US-Präsidentschaftskandidat
Erst fragte er: «Was ist Aleppo?» – Jetzt sagt er: «Ich kann für nichts garantieren»

Noch so einen Schnitzer kann sich Gary Johnson nicht leisten. Am Donnerstag blamierte er sich im Frühstücksfernsehen bis auf die Knochen. Seine Erklärungsversuche sind verwirrend, seine Chancen eher mässig.

Renzo Ruf, Washington
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Am Donnerstag wurde dem Präsidentschaftskandidaten der staatskritischen, isolationistischen Libertarian Party auf dem Nachrichtensender MSNBC eine Frage zum syrischen Bürgerkrieg gestellt (Video oben).

Weil die Zeit im amerikanischen Frühstücksfernsehen knapp ist, kam die Frage knackig daher: «Wenn Sie zum Präsidenten gewählt würden, was würden Sie mit Aleppo tun?» Johnson schaute den Fragesteller verdutzt an und gab zurück: «Was ist Aleppo?» Sie machen Scherze, antwortete der Interviewer. Nein, sagte Johnson.

«Kein perfekter Politiker»

Später sagte er, er habe die Frage nicht richtig verstanden. Allerdings waren seine Erklärungsversuche derart verwirrend, dass offenblieb, ob er sich wirklich lange genug mit Syrien beschäftigt hatte. Immerhin räumte Johnson ein: «Mein Aussetzer ist mir peinlich.» Er sei aber kein perfekter Politiker und könne deshalb nicht dafür garantieren, dass ihm nicht weitere solche Schnitzer unterlaufen würden.

Dumm nur, dass Johnson keine Zeit für grobe Missgeschicke hat. Denn in den kommenden zwei, drei Wochen muss der ehemalige Gouverneur des kleinen Bundesstaates New Mexiko den Wählern und Wählerinnen beweisen, dass er den Anforderungen des Präsidentenamtes gewachsen ist – sonst wird der 63-Jährige von den nationalen Fernsehdebatten ausgeschlossen, die Ende September beginnen. Und ohne eine Präsenz vor einem Millionenpublikum, das sich den rhetorischen Schlagabtausch mit Hillary Clinton und Donald Trump in den Hauptrollen ansehen wird, sei seine Kandidatur chancenlos, gibt auch Johnson zu. An den Debatten teilnehmen darf aber nur, wer in mindestens fünf nationalen Meinungsumfragen mindestens 15 Prozent der Stimmen erzielt.

Hohe 15-Prozent-Hürde

Noch hat Johnson diese Hürde nicht genommen. Gemäss aktuellen demoskopischen Erhebungen bringt er es auf 7 bis 12 Prozent der Stimmen. Das ist deutlich mehr, als er 2012, bei seinem ersten Anlauf aufs Weisse Haus, erreichte. (Er gewann damals 1 Prozent der Stimmen.)

Seine Wahlkampfberater verweisen darauf, dass die Bevölkerung die Nase voll habe vom ewigen Zweikampf der Demokraten und Republikaner. Eine Mehrheit wolle einen echten Wandel, weg von der Spendierfreudigkeit der Demokraten, weg aber auch von den sozialpolitischen Ideen der Republikaner. Johnson selbst verweist auf die «extremen Positionen», die sowohl Clinton als auch Trump verträten. Für einen gemässigten Kandidaten habe er deshalb in der Mitte des politischen Spektrums «viel Platz».

Republikaner und Demokraten vor den Kopf gestossen

In New Mexiko ist Johnson als unorthodoxer Gouverneur in Erinnerung geblieben. Der erfolgreiche Geschäftsmann – er wurde als Besitzer eines Handwerkbetriebs reich – setzte ein massives Spar- und Reformprogramm um. Damit stiess er sowohl Demokraten als auch Republikaner vor den Kopf. Die Wählerinnen und Wähler aber unterstützten den kauzigen, durchtrainierten Regierungschef – der damals noch das Parteibuch der Republikaner besass. 1998 wurde er mit 54 Prozent der Stimmen für eine zweite Amtszeit gewählt.

Mit einem solchen Ergebnis rechnet Johnson am 8. November nicht. Er hofft aber, dass er einige Staaten gewinnen kann – Colorado zum Beispiel oder New Mexiko –, um zu verhindern, dass Clinton oder Trump die absolute Mehrheit der Wahlmänner-Stimmen erreichen. Gemäss dem komplizierten US-Wahlsystem müsste dann das Repräsentantenhaus den nächsten Präsidenten küren.