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ERINNERUNGEN AN DIE ALTE BUNDESREPUBLIK: Kindheit mit Kohl

Isabelle Daniel schreibt über einen Ort ihrer Kindheit, an dem Helmut Kohl omnipräsent war.
Isabelle Daniel
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Als Kind wusste ich, wann Frau S. Geburtstag hat. Frau S.’ Geburtstag war Helmut-Kohl-Tag. Zuerst kam das grosse schwarze Auto um die Ecke gebogen, dann stieg Helmut Kohl aus. Jedes Mal mit dabei hatte er einen sehr grossen Blumenstrauss.

Frau S. war Haushälterin bei Kohls und ausserdem die Frau des Kanzler-Chauffeurs, Herrn S. Ich kannte Herrn und Frau S. jedoch vor allem als Nachbarn meiner Grosseltern. An Frau S.’ Geburtstag traf man auch auf die ansonsten eher diskreten Bewohner der umliegenden Häuser – war es doch jener Tag, an dem man in der Nachbarschaft ganz zufällig den Vorgarten jätete, die Haustüre putzte oder, wie ich, möglichst unauffällig auf der Strasse spielte. So lange, bis der schwarze Wagen wieder kehrtmachte und zurück in Richtung Kanzlerbungalow fuhr.

Im kleinbürgerlichen Idyll blieben der Blumenstrauss und seine Grösse dann noch für einige Tage das dominierende Gesprächsthema. Omnipräsent war Helmut Kohl in Oggersheim aber sowieso. Auch am Esstisch meiner nach Deutschland eingewanderten Grosseltern wurde über ihn gesprochen und gestritten wie über ein Familienmitglied, dessen Erfolg von den einen mit elterlichem Stolz, von den anderen mit offener Enttäuschung betrachtet wurde. Wenn ich das Wort Bundesrepublik höre, muss ich an diesen Esstisch denken. Oggersheim, das war ein Stück Heimat, aber eben auch der VIP-Bereich zur Bühne der Weltpolitik.

Während diese Tatsache den Horizont meiner Grosseltern eher öffnete, weil ihnen die gefühlte Nähe zum Kanzler die Ankunft in der neuen Heimat erleichterte, verkleinerte sie mein kindliches Universum noch. Helmut Kohl war mir nicht nur allgegenwärtig; er erschien mir auch allmächtig.

So war es nur konsequent, Kohl in meinen ersten Versuch, mich politisch zu engagieren, einzubeziehen. Mit zarten sechs Jahren – Kohl befand sich im zwölften Jahr seiner Kanzlerschaft – sah ich den grössten Nutzen meiner Alphabetisierung darin, den Bundeskanzler über meine Interessen informieren zu können. Weil mich der Verlust einer kostbaren Stunde Nachtruhe bei der Umstellung der Uhr auf die Sommerzeit zutiefst verärgerte, warb ich unter meinen Klassenkameraden in der 1b um Unterschriften auf einer Liste, die die Abschaffung der Sommerzeit forderte. Im Frühjahr 1994 nahmen die mühsam erworbenen Krakel-Unterschriften und ein an Helmut Kohl persönlich adressiertes Anschreiben auf dem letzten Bogen meines schönsten Briefpapiers ihren Weg ins Kanzleramt.

Dass mich niemand an der Aktion hinderte, hatte wohl auch mit Frau S. zu tun. Bei aller politischen Kontroverse galt Kohl in meiner Familie immer auch als loyaler Kavalier, der seiner Haushälterin Jahr für Jahr Blumen brachte. Den Charme des Helmut Kohl durfte ich jedoch auch in den Folgejahren nur als Schaulustige erleben. Auf meinen Brief hat er nie geantwortet.

Isabelle Daniel

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