Schuldenkrise
«Es war in Griechenland klar, dass es irgendwann knallt»

Der Journalist und Reiseleiter Werner van Gent lebt seit 32 Jahren in Greichenland. Im Interview nimmt er Stellung zum Zerfall seines Griechenlands.

Michael Nittnaus
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Werner van Gent vor dem griechischen Parlament.

Werner van Gent vor dem griechischen Parlament.

Herr van Gent, wie direkt erleben Sie die griechische Krise?

Werner van Gent: Meine Frau Amalia und ich haben viele Freunde und Bekannte, denen es momentan sehr schlecht geht. Sie sind richtiggehend verstört. Das mitzuerleben, ist hart. Wir führen lange Gespräche, doch sie sind wie blockiert. Wirklich helfen kann ich nicht.

Was für ein Bild zeigt sich Ihnen auf den Strassen Athens?

Ich sehe überall besorgte Gesichter. Die Menschen lachen weniger. Mein Büro liegt im Zentrum. Auf einem fünfminütigen Spaziergang begegnete ich sechs Obdachlosen, dazu vielen Bettlern. Das gab es früher nicht. Viele Schaufenster sind leer, ganze Läden geschlossen. Sie stehen zum Verkauf. Das ist nur ein Indiz für die Massen an Griechen, die ihren Job verloren haben. Voll sind nur die Cafés. Viele kaufen morgens einen völlig überteuerten Cappuccino für bis zu fünf Euro – und rühren zwei Stunden darin.

Schmerzt es nicht, wenn Sie an das Griechenland denken, in das Sie vor über 30 Jahren gezogen sind?

Allzu nostalgisch blicke ich nicht zurück. In den Achtzigern dominierten hier Verkehrschaos und schmutzige Luft. Dank den Olympischen Sommerspielen 2004 ist Athen ein schönerer Ort geworden. Ökonomisch sieht es aber natürlich anders aus: Damals herrschte Aufschwung. Jetzt geht es nur noch abwärts.

War nicht schon lange absehbar, dass es irgendwann so weit kommen musste?

Doch, die Krise hat einen Prozess verstärkt, der sowieso gekommen wäre. Ich habe es schon in den Neunzigern gemerkt. Da wurde das Rentenalter extrem runtergeschraubt. Eine Bekannte von mir wurde 48-jährig pensioniert. Das Pensionskassen-Defizit ist riesig. Als der jetzige Innenminister damals etwas unternehmen wollte, wurde er hart kritisiert und nichts geändert. Heute gehen von 1000 Euro meiner Steuern 250 an die Finanzierung der Renten und Löhne des öffentlichen Dienstes. Es war klar, dass es irgendwann knallt.

Zieht es Sie da nicht zurück in die Schweiz?

Ich lebe seit 32 Jahren in Athen. Meine griechische Frau und ich haben unseren Lebensmittelpunkt hier. Aber wir haben schon darüber gesprochen, in die Schweiz zurückzukehren. Entschieden ist noch nichts.

Andererseits haben Sie in Griechenland momentan sicher mehr Arbeit denn je.

Ich habe schon so viele Krisen und Kriege erlebt. Darauf könnte ich langsam verzichten. Ich arbeite ja nicht mehr zu 100 Prozent als Journalist, sondern biete seit einiger Zeit begleitete Studienreisen durch den Orient an. Am liebsten würde ich nur noch das machen, anstatt jeden Abend vor die Kamera zu stehen und über Krisen zu berichten. Mein Leben wäre planbarer und sicherer.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit hier im Vergleich zu anderen Krisengebieten?

Ich finde es fast anspruchsvoller als etwa im zweiten und dritten Golfkrieg. Griechenland steckt vor allem in einer gesellschaftlichen Krise – da gibt es weniger klare Fronten. Vieles ist ambivalent und widersprüchlich. Das fürs Fernsehen in kurze, einfache Sätze zu packen, ist eine Herausforderung.

Bekommen Sie als gut verdienender Ausländer auch Neid zu spüren?

Um das zu verhindern, ist es wichtig, nicht zu stark aufzufallen. Deshalb fahre ich absichtlich ein altes Auto und kaufe mir kein neues. Probleme haben momentan eher meine deutschen Kollegen hier. Sie werden von Griechen oft verbal angegriffen, weil sich momentan die Wut der Bevölkerung vor allem gegen Deutschland richtet.

Werden die Bemühungen von Deutschland und der EU nicht als Hilfe wahrgenommen?

Die deutschen Ideen eines Sonderkontos, in das die griechischen Staatseinnahmen direkt fliessen sollen, um Schulden zu begleichen, sowie eines europäischen «Sparkommissars», werden quasi als Enteignung empfunden. Die Griechen sind ein stolzes Volk. Nun werden sie gedemütigt. Dass eine finnische Politikerin das Land als «Krebsgeschwür» bezeichnet hat, hilft natürlich auch nicht. Die europäische Staatengemeinschaft sollte gegenüber Griechenland trotz allem Respekt zeigen.

Sieht die Bevölkerung auch die Verfehlungen der eigenen Politiker?

Auf jeden Fall. Momentan getrauen sich griechische Politiker kaum auf die Strasse. Sie werden angespukt oder gar tätlich angegriffen. Ich habe selbst gesehen, wie eine Gruppe Politiker aus einem Café geschmissen wurde. Die Menschen haben die Spielchen satt. Auch ich habe jegliches Vertrauen verloren. Griechische Politiker sind unzuverlässig. Selbst jetzt in der grössten Not denken sie nur daran, wie sie sich profilieren können. Darum wird bis zuletzt um die Massnahmen des Sparpakets gefeilscht.

Stimmen also die Klischees vom faulen, aber gerissenen Griechen?

Viele Griechen sind typische Händler. Man muss aufpassen, nicht über den Tisch gezogen zu werden. Sie verstehen es, sich immer irgendwie durchzuschlängeln. Gleichzeitig herrscht hier eine ausgeprägte Lebensfreude. Griechen wollen mehr geniessen.

Aber jetzt kann doch nur noch harte Arbeit helfen.

Die meisten Menschen hier arbeiten sogar sehr viel. Wenn man fragt, wie es jemandem geht, heisst es oft: «Ich renne.» Immer wieder ermahne ich meine griechischen Freunde, es ruhiger angehen zu lassen. Das Problem ist das System. Griechenland lahmt an einer behäbigen Bürokratie, die fast kafkaeske Züge annimmt. Eine Freundin von mir verbrachte drei ganze Tage auf dem Steueramt, nur um ein einziges Formular zu bekommen. Am Ende lief sie heulend davon. In der Schweiz hätte ich das in zwei Stunden erledigt.

Wie kann man das ändern?

Ein Umdenken ist schwierig, aber letztlich unausweichlich. Die Menschen reiben sich an der unglaublichen Ineffizienz des Systems auf. Doch da sie dies in ihrer Verzweiflung endlich erkannt haben, wird sich ein Wandel vollziehen. Die politischen Parteien sind am Ende, das Klientelsystem funktioniert nicht mehr. Der Staat darf nicht mehr reine Milchkuh für Politiker sein, um Wählergewinne zu erzielen. Mittlerweile gibt es tatsächlich einige unabhängige Bürgermeister in Griechenland, etwa in der zweitgrössten Stadt Saloniki. Die sind besser, da sie auf keine Partei Rücksicht nehmen.

Worunter leiden die einfachen Leute am meisten?

Ein Begriff: Perspektivlosigkeit. Die Menschen sind verzweifelt, weil ihre Lebensplanung gescheitert ist.

Können die international geforderten Sparmassnahmen helfen?

Kaum. Die Privatwirtschaft wurde abgewürgt. Ich verstehe nicht, warum gerade dort die Mindestlöhne weiter gesenkt werden sollen. Dadurch sinkt auch die Kaufkraft der Betroffenen. Das Lohnniveau ist nicht das Problem, sondern eben die Bürokratie und die Korruption.

Glauben Sie persönlich denn, dass Griechenland langfristig in der Euro-Zone überleben kann?

Ja. Allerdings muss das Land strukturell fast neu entworfen werden. Momentan ist es hoffnungslos, mehr einzunehmen als auszugeben. Es braucht ein Steuersystem ohne Winkelgesetze. Wenn dann die Schulden wieder bezahlt werden, würden auch die internationalen Märkte wieder investieren. Ich bin bloss frustriert, dass weder von der Staatengemeinschaft noch von griechischen Politikern ein Masterplan erarbeitet wurde, der aufzeigt, wie die Zukunft innerhalb der Euro-Zone aussehen soll. In Griechenland steckt nämlich durchaus Potenzial. Vor allem im Tourismus schlummern gewaltige Möglichkeiten.

Das sagen Sie als Reiseleiter sicher auch aus Eigeninteresse. Machen Ferien in Griechenland inmitten von sozialer Krise, Demonstrationen und Streiks denn Sinn?

Von Ferien in Athen würde ich aus diesen Gründen momentan tatsächlich abraten. Aber anderswo ist es kein Problem. Vieles ist jetzt sogar billiger und die Griechen kümmern sich noch intensiver um ihre Gäste.