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Terror-Experte zum Anschlag in Strassburg: «Es ist ein Teufelskreis»

Der Anschlag in Strassburg zeigt, wie schwierig der Kampf gegen den Terror in Europa ist – selbst wenn die Täter bereits polizeibekannt sind. Terrorexperte Peter Neumann fordert deshalb politische Massnahmen beim Datenaustausch.
Interview: Gregory Remez
Verschärfte Kontrollen: Ein Polizeibeamter überprüft einen Wagen in der Strassburger Innenstadt. (Bild: Christophe Ena/AP (12. Dezember 2018))

Verschärfte Kontrollen: Ein Polizeibeamter überprüft einen Wagen in der Strassburger Innenstadt. (Bild: Christophe Ena/AP (12. Dezember 2018))

Peter Neumann, Sie beschäftigen sich am King’s College London mit Radikalisierung und politischer Gewalt. Hat Sie der Anschlag in Strassburg überrascht?

Nein, die Terrorbedrohung in Europa ist nach wie vor ernst und wird es bis auf weiteres bleiben. Das hat damit zu tun, dass sich in den letzten Jahren viele Leute ­radikalisiert haben. Die gute Nachricht aber ist: In den letzten 18 Monaten sind kaum neue radikale Gruppierungen dazugekommen.

Das Strassburger Attentat erinnert stark an jenes auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin 2016. Bilden solche «Low-key»-Angriffe, bei denen Waffen oder Fahrzeuge zum Einsatz kommen, die neue Terror-Realität?

Momentan scheint dies der Fall, vor allem aus zwei Gründen: Erstens hat der IS nicht mehr die Kapazitäten, grössere Operationen in Europa durchzuführen. Deshalb ruft er bereits seit längerem zu derartigen Attacken auf – nach der Direktive: Wenn ihr schon nicht zu uns in die Ausbildung kommen könnt, dann macht, was möglich ist. Zweitens lässt man sich in der Terroristenszene gerne inspirieren. Das haben wir etwa nach Nizza gesehen, als sich gleich mehrere Anschläge mit Fahrzeugen hintereinander ereigneten.

Wie schon der Attentäter von Berlin ist auch derjenige von Strassburg ein polizeibekannter Krimineller. Inwiefern hängen Radikalisierung und Kriminalität zusammen?

Dass sich Kriminelle radikalisieren, ist etwas, was wir in letzter Zeit immer häufiger beobachten. In Frankreich hat inzwischen ungefähr die Hälfte der Leute, die sich in dschihadistischen Kreisen bewegen, einen kriminellen Hintergrund. In Deutschland und den Niederlanden sind es sogar über 60 Prozent.

Haben wir es hier mit einem neuen Prototyp von islamistischen Terroristen zu tun?

Es ist in der Tat so, dass sich die Terroristen von heute stark von jenen um die Jahrtausendwende unterscheiden. Die Hamburger Zelle etwa, die 9/11 plante und durchführte, bestand aus Studenten, von denen einige sogar richtig gute Perspektiven hatten. Sie trafen sich zum Tee und diskutierten theologische Fragen. Ihnen wäre es nie in den Sinn gekommen, Geschäfte auszurauben oder mit Drogen zu handeln. Die Attentäter von heute kommen dagegen immer öfter aus der kriminellen Szene. Sie haben sich zwar radikalisiert, sind an religiösen Fragen aber nicht besonders interessiert. Man könnte auch sagen: Sie konvertieren nicht zum Islam, sondern direkt zum Dschihad.

Welche Folgen hat das für die Sicherheitslage in Europa?

Diese Verflechtung zwischen der kriminellen und der islamistischen Szene ist ein bedenklicher Trend. Für die Sicherheitsbehörden wird es so immer schwieriger, sogenannte Gefährder im Blick zu behalten, weil sie ständig zwischen den Milieus hin- und herdriften. Auch ist es für die Attentäter aufgrund ihrer Kontakte in die kriminelle Szene einfacher, an Waffen zu kommen.

Nun war es in Europa zuletzt vergleichsweise ruhig. Immer wieder hört man von vereitelten Anschlägen. Zeigt der Anti-Terror-Kampf seine Wirkung, oder hat dies nicht viel eher mit der Zerschlagung des IS-Kalifats zu tun?

Da gibt es wohl keine eindeutige Antwort. Auf der einen Seite ist es sicher so, dass es dem IS momentan kaum möglich ist, Anschläge aus Syrien oder Irak zu organisieren. Auf der anderen Seite haben sich all jene Dschihadisten, die sich in Europa aufhalten, ja nicht in Luft aufgelöst. Hier sind die Behörden nach wie vor gefordert. Und hier zeigt sich auch, dass sie bei der Jagd auf Attentäter in den vergangenen Jahren einiges dazugelernt haben. Sie kennen die verschiedenen terroristischen Gruppierungen inzwischen ziemlich gut und verstehen immer besser, wie diese funktionieren. Allerdings lässt sich von der Tatsache, dass aktuell relativ wenig passiert, nicht darauf schliessen, dass dies auch so bleiben wird.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Mit der zunehmenden Polarisierung in den europäischen Gesellschaften steigt auch das Rekrutierungspotenzial für Dschihadisten. Das setzt einen Teufelskreis in Gang, wie er in Frankreich besonders deutlich in Erscheinung tritt: Die zunehmenden Ressentiments gegenüber Muslimen nach Terroranschlägen führen zu einer Stärkung der politischen Rechten; dies führt zu einer weiteren Isolation der bereits ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe, was es wiederum einfacher macht, dort Dschihadisten zu rekrutieren. Hinzu kommt, dass es mit der Rückkehr der Kalifatskämpfer schon bald wieder zu einer Professionalisierung des Terrors kommen könnte.

In letzter Zeit ist wieder vermehrt von einer möglichen Renaissance des IS zu hören.

Es wird spekuliert, dass es noch 2000 bis 3000 Kämpfer gibt, die sich an der Grenze zwischen Syrien und Irak verschanzt haben. 98 Prozent seines Territoriums hat der IS zwar verloren, an vielen Orten, etwa Rakka oder Mossul, existieren jedoch nach wie vor unsichtbare Strukturen. Wenn man also keine Rückkehr der Terrormiliz will, braucht es dort entsprechendes Engagement.

Die Zusammenarbeit der Behörden in Europa funktioniert nach wie vor schlecht. Liesse sich das Problem lösen?

Es ist absurd, wenn Länder wie Deutschland und Frankreich beim Anti-Terror-Kampf nicht kooperieren. Zwar stellt der Europol eine zentrale Datenbank zur Verfügung, doch ist deren Nutzung freiwillig. Hier sollte die Politik endlich reagieren und den Austausch von Daten über islamistische Gefährder zur Pflicht erklären. Ansonsten bleibt die Jagd auf Terroristen weiterhin von Glückstreffern abhängig.

Zur Person: Peter Neumann (44) ist seit 2008 Direktor des Internationalen Zentrums zur Erforschung von Radikalisierung und politischer Gewalt am King’s College London.

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