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Erdogan tüftelt an einer Dynastie

Mit der Ernennung seines Schwiegersohnes zum Finanzminister hievt Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Vertrauten in eine Schlüsselposition. Die internationalen Finanzmärkte reagieren allergisch auf die Personalie.
Gerd Höhler, Athen
Berat Albayrak (rechts), Ehemann der ältesten Tochter von Präsident Recep Tayyip Erdogan, erfreut sich seit Längerem besonderer Förderung. Hier treten sie gemeinsam bei einer Kundgebung für das letztjährige Verfassungsreferendum auf. (Umit Bektas/Reuters, Rize, 3. April 2018)

Berat Albayrak (rechts), Ehemann der ältesten Tochter von Präsident Recep Tayyip Erdogan, erfreut sich seit Längerem besonderer Förderung. Hier treten sie gemeinsam bei einer Kundgebung für das letztjährige Verfassungsreferendum auf. (Umit Bektas/Reuters, Rize, 3. April 2018)

Viele sprechen von ihm nur als dem «damat», dem Schwiegersohn. Aber jeder in der Türkei weiss, wer gemeint ist: Berat Albayrak, der Ehemann von Esra Erdogan, der ältesten Tochter des Staatspräsidenten. Albayrak war Chef der regierungsnahen Calik Holding, zu der auch der Erdogan-treue Medienkonzern Turkuvaz mit der einflussreichen Tageszeitung «Sabah» gehört, bevor er 2015 für Erdogans AKP ins Parlament gewählt wurde.

Wenig später machte Erdogan seinen Schwiegersohn zum Energieminister. Inzwischen hat sich der 40-Jährige für höhere Aufgaben qualifiziert: Albayrak übernimmt die Führung des ­Finanzministeriums, das in der neuen Regierung mit dem Schatzamt zusammengelegt wird. Er bekommt damit eine Schlüsselposition.

Inflation auf dem höchsten Stand seit fast 15 Jahren

Seit langem gilt Albayrak als «Thronfolger» des 64-jährigen Erdogan. Er verbringt auffallend viel Zeit in unmittelbarer Nähe der Erdogan-Familie. Albayrak gehört zu jenem engsten Zirkel, in dem der misstrauische Erdogan nur Menschen duldet, denen er absolut vertraut. Der Staatschef hat zwar zwei Söhne, Bilal und Burak. Aber Schwiegersohn Albayrak erfreut sich besonderer Förderung. Denn er gilt als heller Kopf. Auch unabhängige Beobachter bezeichnen Albayrak als einen der fähigsten Minister der neuen Mannschaft, die Erdogan am Montagabend vorstellte.

Der in den USA ausgebildete Betriebswirt, der über «Die Finanzierung erneuerbarer Energiequellen» promovierte, beeindruckt Gesprächspartner mit seinem perfekten Englisch. Leute, die ihn kennen, loben seine schnelle Auffassungsgabe. Die braucht er auch, denn die Türkei steht vor grossen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Inflation hat den höchsten Stand seit fast 15 Jahren erreicht, das Defizit in der Leistungsbilanz wächst, die Lira hat seit Jahres­beginn fast ein Fünftel ihres Aussenwerts verloren, die Devisenreserven der Zentralbank schmelzen dahin. Analysten sehen Vorboten einer Finanzkrise.

Erdogan setzte bisher darauf, die Konjunktur mit billigen Krediten, staatlichen Subventionen und gigantischen Infrastrukturprojekten anzukurbeln. Es gibt bisher keine Anzeichen, dass sein Vertrauter Albayrak einen anderen Kurs einschlagen wird. Der bisherige Finanzminister Naci Agbal und der für die Wirtschaftspolitik zuständige Vizepremier Mehmet Simsek, ein früherer Investmentbanker, genossen an den Finanzmärkten Ansehen.

Direkter Einfluss auf politische Schlüsselbereiche

Agbal und Simsek galten als Gegengewicht zu dem oftmals emotional und unberechenbar agierenden Erdogan. Doch keiner von beiden gehört der neuen Regierung an. Das deute darauf hin, «dass Erdogan seinen direkten Einfluss auf politische Schlüsselbereiche sofort erhöhen wird, ohne sich dabei gross von Experten beraten zu lassen», schrieben die Analysten der Commerzbank in einer Studie. Ebenso bedenklich aus Sicht der Finanzmärkte: Mit einem gestern erlassenen Dekret bestimmt Erdogan, dass er künftig allein über die Berufung des Chefs der Notenbank und die Besetzung des geldpolitischen Komitees bestimmt. Bisher musste die Ernennung des Zen­tralbankgouverneurs vom Kabinett gebilligt werden.

Damit bestätigt sich die Befürchtung, Erdogan könnte künftig die Geldpolitik an sich reissen und die Unabhängigkeit der Notenbank einschränken. Die Anleger sind alarmiert. Noch am Montagabend verlor die türkische Lira gegenüber dem Dollar über 3 Prozent.

Gestern erholte sich die türkische Währung zwar etwas. Aber der neue «Finanzzar», wie Albayrak in einigen Medien bereits genannt wird, steht vor einem Dilemma: Entweder er setzt Erdogans Politik des billigen Geldes fort, was zu einer harten Landung der aufgeblähten Konjunktur führen könnte, oder er bremst das Wachstum – und riskiert einen Konflikt mit seinem Schwiegervater und Förderer Erdogan.

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