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Erzbischof von Lyon vor Gericht

Kardinal Barbarin, der höchste katholische Würdenträger Frankreichs, muss sich in Lyon gegen den Vorwurf verteidigen, er habe pädophile Akte eines Priesters gedeckt.
Stefan Brändle, Paris
Der französische Kardinal Philippe Barbarin (Bildmitte) am Montag auf dem Weg ins Gericht in Lyon. Bild: Laurent Cipriani/AP (Lyon, 7. Januar 2019)

Der französische Kardinal Philippe Barbarin (Bildmitte) am Montag auf dem Weg ins Gericht in Lyon. Bild: Laurent Cipriani/AP (Lyon, 7. Januar 2019)

Über ein Jahrzehnt lang hatten Missbrauchsopfer auf diesen Moment hingearbeitet: Mit Baskenmütze und Lederjacke bekleidet erschien Erzbischof Philippe Barbarin (68) am Montag vor dem Strafgericht in Lyon. Der Vorwurf gegen ihn lautet auf Vertuschung pädophiler Akte durch einen Untergebenen.

Der stark mediatisierte, zum Teil auch politisierte Rechtsstreit dreht sich um Verfehlungen eines Kaplans, der von 1986 bis 1991 junge Pfadfinder sexuell missbraucht haben soll. Die «Berührungen» des geständigen Priesters sind möglicherweise verjährt, und der Prozess richtet sich nicht gegen den Täter, sondern gegen seine Hierarchie, die den Fall vertuscht haben soll. Ins­besondere Kardinal Barbarin soll die Aufklärung verschleppt und den pädophilen Geistlichen namens Bernard Preynat bis 2015 im Dienst und im Kontakt mit ­Jugendlichen belassen haben.

«Prozess gegen ein System»

Das behauptet ein Dutzend Mitglieder der Pfadfindergruppe, die sich im Verein «la parole libérée» – wörtlich: «das befreite Wort» – zusammengeschlossen haben. Die Rechtslage ist umstritten. Vereinsvorsteher François Devos erklärte, er wolle «nicht einen Prozess gegen einen Mann, sondern gegen ein System»: Anders als in Deutschland, Irland oder den USA seien die sexuellen Missbräuche durch Vertreter der katholischen Kirche in Frankreich bisher systematisch unter den Teppich gekehrt worden.

Im Zuge der Barbarin-Affäre verlangte eine Reihe prominenter Politiker und Intellektueller bereits im vergangenen September die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zum Thema «Pädophilie in der Kirche».

Barbarins Anwälte halten den Vorwürfen entgegen, der Prozess könne nicht einem abstrakten System gelten, sitze doch konkret ein Mensch auf der Anklagebank. Der Kardinal habe vor den Behörden nichts vertuscht und sich überdies entschuldigt, falls er zu lange zugewartet habe, den Gerüchten über den fehlbaren Priester nachzugehen. In einer zumindest ungeschickten Formulierung hatte Barbarin allerdings auch erklärt, die meisten Vorwürfe seien «Gott sei Dank» verjährt. Dieses Zitat liefert den Titel eines Spielfilms, der in wenigen Wochen in die französischen Kinos kommen wird und die «Affäre Barbarin» aufarbeitet.

Der ehrgeizige Kirchenmann gilt als brillanter Denker, dem die Zeitung «Le Parisien» «Papst-­Fähigkeit» attestierte, nachdem er schon mit 51 Jahren Erzbischof von Lyon und damit höchster ­katholischer Würdenträger Frankreichs geworden ist. Aber er verkörpert auch für viele Franzosen die «Kultur des Schweigens», die in der katholischen Kirche seines Landes vorherrschte oder immer noch vorherrscht.

Kardinal drohen drei Jahre Gefängnis

Papst Franziskus hat sich zwar 2016 hinter den «mutigen und kreativen Missionar» gestellt. In der Erzdiözese Lyon soll Barbarin aber nur noch beschränkt Rückhalt geniessen. Auch der frühere Premierminister Manuel Valls hatte ihn 2016 viel sagend aufgefordert, die «Verantwortung zu übernehmen». Barbarins Anhänger machten darauf einen politischen Prozess aus: Der konservative Kardinal hatte sich gegen ­liberale Beschlüsse des ehemaligen sozialistischen Staatspräsidenten François Hollande wie etwa die Homo-Ehe ausgesprochen. Ihm drohen drei Jahre Gefängnis und eine Busse bis 45 000 Euro. Der Prozess dürfte morgen zu Ende gehen, das Urteil dürfte erst später bekannt werden.

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