Araber könnten den IS-stoppen, so Todenhöfer. Dies bedürfe aber an einer wirklichen Teilhabe an der irakischen Gesellschaft, was momentan jedoch in weiter Ferne liege. In Syrien bedürfe es eine realistische Lageeinschätzung. Der Westen habe sich da völlig verrannt.

7. IS-Rückkehrer sind kleine Gefahr

Todenhöfer habe festgestellt, dass IS-Rückkehrer als Verlierer abgestempelt würden, «die das Leben im 'Islamischen Staat' nicht geschafft haben». Eine viel grössere Gefahr für Europa seien noch nicht ausgereiste IS-Sympathisanten.

Auch eine grosse Gefahr seien islamophobe Bewegungen wie die «Pegida». Diese würden Wasser auf die Mühlen des IS lenken und deren Sache zuarbeiten. Der IS habe grosses Interesse an einer Eskalation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Dies habe ihm der IS mehrfach bestätigt.

Abschliessend hält Todenhöfer fest, dass seiner Ansicht nach der IS die momentan grösste Gefahr für den Weltfrieden sei seit dem Kalten Krieg. Todenhöfer: «Wir bezahlen jetzt den Preis für den an Torheit kaum zu überbietenden Überfall George W. Bushs auf den Irak. Der Westen steht dieser Bedrohung bisher konzeptionslos gegenüber.» (rhe)