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Erdogan: «Europa zeigt sein wahres Gesicht»

Türkei Gestern Mittag wedelte nur noch ein kleines Grüppchen besonders hartnäckiger Erdogan-Anhänger vor dem holländischen Konsulat in Istanbul mit ihren Türkei-Fähnchen. Vor dem Tor des Konsulats stehen Wasserwerfer und Mannschaftstransporter der Polizei. Plötzlich brandet Jubel auf. Auf dem Gebäude des Konsulats steigt plötzlich die türkische Fahne am Mast empor. Ein Mann steht auf dem Dach und schreit «Allah u Akbar», bevor er nach wenigen Augenblicken verschwindet. Es dauert vierzig Minuten, bis die Holländer wieder ihre eigene Fahne gehisst haben. Wie der Mann an allen Polizisten vorbeikommen konnte, blieb ungeklärt.

Noch wenige Stunden zuvor, in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen zwei Uhr morgens, quetschten sich um die tausend Demonstranten in der engen Strasse vor dem Konsulat. Die Stimmung war extrem aufgeheizt, es flogen Eier und Steine in Richtung des Konsulats. Das Äusserste verhinderte dann die Sondereinsatzpolizei. «Wäre sie nicht erschienen», schrieb ein Beobachter auf Twitter, «hätten wir einen Sturm wie in Teheran erlebt.» Bevor es so weit war, hatten türkische Regierungsmitglieder, Abgeordnete der AKP, aber auch die Mainstream-Medien die Stimmung stundenlang aufgeheizt. Als der türkische Aussenminister am Nachmittag gegen den erklärten Willen der holländischen Regierung mit seinem Regierungsflugzeug den holländischen Luftraum erreicht hatte, wurde ihm von der Regierung in Den Haag die Landeerlaubnis verweigert.

Präsident Recep Tayyip Erdogan machte zur selben Zeit in einem Istanbuler Vorort Wahlkampf für seine angestrebte Präsidialregierung. Als ihm die Nachricht überbracht wurde, hielt er kurz inne und rief dann seinen Anhängern zu: Die Nachkommen der Nazis, die holländischen Faschisten haben unseren Aussenminister nicht landen lassen. Sie werden dafür büssen müssen. Damit war der Ton gesetzt. Während die einzige Frau in Erdogans Kabinett, die Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya, in Holland dafür sorgte, dass die Show weiterging, überschlugen sich im türkischen Fernsehen die Kommentare. Es wurde nur noch vom «faschistischen» Europa gesprochen, in dem Islamophobie und Türkenhass grassieren.

Noch in der Nacht wurde dem holländischen Botschafter, der sich im ­Moment in den Niederlanden aufhält, bedeutet, er brauche erst gar nicht zurückzukommen. Als Fatma Betül Sayan Kaya am frühen Morgen aus Köln/Bonn kommend wieder in Istanbul gelandet war, gab sie eine Pressekonferenz, auf der sie sich bitterlich beklagte. Sie sei «harsch und unmenschlich» behandelt worden, und das auch noch als Frau, wenige Tage nach dem Weltfrauentag.

Keine Sanktionen angekündigt

Während die Fernsehsender bis vier Uhr morgens immer dieselben Bilder aus Rotterdam zeigten, wartete das ganze Land auf eine neue Erklärung Erdogans. Doch der hielt sich erst einmal zurück. Stattdessen wurde eine schriftliche Erklärung von Ministerpräsident Binali Yildirim verbreitet, in der er schwerste Strafen für Holland ankündigte.

Erst gestern Nachmittag trat der «Reis» (Führer), wie Erdogan immer häufiger genannt wird, wieder vor die Öffentlichkeit. Ausgerechnet bei einer muslimischen Wohlfahrtsgala unter dem Motto «Die Güte wird die Welt verändern» machte er seiner Empörung über Holland im Besonderen und Europa im Allgemeinen Luft. «In Europa herrscht eine gänzlich islamophobische Entwicklung. Der Nazismus im Westen lebt. Europa zeigt sein wahres Gesicht.» Erdogan lobte seine Familienministerin, die «Widerstand» geleistet habe, und drohte den Holländern, sie würden für die unverschämte Behandlung seiner Minister die «Zeche bezahlen müssen».

Allerdings vermied es Erdogan, wie schon zuvor Ministerpräsident Yildirim und Aussenminister Mevlüt Cavusoglu, konkret zu werden. Ausser dass die diplomatischen Beziehungen eingefroren werden sollen und holländische Politiker die Türkei nicht besuchen dürften, wurden keine Sanktionen angekündigt. Es gibt in der Türkei mehr als 2000 holländische Firmen, die etliche Arbeitsplätze bereitstellen. Sollten deren Aktivitäten eingeschränkt werden, würde dies der türkischen Wirtschaft schaden. Selbst der türkische Fussball könnte Schaden nehmen. Mit Wesly Snijder, Nigel de Jong und Robin van Persie spielen drei holländische Stars in der türkischen Süperlig. In den sozialen Netzwerken wird gefordert, sie aus dem Land zu jagen.

Jürg Gottschlich, Istanbul

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