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Algeriens prominentester Autor Sansal: «Es wichtig ist, schnell zu siegen»

Boualem Sansal, der bedeutendste Schriftsteller des Landes, spricht über die Proteste in seiner Heimat, die Chancen der Demonstrierenden und die drohende Gefahr durch Islamisten.
Interview: Stefan Brändle
Viele und überwiegend junge Algerier protestieren in den Strassen der Hauptstadt. (Bild: Mohamed Messara/EPA; Algier, 19. März 2019)

Viele und überwiegend junge Algerier protestieren in den Strassen der Hauptstadt. (Bild: Mohamed Messara/EPA; Algier, 19. März 2019)

In Algerien demonstrieren seit Wochen Hunderttausende immer wieder gegen das Regime von Abdelaziz Bouteflika (82). Der gebrechliche Präsident, der seit Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten ist und eben erst aus der Krankenbehandlung in der Schweiz in die Hauptstadt Algier zurückgekehrt ist, hat unter dem massiven Druck der Strasse den Verzicht auf ein fünftes Mandat bekanntgegeben. Die Präsidentschaftswahl hat er aber zugleich ausgesetzt, ohne einen Termin für einen weiteren Urnengang zu nennen.

Welche Stimmung herrscht in Algier nach den Protesten, die Präsident Abdelaziz Boute­flika unter Druck setzen?

Boualem Sansal: Es ist eine Atmosphäre aus Freude und Genugtuung, aber auch aus Unruhe, Müdigkeit und Not. Denn niemand weiss, wann die verscho­benen Präsidentschaftswahlen ohne Bouteflika stattfinden werden. Die Leute spüren, dass sie nahe am Ziel sind – und dass dies Gefahren birgt.

Welche Gefahren meinen Sie?

Die grösste ist diejenige der Konfrontation mit dem Regime, falls es beschliesst, die Repression zu starten.

Könnte die Polizei auch bald mit scharfer Munition gegen die Demonstranten vorgehen, wie das in Algier auch schon vorgekommen ist?

Das kann sich das Regime derzeit nicht leisten – es würde schlicht weggefegt. Aber wenn die Machthaber sehen, dass die Demon­stranten ermüden und die Bevölkerung über die Unordnung im Land zu klagen beginnt, kann die Lage rasch kehren. Dann könnte die Polizei sehr vereinzelt auf die Leute schiessen und ein paar verhaften, die sie für Anführer hält. Ferner dürften jene Chefbeamte des öffentlichen Dienstes, die ihre Untergebenen an die Umzüge gehen liessen, entlassen werden.

Nehmen Sie persönlich an den Demonstrationen teil?

So oft wie möglich. Ich wohne in einer kleinen Universitätsstadt 50 Kilometer ausserhalb von Algier. Auch hier wird viel demonstriert. Die Studenten sind ungeheuer aufgeheizt. Es ist berührend, zu sehen, wie naiv und zugleich luzid sie sind. Ab und zu fahre ich auch nach Algier und Tizi Ouzou in der Kabylei, wo das Spektakel grandios ist. Es ist schön, zu sehen, wie ein Volk in Freude demonstriert.

Glauben Sie, dass der Druck der Strasse nicht nur Boute­flika, sondern seinen ganzen Clan zum Machtverzicht zwingen könnte?

Möglich ist es. Am vergangenen Freitag waren wieder Hunderttausende auf der Strasse. Alle waren gekommen – Alte, Kranke, Frauen, Kinder, sogar Polizisten und Militärs. Die Leute haben verstanden, dass es wichtig ist, schnell zu siegen. Wenn sich die Dinge in die Länge ziehen, ist unsere Niederlage garantiert. Man darf jetzt nicht trödeln.

Angesichts früherer Erfahrungen mit den Behörden wirken die jungen Demon­stranten ganz schön mutig.

Die Algerier kennen ihre Polizei, sie wissen, wie korrupt, brutal, ja grausam sie ist. Die physische Gewalt ist in den Kommissariaten seit jeher eine Realität. Für ein Ja wie auch ein Nein gibt es Ohrfeigen und Fusstritte. Die Demonstranten lassen auch deshalb nicht locker, weil sie Angst haben. Sie wissen, dass sie unbedingt gewinnen müssen, um die Rückkehr des Schlagstocks und einer neuen Eiszeit für die nächsten zehn Jahre zu verhindern.

Überraschend bleibt der freie und kritische Ton der algerischen Medien. Die Zeitung «El Watan» wirft Bouteflika zum Beispiel offen vor, sein Verzicht sei eine blosse «List».

Das Regime hat viel gelernt. Es unterdrückt das Volk seit 57 Jahren und weiss, dass die wirksamste Repression darin besteht, zu schlagen und zu streicheln, zu verhaften und freizulassen, zu beleidigen und zu schmeicheln. Den Hofnarren reden zu lassen, ist eine alte Taktik der Könige. Die Pressefreiheit, von der Sie sprechen, hat die Dinge in Algerien nie um ein Jota verändert. Sie freut nur die westlichen Beobachter. In Wahrheit werden die Medien von einem ranghohen Vertreter des Präsidialamtes kontrolliert. Er legt die Grenzen fest, die nicht zu überschreiten sind, und bestimmt, wie weit die Kritik gehen darf.

Teilen Sie die Ansicht von «El Watan», dass Bouteflika nur seine Macht sichern wolle, indem er auf ein fünftes Mandat verzichte?

Die List gehört zur Politik. Vom Volk zurückgewiesen, versucht Bouteflika, durch das Fenster zurückzukehren. Und wenn das nicht funktioniert, wird er einen anderen Weg finden. Schliesslich ist er noch bis am 18. April gewählt. Bis dahin wird er eine neue List oder ein Ablenkungsmanöver gefunden haben.

Ist der schwerkranke Boute­flika aber letztlich nicht nur eine Marionette in der Hand mächtiger Drahtzieher aus dem Hintergrund?

Nein, Bouteflika ist keine Marionette, er regiert wirklich und weiterhin. Er ist ein wichtiger Machtpol neben der Armee und den Geheimdiensten. Er spricht nicht mehr selbst, aber er spricht durch seine Brüder. Aber wenn Boute­flika wie der frühere Präsident Boumédiène sterben oder wie dessen Nachfolger Chadli oder Zeroual zurücktreten sollte, wird die Armee machen, was sie immer gemacht hat: Die Generäle ziehen sich in die Konklave zurück und einigen sich auf den Namen des neuen Präsidenten. Dann wird eine schöne Zeremonie organisiert.

Also keine guten Aussichten für den algerischen Frühling?

Die Erfolgschancen der Demon­stranten liegen derzeit bei etwa 50 Prozent. Entweder das Volk verliert oder gewinnt – dazwischen gibt es nichts. Das Volk ist stark und enthusiastisch, aber uneins und unerfahren. Die Intellektuellen und Oppositionsparteien sollten es besser beraten. Denn das Regime ist, auch wenn geschwächt, seinerseits sehr erfahren und flexibel.

Wer ist denn «das Regime»?

«Le pouvoir» (die Macht) besteht nicht nur aus einer Handvoll von Generälen. Darüber hin­aus sind viele Leute beteiligt. Bouteflika hat Brüder, er hat Helfer in der Armee, in allen Schichten der Bevölkerung und im Ausland. Sie sind in einem riesigen politisch-militärischen Netz miteinander verbunden. Es überlebte sogar die französische Kolonialarmee, handelte es doch mit Paris 1962 die Unabhängigkeit aus. Und 1991 verhandelte es mit den Islamisten des FIS (Islamische Heilsfront).

Beteiligen sich die Islamisten an den Demonstrationen?

Ja, aber nicht als Islamisten, sondern als Individuen und Bürger, die durch die Winkelzüge des Regimes aufgebracht sind. Zu gegebener Zeit werden sie allerdings massenhaft als Islamisten auftreten und wie alle die Macht beanspruchen. Sie sind äusserst gut organisiert, auch international. Das haben die Islamisten verinnerlicht. Es ist das Prinzip ihrer Gemeinschaft: «Alle Brüder vereinigt auf dem Weg Allahs.»

Droht dieser «Weg» in Algerien – falls sich die Islamisten durchsetzen sollten – nicht in eine umfassende Theokratie zu münden, wie Sie sie in ihrem Bestseller «2084» beschrieben haben?

Ja. Der Weg Allahs, auf Arabisch «Sabilillah», bedeutet in sich schon die Einrichtung einer totalitären Theokratie. Sie beruht auf der Scharia, dem koranischen Gesetz. Das entspricht in der Tat dem, was ich in meinem Roman «2084» beschrieben habe.

Wünschen sich die Algerier eine internationale Unterstützung wie in Venezuela?

Die Algerier sind misstrauisch, sie sehen hinter jeder offiziellen Unterstützung ein heimtückisches Manöver. Sie schätzen die Unterstützung durch einfache Leute wie sie selbst. Hingegen haben sie die Erfahrung gemacht, dass die westlichen Länder häufig Diktatoren oder Islamisten unterstützen, nicht die Bevölkerungen. Die aktuelle Weltordnung, deren Hüter der Westen ist, ruft eher nach Ordnung als nach Freiheit.

Zur Person

Boualem Sansal (69) ist der bedeutendste Schriftsteller Algeriens. In seinem Roman «2084», der sich an das Vorbild «1984» von George Orwell anlehnt, schildert er eine totalitäre Diktatur mit Zügen des Islamismus. Sansal schreibt auf Französisch und wird in seinem Land zensuriert, da er die religiösen wie die politischen Machthaber sehr offen kritisiert. Trotzdem lebt er als einer der wenigen prominenten Autoren seines Landes weiterhin in Algerien, während andere das Pariser Exil gewählt haben. Auf Deutsch übersetzt wurden von Sansal unter anderem auch «Allahs Narren», «Erzähl mir vom Paradies» oder «Das Dorf des Deutschen».

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