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Es ist doch nicht alles so schlecht – fünf Geschichten aus der Welt zum Wohlfühlen

Neben Terror, Protest und Handelskrieg passieren auch noch andere Dinge auf der Welt. Gelbwesten, die die Liebe finden. Christen, die im Nahen Osten wieder feiern können. Fünf Geschichten zum Wohlfühlen.

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Weihnachtsbaum mitten in Moskau: Die «Jolka» hat in Russland eine lange Tradition.

Weihnachtsbaum mitten in Moskau: Die «Jolka» hat in Russland eine lange Tradition.

Alexander Zemlianichenko/AP/Key

Hochzeit in Gelb

Sie kamen in Gelb, leuchtendem Gelb. Zwei Träger französischer Warnwesten haben sich im Süden des Landes bei einer Autobahn-Zahlstelle das Jawort gegeben. Kennen gelernt hatten sich die «gilets jaunes» vor gut einem Monat an der gleichen Mautstation, die sich östlich von Tarbes am Fuss der Pyrenäen befindet. Während der wochenlangen Proteste für tiefere Steuern und höhere Löhne kamen sich «Chouchoune» und «Coco» rasch näher. Die beiden rund 30-jährigen Gelbwesten, die nur ihren Kosenamen bekannt gaben, um ihr Privatleben vor den Journalisten zu schützen, wurden von einer fiktiven «Maut-Bürgermeisterin» getraut. Vor dem Austausch der Ringe gelobten sie, «von Liebe und Wasser zu leben», wie es in der derzeit schwierigen Konjunktur geboten sei.

Sollte ihre Liebe die Protestphase überleben, wollen sie standesamtlich korrekt heiraten. Eine erste Hochzeitsreise führte sie auf dem Motorrad zum nächsten, von anderen Gelbwesten besetzten Verkehrskreisel und dort in einer feierlichen und heftig applaudierten Zeremonie rundherum.

Dass revolutionäre Anwandlungen nicht romantische Gefühle ausschliessen, zeigt sich an einem anderen Ort im Südwesten Frankreichs: Im Departement Landes schufen ledige «gilets jaunes» eine Facebookseite, die das Kennenlernen unter seinesgleichen ermöglicht. 2200 Mitglieder haben sich eingeschrieben, darunter auch einige Nichtträger gelber Westen. Wie es scheint, stehen die «gilets jaunes» derzeit in Frankreich auch in sentimentaler Hinsicht hoch im Kurs. Stefan Brändle aus Paris

Weihnacht auf Chinesisch

Ein zehn Meter hoher Weihnachtsbaum aus Kunststoff schmückt den Eingang des Einkaufszentrums im Pekinger Ausgehviertel Sanlitun. Ein junger Mann in rot-weissem Mantel, Nikolausmütze und verrutschtem Wattebart steht davor. Jedem vorbeigehenden Passanten ruft er ein freundliches Hou, Hou, Hou zu. Aus einem grossen Lautsprecher schallt in einer schieren Endlosschleife die Melodie von «Stille Nacht, Heilige Nacht». Die Weihnachtsstimmung hat auch China erfasst.

Noch vor einem Jahrzehnt war den meisten Chinesen das Weihnachtsfest weitgehend unbekannt. Doch heute sind auch in der Hauptstadt Peking, in Schanghai und in Guangzhou ab Mitte November Engel und Rentiere nicht mehr wegzudenken. Geschäfte sind dekoriert mit blinkenden Lichterketten und Weihnachtskugeln. Es gibt kaum ein Einkaufszentrum, das nicht in irgendeiner Ecke einen Christbaum aufgestellt hat.

Weihnachten in China bedeutet keineswegs nur Kaufrausch und Lichterschau.

Eine Umfrage ergab, dass 90 Prozent der Chinesen in den Grossstädten unter 40 das Weihnachtsfest feiern. Dabei bekennen sich nicht einmal fünf Prozent der Chinesen zum Christentum. «Ein Familienfest ist Weihnachten in China aber nicht», sagt die Pekinger Konsumforscherin Sarah Ho. Die Leute treffen sich mit Freunden zum Abendessen. Es werden Geschenke ausgetauscht. Nach dem Essen geht es dann aber, wie soll es anders sein, zum beliebten Karaoke-Singen. Felix Lee aus Peking

Oh Tannenbaum

Eine der schönsten Weihnachtstraditionen ist die Suche nach dem perfekten Baum für das Wohnzimmer. Zu Beginn der Adventszeit macht man sich auf, die passende Tanne zu finden. Ein robuster Baum soll es sein – auch weil die kleinen Kinder ausreichend Raum für Geschenkpakete benötigen.

Umso grösser ist deshalb der Schock, wenn der Stammhändler verkündet: «Wenn
Sie etwas suchen, das grösser als sechs Fuss (1,86 Meter) ist, dann muss ich Sie enttäuschen.» Dieses Jahr habe der Lieferant leider fast keine grossen Bäume im Angebot gehabt. Rasch stellt sich heraus, dass dies kein Einzelfall ist. Denn angeblich herrscht in den USA derzeit eine regelrechte Weihnachtsbaumflaute. Das hat, sagen gescheite Menschen, zum einen damit zu tun, dass mittlerweile 75 Prozent der zu Schau gestellten Weihnachtsbäume künstlich sind. (Welch ein Graus!) Zum andern wurden vor zehn Jahren, mitten in der Finanzkrise, weniger Bäume angepflanzt als in den Jahren zuvor, wie bei Branchenverbänden in Erfahrung zu bringen ist. Dies führte heuer zu einer Angebotsverknappung und deutlich höheren Preisen.

Teilweise müssen vier oder fünf Händler abgeklappert werden, bis man fündig wird. Nach einer veritablen Irrfahrt durch die Vororte von Washington, die an den Nerven zerrte, hat der Autor dieser Zeilen seinen Baum gefunden. Der Name des Händlers, der die Tradition in diesem Fall rettete, lautete übrigens: Almost Heavenly Christmas Trees, fast schon himmlische Weihnachtsbäume. Renzo Ruf aus Washington

Hoffnung in Mossul, Freude in Aleppo

In der letzten Juliwoche des Jahres 2014 hatte der sogenannte «Islamische Staat» Mossul zur «Christen-reinen» Stadt erklärt. Die 25 000 Gläubigen waren vor die Wahl gestellt worden, die nordirakische Millionenstadt zur verlassen oder eine Sondersteuer zu bezahlen und zum Islam zu konvertieren. Mehr als vier Jahre später hängen in Mossul wieder bunte Lichterketten. Geschäftsleute stellen Weihnachtsbäume aus Plastik und aufgeblasene Gummi-Nikoläuse auf. Trotzdem sind bisher nur wenige Christen dem Aufruf des chaldäischen Patriarchen Louis Sako zur Rückkehr gefolgt.

Das Weihnachtsfest wird in Mossul vor allem von Muslimen «gefeiert». Die wenigen christlichen Gläubigen gehen am Heiligen Abend in die Kathedrale von Karakosch, einen der überwiegend christlichen Vororte im Osten von Mossul, wo zum ersten Mal seit der Befreiung vom IS vor knapp zwei Jahren wieder ein Weihnachtsgottesdienst stattfinden wird.
Der konnte in Aleppo bereits 2017 abgehalten werden. Tausende von Christen feierten gemeinsam mit ihren muslimischen Nachbarn unter freiem Himmel oder besuchten die Kirchen der armenischen Orthodoxen. Aufwendig dekorierte Plastiktannen verbreiten auch in diesem Jahr Weihnachtsstimmung.

In Bab Touma, dem Christenviertel von Damaskus, laden die christlichen Familien am 25. Dezember ihre muslimischen Nachbarn zu einem Festtagsschmaus ein, zu dem jeder etwas beisteuert. Geschenke bekommen nicht nur die christlichen Kinder, sondern auch die der Muslime. Im Gegensatz zu Mossul und Aleppo ist die syrische Hauptstadt vom Bürgerkrieg weitgehend verschont geblieben. Die Christen, die nicht in den nahen Libanon geflohen sind, schöpfen wieder Hoffnung, die im Irak nur langsam keimt. Bis zum Sturz von Saddam Hussein lebten dort rund eine Million Christen. Heute sind es noch 200 000 – Tendenz fallend. Michael Wrase aus Limassol

Fast wie zu Sowjetzeiten

Die Jungs in Häschenkostümen, die Mädchen als Prinzessinnen, und nach dem Ringelreigen um den Tannenbaum gibts Mandarinen und den pappsüssen Zuckerschock namens «Sefir». Fertig ist die «Jolka», dieses Weihnachtsfest auf Russisch, das mehr Fanacht und Neujahr in Einem denn ein Symbol Christi Geburt ist. Kaum einer, der die Sowjetunion miterlebt hat, hat nicht diese Bilder von sich, im Kindergarten, auf dem Betriebsfest der Eltern, im Sportverein: verkleidet zwischen dem «Väterchen Frost» und seiner «Snegurotschka» (die Betonung liegt dabei auf dem u). Prompt müssen allerlei Erklärungen her.

Die Sowjetunion ist natürlich Geschichte. Die «Jolka» aber ist geblieben. «Tannenbaum» heisst das Wort schlicht und meint ein Fest rund um den Jahreswechsel (der fängt aber wohl schon Anfang Dezember an, zählt man alle Jolka-Feste quer durch Russland und darüber hinaus zusammen). Da die Kommunisten das religiöse Weihnachtsfest zwar verboten hatten, auf Geschenke aber nicht verzichten wollten, etablierte sich die weltliche «Jolka» – samt dem Ersatzweihnachtsmann «Väterchen Frost», der auf eine alte heidnische slawische Gottheit Frost zurückgeht. Der «Ded Moros», wie das Väterchen im Russischen heisst, kommt nicht allein zu den Kindern. Er nimmt seine «Snegurotschka», das Schneeflöckchen, mit. Die ausgedachte Legende besagt, das hübsche Wesen sei seine Nichte, manchmal heisst es auch, es sei seine Enkelin.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion feiern zwar auch die Russen Weihnachten, allerdings 13 Tage nach dem Fest der Katholiken und Protestanten, so besagt es der julianische Kalender, nachdem sich die orthodoxe Kirche richtet. Allerdings ist der Jahreswechsel weiterhin das Familienfest der Russen geblieben, so auch die «Jolka» im Kindergarten, im Betrieb, im Sportverein, auch wenn die Häschenkostüme Geschichte sind (die Prinzessinnenkleidchen allerdings nicht).

Es lebe die Jolka-Vielfalt.

Das Fest gibt es in jeder erdenklichen Form. Im Kreml und auf dem Eis, in schicken Konzertsälen und familiären Mini-Kindertheatern. Mit «Väterchen Frost» in voller Montur und «Väterchen Frost» als Plüschfigur. Und manchmal sogar ganz ohne «Snegurotschka». «So etwas Modernes», schütteln die Grossmütter zuweilen die Köpfe. Die Enkel freuen sich so oder so: Denn im roten Sack des «Ded Moros» gibts allerlei Geschenke. Mandarinen und «Sefir» sind meistens jedoch nicht mehr drin. Inna Hartwich aus Moskau