Marine Le Pen

Erst warf sie ihren Vater aus der Partei – doch zum Zahlen ist Papa recht

Um ihre Wahlchancen zu steigern, warf Marine Le Pen ihren Vater vor zwei Jahren kurzerhand aus der Partei. Doch nachdem ihr zur Deckung ihrer Wahlkampagne keine Bank Kredit geben möchte, hängt die Front National-Politikerin nun wieder am Geldtropf von Papa.

Stefan Brändle, Paris
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«Keine Bank will mir Geld leihen – das ist ein politischer Akt!» Marine Le Pen braucht Geld für den Wahlkampf.

«Keine Bank will mir Geld leihen – das ist ein politischer Akt!» Marine Le Pen braucht Geld für den Wahlkampf.

Michel Euler/Key

Diesmal verfängt die Pose nicht. Um ihre Wahlchancen zu steigern, brach Marine Le Pen (48) vor zwei Jahren mit ihrem Vater Jean-Marie Le Pen (88) und warf ihn aus dem Front National (FN), den er vierzig Jahre zuvor gegründet hatte. Das Parteilogo mit der – von den italienischen Neofaschisten kopierten – Flamme kippte sie wie den Nachnamen Le Pen aus ihren Plakaten.

«Marine» tritt darauf für ein «befriedetes Frankreich» ein – das ziemliche Gegenteil von den wüsten Tiraden ihres Vaters, der mehrfach wegen rassistischer Sprüche verurteilt wurde. Um auch ihre politische Volljährigkeit zu demonstrieren, verliess die neue FN-Präsidentin zudem die väterliche Villa Montretout im Pariser Nobelvorort Saint-Cloud.

Schon im vergangenen Jahr erntete Marine Le Pen die ersten Früchte ihrer auch politischen Mässigung: Für den ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen von kommendem Mai werden ihr 30 Prozent der Stimmen zugeschrieben – was den Spitzenplatz bedeuten würde. Jean-Marie Le Pen kam bei seinen eigenen Präsidentschaftsanläufen nie über 18 Prozent hinaus.

Doch jetzt endet der Ausflug der Tochter in die politische Eigenständigkeit. Am Dienstag musste sie bekannt geben, dass sie weiter an Papas Futtertrog beziehungsweise Geldhahn hängt: Zur Deckung ihrer Wahlkampfausgaben von 16 Millionen Euro – oder beim Einzug in die Stichwahl gar 22 Millionen – muss sie bei Jean-Marie Le Pen einen Kredit über 6 Millionen Euro aufnehmen. Auf dem TV-Sender BFM schimpfte sie über die französischen Banken, die ihr kein Geld leihen wollten: Sie habe sie alle angefragt, aber von allen eine Absage erhalten.

Russische Bank leider pleite

Auf Nachfrage des Journalisten musste ausgerechnet sie, die für einen «ökonomischen Patriotismus» und das «Made in France» eintritt, einräumen, dass sie auch bei englischen, amerikanischen und russischen Banken angefragt habe. Doch hatte sie nicht schon 2014 von der «First Czech Russian Bank» Geld erhalten? Freimütig gestand die FN-Kandidatin, dass dieses einem Bekannten des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehörende Geldinstitut heute pleite sei.

In ihrem bekannten Bemühen, sich als Opfer des «Systems» zu präsentieren, warf sie den französischen Banken vor, ihre kollektive Weigerung sei ein «politischer Akt». Auch diese Masche zieht aber nicht mehr: Die Finanzchefs anderer Grossparteien erklärten darauf, sie hätten ihrerseits Mühe, Kredit zu erhalten, und hätten das Vertrauen der Banken über die Jahre hart erarbeiten müssen.

Marine Le Pen geniesst immerhin noch das väterliche Vertrauen. Genauer gesagt der FN-Ablegerorganisation Cotelec, deren Finanzen Jean-Marie Le Pen weiterhin überwacht, obwohl er aus den Parteinstanzen geschieden ist. Cotelec ist so etwas wie die Hausbank für FN-Kandidaten.

Dass der steinreiche Parteigründer die Kontrolle darüber behielt, bestätigt seinen Ruf als Geldexperte: Seine eigene Politkarriere wie auch seinen persönlichen Reichtum – unter anderem die Villa Montretout – beruhen auf einer leicht mysteriösen Millionenerbschaft eines vereinsamten Frontisten im Jahre 1976. Marine Le Pen lebte immer auf Kosten des Vaters, bis sie aus Montretout auszog.

Raus aus dem Euro

Jetzt behauptet sie, Cotelec horte «nicht das Geld von Jean-Marie Le Pen, sondern der Partei». Die Kreditzusage – in unbekannter Zinshöhe – gab aber trotzdem einzig und allein ihr Vater. Der freut sich jetzt bestimmt über die kleine Rache an seiner Tochter, die ihn mit der Nationalen Front um sein eigenes Lebenswerk gebracht hatte und zu guter Letzt doch wieder bei Papa anklopfen muss, um ihre politischen Träume verwirklichen zu können. Und eine rundum unabhängige Staatspräsidentin zu werden.

Marine Le Pen bekräftigte daneben ihre schon mehrfach geäusserte Überzeugung, dass Frankreich den Euro verlassen wolle. Die Länder der Euro-Zone sollten ihre Einheitswährung aufgeben und zu einem gemeinsamen System nationaler Währungen zurückkehren. Dabei möchte Le Pen die früher gebräuchliche Währungseinheit ECU wiederbeleben.

Die Chefin des rechtsextremen Front National sagte der Nachrichtenagentur Reuters ausserdem, im Falle ihrer Wahl würden die Staatsschulden des Landes in eine neue französische Währung umgerechnet. Der Wert der früheren Europäischen Währungseinheit (European Currency Unit, ECU) war an einen Korb nationaler europäischer Währungen gekoppelt. Der ECU war nicht wie später der Euro als Zahlungsmittel im Alltag eingesetzt worden.