Orlando-Massaker

Er wurde aus nichtigen Anlässen wütend

Warum blieb Omar Mateen, der Attentäter von Orlando, nicht im Netz der Ermittler hängen?

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Omar Mateen. key

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KEYSTONE

Im Nachhinein scheint klar: Die Warnglocken hätten schon lange läuten müssen. Ein Arbeitskollege sagte, Omar Mateen sei «stets wütend» gewesen und habe häufig damit gedroht, Menschen zu töten. Auch äusserte er sich regelmässig abfällig über Bevölkerungsminderheiten, Schwule und Lesben, Latinos und Afroamerikaner, wie Daniel Gilroy sagte. «Ich war nicht überrascht», sagte er, als er erfuhr, dass Mateen in einem Nachtclub in Orlando (Florida) 49 Menschen ermordet und 53 verletzt hatte.

Die ehemalige Gattin Mateens griff auf ähnliche Worte zurück, um ihre Erfahrungen mit dem Mann zu schildern, der in der Nacht auf Sonntag im Alter von 29 Jahren starb. Sitora Yusifiy sprach von psychischen Problemen, die Mateen gehabt habe: Er sei aus nichtigen Anlässen heraus wütend geworden und habe sie misshandelt, erzählte sie. Besonders religiös sei der Muslim allerdings nicht gewesen. 2011 reichte Yusifiy, nach zwei Jahren Ehe, die Scheidung ein.

Tatsächlich war der gebürtige Amerikaner Mateen auch für die Bundespolizei FBI ein alter Bekannter. 2013 und 2014 wurde er zweimal zu Interviews mit Terror-Ermittlern vorgeladen. Das erste Mal drehten sich die Nachforschungen um wilde Drohungen und Behauptungen, die Mateen an seinem Arbeitsplatz ausgestossen hatte. So soll er im Nachgang zum Anschlag auf den Marathon in Boston behauptet haben, er kenne die beiden Täter. Der junge Mann, dessen Eltern aus Afghanistan stammen, war seit 2007 ein Angestellter der Sicherheitsfirma G4S. 2014 drehten sich die Ermittlungen des FBI um eine Verbindung Mateens mit dem Selbstmordattentäter Moner Mohammed Abu Salha, einem Amerikaner aus Florida, der nach Syrien gereist war und sich dort im Namen der al-Nusra-Front in die Luft gesprengt hatte. Angeblich besuchten die beiden dieselbe Moschee.

Er reiste zweimal nach Mekka

Die Ermittlungen verliefen aber jeweils im Sand. Das FBI sagt heute, es gebe keine gesicherten Hinweise darauf, dass Mateen in direktem Kontakt mit bekannten Terroristen – sei es der al-Nusra-Front, die mit al-Kaida liiert ist, oder des Islamischen Staates – gestanden habe. Mateen reiste in den vergangenen Jahren zweimal ins Ausland: 2011 und 2012 pilgerte er nach Mekka in Saudi-Arabien. Und weil nie ein offizielles Verfahren aufgenommen und schon gar keine Anklage erhoben wurde, war Mateen nicht gerichtsnotorisch. Er besass deshalb einen Waffenschein und war im Staat Florida als Wachmann lizenziert.

Nach seiner Bluttat wird deshalb nun wieder die Forderung publik, das amerikanische Waffenrecht zu verschärfen. Auch wenn die Bevölkerung im Nachgang zu schier unfassbaren Massakern ein gewisses Verständnis für die Einschränkung des in der Verfassung verbrieften Rechts auf Waffenbesitz zeigt: Bisher wurden diese Vorschläge nicht in die Praxis umgesetzt. Im Dezember des vergangenen Jahres sprach sich der Senat in Washington dagegen aus, dieses Recht für diejenigen Menschen einzuschränken, deren Namen sich auf einer Anti-Terror-Liste der Bundesregierung befinden. Dies geschah auch mit dem Hinweis, dass diese Listen fehleranfällig sind – und eine automatische Verknüpfung gegen die Rechtsstaatlichkeit verstossen würde.