Analyse

Erdogan will in Nordsyrien Tatsachen schaffen

Michael Wrase, Limassol/Afrin
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Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat eine Belagerung der von kurdischen Milizen kontrollierten syrischen Stadt Afrin angekündigt.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat eine Belagerung der von kurdischen Milizen kontrollierten syrischen Stadt Afrin angekündigt.

Burhan Ozbilici

Nachdem die kurdischen Volksverteidigungsmilizen am Montag bekannt gegeben hatten, gemeinsam mit der Assad-Armee die türkische Armee zu bekämpfen, hat es der türkische Präsident plötzlich eilig. Zusätzliche Panzerverbände wurden in die Grenzprovinz verlegt. Gleichzeitig kündigte Recip Tayyip Erdogan die Belagerung der syrischen Grossstadt Afrin an. Darin leben mehr als 500 000 Menschen.

Die Türkei, das wird immer deutlicher, will im Norden von Syrien vollendete Tatsachen schaffen. Einen Monat nach Beginn der Operation «Olivenzweig» möchte sich Erdogan seiner Bevölkerung, die den Einmarsch in Syrien bislang mehrheitlich unterstützte, als grosser Sieger präsentieren. «Die Terroristen», prognostizierte er gestern, «werden bald keine Möglichkeit mehr zum Handeln haben».

Ein Blick auf die fast siebenjährige Geschichte des Stellvertreterkrieges zeigt jedoch, dass wirkliche «Siege» in Syrien niemals errungen wurden. Natürlich konnten Schlachten gewonnen werden. Das «Kalifat» des sogenannten «Islamischen Staates» ist weitgehend zerschlagen worden. Das war vor allem das Verdienst der kurdischen YPG, die von den USA unterstützt wurden. Doch statt nach diesem «Sieg» an einem Strang zu ziehen, streiten sich die Konfliktparteien jetzt um territoriale Hinterlassenschaften der Terrormiliz, die im Verborgenen auf ein Comeback lauert. Dahin die Einheit, die es im Kampf gegen den Dschihad-Terror einmal gab.

Wer zu Jahresbeginn auf eine Kriegsmüdigkeit der Akteure hoffte, sieht sich jetzt getäuscht. Der Stellvertreterkrieg eskaliert: Israel und der Iran attackieren sich gegenseitig. Schiitische Milizen versuchen die syrischen Rebellen in Schach halten und werden dabei von der russischen Luftwaffe unterstützt. Auch die USA haben ihre Truppen in Syrien noch einmal verstärkt. Ihr ursprüngliches Ziel, die «Vernichtung» des IS, haben sie
aber aus den Augen verloren. Ganz anders die Türkei, die aus der Orientierungslosigkeit der beiden Supermächte Kapital zu schlagen versucht.

Ankara wird die syrischen Verbündeten der PKK nicht «vernichten» können, in Syrien aber neue Not, Elend und Wut verursachen. Dies gilt vor allem für die Grossstadt Afrin. Erdogan hat ihre Belagerung angekündigt, das wird eine weitere humanitäre Katastrophe auslösen. Spätestens dann könnte sich die Assad-Armee dazu berufen fühlen, nicht die Kurden, sondern die «Syrer von Afrin» zu retten.

Damit nicht genug: Eine Schlacht um Afrin – mit den unvermeidlichen Bildern toter und verletzter Zivilisten – würde auch die Kurden in der Türkei auf den Plan rufen. Ein Überschwappen des Stellvertreterkrieges in Syrien nach Anatolien selbst ist dann nicht mehr auszuschliessen.

ausland@azmedien.ch