Kuba
Erinnerungen an Fidel Castro: Ihn richtet die Geschichte sogar im Jura

Erinnerungen an einen begnadeten Redner mit Mosesbart und dem Gehabe eines galicischen Conquistadors.

Max Dohner
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Fidel Castro: Ein Bild aus Revolutionstagen.
36 Bilder
1957: Guerrilla-Chef Fidel Castro mit seinem Bruder Raul (l.) und Camilo Cienfuegos (r).
1957: Fidel Castro als Revolutionär.
1959: Fidel Castro in Washington.
1959: Castro spricht zum Volk nach dem Triumphmarsch durch Havanna nach dem Regierungssturz.
1959: Castro während einer Rede vor dem Präsidentenpalast in Havanna.
Gutierrez-Menoyo (r.) mit Fidel Castro 1959 in Havanna
1960: Fidel Castro mit dem Revolutionshelden Ernesteo "Che" Guevara und dem damaligen Präsidenten Osvaldo Dorticos.
1960: Fidel Castro mit dem sowjetischen Premier Nikita Krushchev.
1961: Fidel Castro spricht zu Gefangenen nach der Schweinebucht-Invasion.
1961: Castro in einem Panzer während der Schweinebucht-Invasion.
1963: Fidel Castro mit dem sowjetischen Premier Nikita Krushchev.
Fidel Castro (links) und der Schweizer Botschafter Emil A. Stadelhofer (rechts) diskutieren im Jahr 1964 (Archiv)
1972: Der kubanische Staatschef besucht Algier.
1975: Fidel Castro im Interview mit der amerikanischen NBC-Reporterin Barbara Walters.
Am 12. Oktober 1979 spricht Fidel Castro an der Versammlung der Vereinten Nationen in New York.
Fidel Castro und Gamal Abdel Nasser
1998: Papast Johannes Paul II. besucht Kuba und Fidel Castro.
2000: Fidel Castro trifft den Palästineser-Präsidenten Yasser Arafat.
2003: Fidel Castro trifft sich mit Brasiliens Präsident Inacio Lula da Silva.
2004: Fidel und Raul Castro.
2004: Fidel Castro und sein Bruder Raul.
Fidel Castro in einer Aufnahme von 2004: Der Revolutionsführer regierte Kuba während 47 Jahren und bestimmte die Geschicke auch danach als graue Eminenz im Hintergrund. (Archivbild)
Zur Feier des 1. Mai 2005 schwenkt Fidel Castro auf dem Revolutionsplatz in Havanna die kubanische Flagge.
2006: Fidel Castro mit Venezuelas Präsident Hugo Chavez nach desse Operation in Havanna.
Fidel Castro an der 1.-Mai-Feier 2006 in Havanna.
Fidel Castro ist tot: Der kubanische Revolutionsführer und ehemalige Präsident ist 90-jährig gestorben.
Fidel Castro trat 2008 als Staatschef Kubas zurück. (Archivbild)
April 2011: Fidel Castro und sein Bruder Raul singen die Nationalhymne am 6. Kongress der Kommunistischen Partei Kuba.
2012: Fidel Castro im Garten.
2012 trifft Papst Benedikt auf Fidel Castro
Fidel Castro in einer Aufnahme vom Juni 2014 (Archiv)
Einer der letzten TV-Auftritte von Fidel Castro am 22. Januar 2016
Im April 2016 nahm Castro noch am Parteitag der Kommunistischen Partei Kuba teil.
Am 16. November traf sich Fidel Castro noch mit dem Vietnamesischen Präsidenten Tran Dai Quang

Fidel Castro: Ein Bild aus Revolutionstagen.

Keystone

Managua, 19. Juli 1980, erster Jahrestag seit dem «Triumph der Sandinistischen Revolution». Ein Massenauflauf nach Vorbild der kubanischen Revolution. Geschmetter und Pathos ohne Dramaturgie, die Selbstherrlichkeit einer linken Kaderkaste, fürchterlicher Kitsch. Fehlte noch der Höhepunkt, Haupt-Act der Show, der Megastar: Comandante en Jefe Fidel Ruiz Castro. Nahmen Stunden grotesker Eintönigkeit jetzt vielleicht ein Ende? Redete der «Oberste Führer» wirklich so vortrefflich oder «charismatisch», wie ihm weltweiter Ruhm nachsagte?

Ich stand im Meer. Mitten zwischen hunderttausend Köpfen ein Nadelknopf mehr. Oben sassen die Hohepriester unserer Masse: Nicaraguas neunköpfige «Nationale Direktion», noch im Guerilla-Gwändli, noch vereint. Daneben Jassir Arafat, der palästinensische Freiheitskämpfer und Terrorist, noch ohne Friedensnobelpreis. Weiter Revolutionsführer aus Lateinamerika und Afrika, darunter prominentes Personal der «grünen Revolution» von Muammar al-Gaddafi in Libyen. Und feiste DDR-Funktionäre in schwul glänzenden Hemden, bereits am Ankurbeln des hier neuen, von den Nazis erfundenen Blockwart-Systems und des Verkaufs von stinkenden IFA-Lastwagen aus volkseigener Produktion.

Jetzt kam Fidel

Hunderttausend «befreite» Leute brüllten hoch zur Bretterempore: «Nationale Direktion, befehle!» Kinder mit Parteischleifen im Haar sangen: «Wir kämpfen gegen den Yankee, den Feind der Menschheit!» Dafür kriegten sie einen Schmatz vom Chef der Staatssicherheit. Jedes Wort so borniert wie verlogen, jeder Satz eine Drohung zum Dogma, kommandiert. Aber Scheiss drauf – jetzt kam Fidel!

Symbolisch bis in den Tod

- Der Todestag Fidel Castro starb am Freitag, 25. November, im Alter von 90 Jahren. Der 25. November ist für Kuba nicht irgendein Datum. An diesem Tag vor genau 60 Jahren stiess die «Granma» von Mexiko aus in Richtung Kuba in See. An Bord: Fidel Castro. Das Ziel: Sturz des Diktators Batista.

- Die Trauerfeiern Die Regierung hat eine neuntägige Staatstrauer angeordnet. Heute und morgen wird die Urne mit der Asche Castros zum Denkmal für den Nationalhelden José Martí in Havanna gebracht. Symbolisch auch der Trauerzug: Die Urne wird in Erinnerung an die Karawane der Freiheit, den Siegeszug der Revolutionäre Anfang 1959, in vier Tagen von Havanna nach Santiago de Cuba gebracht. Dort wird Castro am Sonntag beigesetzt. (nch)

«Heute habt ihr», sagte Fidel, «viel gegen den Yankee gesagt.» Pause. «Das Imperium des Bösen kritisiert, die USA. Ist das richtig?» Längere Pause. «Haben die USA euch etwa nicht geholfen? Den Neuaufbau dieses Landes jetzt unterstützt, mit Millionen Dollars?» Auf der Empore schauten sich Minister, Funktionäre und «Internacionalistas» verdutzt an. Im Meer der Köpfe regte sich kein Arm, die Masse stand wie gelähmt. Was war das gerade, lobte Fidel tatsächlich die USA?

Ein rhetorischer Kunstgriff. Mit einer Frage sicherte sich Fidel die hundertprozentige Aufmerksamkeit im hunderttausendköpfigen Meer. Um jetzt natürlich den Spiess umzudrehen: «Ja, die USA haben euch geholfen. Aber was bedeuten die paar Dollars angesichts des Reichtums des Imperiums, Reichtum, der auf Ausbeutung beruht? Es bedeutet Hohn und Geiz! Ein Almosen nur, um euch weiter zu demütigen ...»

Das war das erste Mal, da ich Fidel reden hörte, den Popstar aus tausend Tagesschauen, Studenten-Sit-ins, aus Kino, Medien und Politik. Längst hatte sich die Mühsal gelohnt, im Köpfemeer, fern dem Heimatland, bei Hitze auszuharren, den peinvollen Harndrang abzuklemmen, weil rings kein Toi-Toi-Häuschen zur Verfügung stand. Gelohnt wegen Fidel.

Der Mann hat recht

Man hörte ihm gebannt zu, auch schweizerisch «neutral», unangekränkelt von Ideologie: Diesem 1,91 Meter grossen Macho mit dem Moses-Bart und dem Profil eines galicischen Conquistadors – beides auch Charakterzüge: die Unzimperlichkeit des Eroberers und die Unanfechtbarkeit des Propheten, der den Busch brennen sah. Das hatte einen Sog. Man bekam das Gefühl, irgendwie hat der Mann recht.

Wie schon ein Jahr zuvor, 1979, vor der UNO in New York, als Fidel sagte: «Warum müssen einige Völker barfüssig herumlaufen, damit andere in tollen Autos herumfahren? Warum haben einige Völker eine Lebenserwartung von 35 Jahren, wenn andere 70 Jahre alt werden? Warum werden die einen unsäglich elend niedergehalten, damit andere übertrieben reich sein können?» Wieder musste man sagen: Fidel hat recht.

Das ist schlicht die notwendige Frage. Die Frage nach der menschengemachten Ungerechtigkeit unter den Menschen und Völkern. Die Frage, warum das immer so sein soll? Beziehungsweise warum eben nicht. Keine Frage der Linken, keine Frage der Ethik oder Religion. Eine Frage, die einfach auf der Hand liegt, die ideologiefrei heute kaum mehr jemand stellt. Die ganze vulgäre Wildnis von Banken, globalisierten «Märkten» und Trump-Tower wird hingenommen, irgendwie naturgegeben.

Wieso dann dieser Hass?

Fidel also hatte recht ... wieso – und das fragte ich mich in den knapp 40 Jahren danach stets – erfüllte mich dieser Mann dann, jedes Jahr mehr, mit Abneigung und Hass?

Die Antwort ist ebenfalls einfach: Weil es nach dem Weltkrieg keinen mächtigeren und zäheren Egomanen, keinen abgefeimteren politischen Charmeur, Blender und Heuchler gab. Und kein Land, das die Heuchelei eines Einzigen derart lange mit Verbitterung und Resignation bezahlte. Es dürfte vermutlich wieder zwei Generationen lang dauern, bis die Kubaner und Kubanerinnen entfernt wieder Vertrauen fassen zu Dingen, die man als zivilisatorische Tugenden bezeichnen könnte.

Fidel, Maximo Oberlehrer mit langem, wie ein Dolch in die Luft zielendem Zeigefinger, Dauermoralist mit jesuitischem Fanatismus und spanischer Granden-Mentalität, hat elf Millionen Landsleute, hat ein ganzes Land völlig entwöhnt von zivilisatorischen Tugenden. Alles ist unter seiner Herrschaft zerbröselt wie die Häuser.

Mit Worthülsen zu leben ist immer eine Zumutung, auf Dauer eine Marter, noch länger wird es höllisch. Kann man 50 Jahre staatlich zementierter Lüge, aber geschuldet dem Starr- oder Wahnsinn eines Einzelnen nicht entkommen (über eine Million Kubaner haben das Land verlassen und gehen zu Tausenden noch heute), dann wattiert man sich bis in den letzten Winkel der Seele mit Gleichgültigkeit und Resignation.

Die sozialistische Insel der Gerechten wollte Fidel – angeblich – schaffen, Klassen überwinden. In Kuba konnte man jedoch, spätestens seit 1990, auf Schritt und Tritt erfahren, wie gespenstisch Realität und Idee auseinanderklafften; jene konnten es erfahren, die keine Holiday-Tomaten auf den Augen hatten («Karibik im 56er-Chevy, mit Rum und Rumba»). Westliche Politromantiker aus den Siebzigern und Achtzigern werden heute dieses typisch bittere Lachen der Kubaner teilen, wenn sie die völlige Entwertung der Kubaschwärmerei erleben, repräsentiert durch Modezyniker wie die Rolling Stones, Madonna und Kim Kardashian.

Man könnte aber auch Leonardo Padura lesen, den einst gläubigen kubanischen Sozialisten: Ein Leben lang hat er Moral und Solidarität hochgehalten, um an jeder Ecke heute den billigsten Pragmatismus zu entdecken, den allgegenwärtigen Triumph des Lumpen.

Man kann es noch zugespitzter sagen: Wer in die Realität Kubas eintaucht nach 60 Jahren Fidel, der bekommt eine schmutzige Lehre vom alltäglichen Kampf mit nichtswürdigsten Methoden um einige kurzsinnige, aber platt überlebenswichtige Vorteile.

Fidel war kein Caudillo der Sorte Battista, Trujillo, Somoza und Stroessner. Die ahmten Mussolini und Operettenschergen nach. Fidel schuf einen neuen Typen und nannte es den «neuen Menschen». Sein Ego war gerissen, nicht zerrissen. Er musste das Land nicht zupflastern wie nordkoreanische Popanzen mit Plakaten und Statuen. Sockel und Wände überliess er lieber dem Ché oder Camilo Cienfuegos.

Fidel musste auch keine Heerscharen von Dissidenten und Opponenten foltern oder massakrieren. Am Anfang gaben er und Ché mit punktueller Gnadenlosigkeit den Tarif durch und vertrauten dann voll und ganz auf die Sicherheitsorgane, auf deren Finten, Intrigen und Lügen, um alles auszuhorchen und zu denunzieren. Um sporadisch zwischendurch doch wieder eiskalt zuzuschlagen, selbst unter Kampfgefährten. Wie bei Arnaldo Ochoa und Antonio de la Guardia, die Fidel nach einem Schauprozess hinrichten liess.

Die unpolitischen Opfer

Kann man das vernachlässigen? Weil dort, wo man politisch hobelt, halt Späne fliegen? Wohlan – vernachlässigen wir das. Richten aber, zum Schluss, das Augenmerk auf jene Unpolitischen, die Fidels Opfer wurden, zu Tausenden, Leute, die er «Würmer» nannte. Namenlose, die still zugrunde gingen im Lauf der Jahre, ohne Erschiessungs-Peloton, ohne Gefängnis und Folter. Weil man ihnen mit bürokratischem Federstrich nur da eine Bewilligung, dort eine Lizenz entzog, damit aber ihre Lebensgrundlage nahm und jede Perspektive. Und die sanfte Strangulierung oft auch ausweitete auf die Söhne und Töchter.

Von diesen Namenlosen könnte man ein endloses Register anfertigen. Erinnert sei an dieser Stelle, für sie alle, an Ramón. Ein Held der Revolution, weil er den Sturm auf die Moncada-Kaserne mitgemacht hatte, jenes frühe klägliche Manöver, das Dutzenden das Leben gekostet hatte, Fidel aber in die politische Umlaufbahn schoss.

Ramón wollte sich in den frühen Sechzigern nicht zum Marxisten-Leninisten umpolen lassen. Er fiel in Ungnade. Als Kunstmaler fristete er sein Dasein. Dank Heirat kam er in den Achtzigerjahren raus, lebte in der Schweiz und gründete eine Familie. Weil seine erste Familie in Kuba drangsaliert wurde vom Regime, ging Ramón vor der kubanischen Botschaft in Bern in den totalen Hungerstreik (also auch ohne zu trinken). Nach vier Tagen brachte ihn die Ambulanz ins Spital, am Schicksal seiner Angehörigen hatte er nichts ändern können.

Neulich war ich wieder im äussersten Jura, weit hinter Pruntrut, um Ramón zu suchen. Dort, wohin er sich zurückgezogen hatte, um auf dem Land zwischen Wäldern und Weiden sein Leben, unbehelligt unpolitisch, zu leben. Das Haus stand noch, kaum wiederzuerkennen, weil es völlig umgebaut worden war. Das Haus, worin sich Ramón eines Nachts erhängt hatte. Sein Grab habe ich auf dem Friedhof nicht gefunden.

Ramón – er ruhe in Frieden. Nicht Fidel. Wegen Ramón (wegen Tausenden wie Ramón) wird die Geschichte Fidel niemals freisprechen.

* Der Autor lebte von 1980–1985 in Nicaragua, genoss da zwischenzeitlich kubanischen Begleitschutz, speiste im kubanischen Protokollhaus, als er für DDR-Ingenieure dolmetschte. Von 1998 bis heute bereiste er rund zwanzig Mal Kuba.