Kirgistan
Es geht um Frieden oder neuen Krieg

Nach der Parlamentswahl drohen Spannungen zwischen Kirgisen und Usbeken. Der Ausgang der Parlamentswahlen entscheidet nun über Frieden oder neuen Krieg zwischen den beiden Ethnien.

Christian Weisflog, Osch
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Alle Augen waren gestern in Kirgistan auf Osch gerichtet, die grösste Stadt im Süden des Landes. Denn die Revolution im April hatte zwar in der nördlichen Hauptstadt Bischkek stattgefunden, die tiefsten Wunden aber schlug sie im südlichen Osch.

Nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew forderte die usbekische Minderheit im Süden mehr Rechte ein. Folglich wurden im Juni über 2000 usbekische Häuser und Geschäfte vom kirgisischen Mob zerstört, rund 1000 Menschen starben. Der Ausgang der Parlamentswahlen entscheidet nun über Frieden oder neuen Krieg zwischen den beiden Ethnien.

An Ruinen vorbei zum Wahllokal

In Osch sind die Gespenster der «Juni-Ereignisse» noch längst nicht verflogen. Uraimschan Katschkarow ging gestern Morgen nach einer kalten Nacht im Zelt an unzähligen Ruinen vorbei zum Wahllokal. In einem kleinen Flügel des ansonsten völlig zerstörten Schulhauses erhielt der 74-jährige Usbeke eine lange Liste mit 29 Parteien in die Hand gedrückt.

Der pensionierte Buschauffeur entschied sich wie viele Usbeken für die Nummer eins: Ar-Namys von Felix Kulow. Der ehemalige Premierminister ist Kirgise, stammt aber aus dem Norden und wird von der russischen Regierungspartei Einiges Russland unterstützt. Zudem ist der 62-jährige Kulow ein ehemaliger Polizeigeneral sowjetischer Schule. Deshalb trauen ihm die Usbeken zu, die kirgisischen Sicherheitskräfte in den Griff zu kriegen, die sich ebenfalls an den Pogromen beteiligt hatten.

«Ich sass 47 Jahre hinter dem Steuer. Jetzt ist alles, was ich mir erarbeitet hatte, verbrannt», klagt Katschkarow. Fast noch schlimmer als die drei Tage der blutigen Gewalt im Juni ist für die Usbeken nun die brutale Gängelung durch die Behörden. «Bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten arbeiten nur Kirgisen», sagt Katschkarow.

Scharnisa Kamilowa erzählt eine ganz andere Geschichte. Die Kirgisin lebt im ethnisch durchmischten Bezirk Juschni, wo usbekische und kirgisische Einwohner ihr Viertel gemeinsam gegen die von aussen organisierten Mobs verteidigt hatten. «Die Usbeken haben ihre Häuser selbst abgebrannt», erzählt Kamilowa. Verägert fügt die 42-jährige Lehrerin hinzu: «Die Usbeken kontrollierten den Handel und alle Restaurants in der Stadt, wir Kirgisen waren immer nur Angestellte.» Ihre Stimme gab Kamilowa der aufsteigenden Partei «Respublika» von Omurbek Babanow. Der 39-jährige Selfmademan verspricht eine pragmatische Politik der Versöhnung und Modernisierung.

Fünf bis sechs Parteien dürften die 5-Prozent-Hürde meistern. Wie die Wahl aber auch ausgehen mag, die Parteien werden unter der neuen parlamentarischen Verfassung sehr schwierige Koalitionen schmieden müssen. Ob die zerstrittenen Clans die demokratische Reife dafür besitzen, ist mehr als fraglich. Zu erwarten ist eine regionale Spaltung zwischen dem Norden und dem Süden sowie zwischen den Kräften des alten Bakijew-Regimes und den Protagonisten der Aprilrevolution. Eine weitere Konfliktlinie zeichnet sich zwischen den Anhängern des neuen parlamentarischen Regierungssystems und seinen Gegnern ab.