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ERNEUERBARE ENERGIE: Naher Osten streckt sich nach der Sonne

Der Strom in der arabischen Welt stammt zu 94 Prozent aus fossilen Brennstoffen – doch dies soll sich ändern. Nach dem Pionier Marokko schickt sich nun auch Ägypten an, zur Solarmacht zu werden.
Martin Gehlen, Tunis
Satellitenbild des Ouarzazate-Solarkraftwerks in Marokko. (Bild: Getty (14. Oktober 2017))

Satellitenbild des Ouarzazate-Solarkraftwerks in Marokko. (Bild: Getty (14. Oktober 2017))

Martin Gehlen, Tunis

Die arabische Welt ist reich gesegnet – mit Öl und Gas, aber auch mit Sonne und Wind. Dennoch tat sich bei den erneuerbaren Energien bisher wenig. Die Stromerzeugung der Region basiert nach einem Überblick der «International Renewable Energy Agency» (Irena) zu 94 Prozent auf fossilen Brennstoffen, deutlich mehr als in jedem anderen Teil der Welt. Magere 1,3 Prozent stammen aus erneuerbaren Energien, weitere 4,7 Prozent aus Wasserkraft – gewonnen durch Staudämme an den grossen transnationalen Flüssen der Gegend.

In den Schubladen verschwunden sind die hochfliegenden Pläne von Desertec, als Europa davon träumte, sich eines Tages zu 15 bis 20 Prozent aus dem nordafrikanischen Sonnengürtel versorgen zu lassen.

Die Euphorie ist mittlerweile verdunstet – durch den Arabischen Frühling und was auf ihn folgte. Der politische und wirtschaftliche Niedergang des Nahen Ostens liess einen nach dem anderen der westlichen Energieriesen, Technikgiganten und Banken aus dem ökologischen Utopieprojekt aussteigen.

Marokko macht seine Wüsten zum Geschäft

Jetzt kommt wieder Bewegung in das Thema, in wichtigen arabischen Nationen entwickelt sich ein massives Umdenken bei der Energieversorgung, was vor allem im Solarsektor einen regelrechten Boom auslöste. Der Ölpreis sinkt, die Klimaängste wachsen, während die Ökotechnik immer ausgereifter und wirtschaftlicher wird. Als regionaler Vorreiter galt bisher Marokko, doch inzwischen holen Ägypten und die ölreichen Golfstaaten mit Riesenschritten auf.

Früher als alle anderen suchte das nordafrikanische Königreich nach Wegen, um aus der unwirtlichen Hitze seiner Wüsten ein Geschäft zu machen. Das Solarkraftwerk Ouarzazate im Süden Marokkos ging mit seiner ersten Stufe Noor I bereits im Jahr 2016 in Betrieb und könnte demnächst neben Solar Star in Kalifornien und dem indischen Tamil Nadu zu den grössten Anlagen der Welt gehören. Zusammen mit Noor II und Noor III, die derzeit gebaut werden, produziert sie 580 Megawatt.

Insgesamt möchte Marokko fünf solcher Sonnenkraftwerke errichten mit einer Gesamtkapazität von 2000 Megawatt. In Kombination mit einem halben Dutzend Windparks und 200 geplanten Staudämmen will das nordafrikanische Land bis ins Jahr 2030 mehr als die Hälfte seines 20000-Megawatt-Strombedarfs aus alternativen Energien bestreiten.

Ebenfalls hoch hinaus wollen superreiche Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Mitte 2017 wurde in Sweihan, 100 Kilometer östlich von Abu Dhabi, der Grundstein gelegt für einen 1200-Megawatt-Komplex, der durch ein chinesisch-japanisches Konsortium gebaut wird und im März 2019 ans Netz gehen soll.

Endlich ins Rollen kommt das Thema auch beim grossen Nachbarn Saudi-Arabien, der politischen Vormacht auf der Arabischen Halbinsel. Vor fünf Jahren tönten dessen Planer, das Königreich werde bis 2020 Solarkraftwerke mit einer Kapazität von 24 000 Megawatt installieren. Bisher passiert ist praktisch nichts. In diesem Jahr soll nun zumindest mit dem Bau einer 300-Megawatt-Anlage begonnen werden, die nach Sakaka in die nordwestliche Provinz Al Jawf kommt.

Ägypten will den Weltrekord

Den neuen Weltrekord im Solarwettlauf jedoch steuert Ägypten an, die bevölkerungsreichste arabische Nation. Denn der Druck steigt, die Zahl der Einwohner am Nil wächst Jahr für Jahr um mehr als zwei Millionen. Seit dem Arabischen Frühling 2011 sind 15 Millionen Ägypter dazugekommen. Sie alle brauchen Häuser, Strom für ihre Wohnungen, Fabriken zum Arbeiten – und Klimaanlagen in den brütend-heissen Sommern.

Und so entsteht im oberägyptischen Benban bei Assuan derzeit das grösste Solarkraftwerk der Welt. 41 Einheiten sind geplant, die 1800 Megawatt produzieren – genauso viel wie der weltberühmte Nasser-Staudamm am anderen Ende von Assuan und dreimal soviel wie die derzeitigen Solarrekordhalter in Kalifornien, Indien und Marokko. Finanziert werden die Kosten von rund 3,5 Milliarden Dollar durch eine Weltbank-Tochter, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sowie neun private Geldinstitute. Mit dabei unter den 13 Baufirmen ist auch der deutsche Spezialist IB Vogt, der vier Module mit einer Kapazität von 230 Megawatt beisteuert.

Feste Beschäftigung dank Solarboom

«Die Sonne ist Ägyptens beste Ressource», weiss Ökoexperte Hani el-Nokrashy, der aus Ägypten stammt und seit Jahrzehnten in Deutschland als Ingenieur arbeitet. «Dieser bisher vernachlässigte Schatz muss endlich genutzt werden.» Doch nicht nur Ägyptens Volkswirtschaft, auch die Bevölkerung vor Ort profitiert von dem neuen Solarboom. Mehr als 10 000 Menschen arbeiten derzeit auf der Mega-Baustelle. 4000 sind nötig, um den gigantischen Energiepark künftig zu betreiben und zu warten.

Einer von ihnen ist der Ingenieur Mohamed Emara, Vater zweier Kinder, der vom ersten Tag an mit dabei war. «Viele Arbeiter hier hatten noch nie in ihrem Leben eine feste Beschäftigung und mussten sich als Tagelöhner durchs Leben schlagen», sagt er. «Jetzt aber werden sie geschult und lernen Fertigkeiten, mit denen sie später auch auf anderen Baustellen Arbeit finden können.»

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