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Fertig an der Uhr gedreht

Die EU-Kommission will die Zeitumstellung abschaffen. Die ersten Reaktionen fielen mehrheitlich positiv aus. Dass die Schweiz nachzieht, ist so gut wie sicher.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zur neuen Zeitregelung: «Die Menschen wollen das, wir machen das.»Archivbild: Virginia Mayo/AP (Brüssel, 21. Februar 2018)

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zur neuen Zeitregelung: «Die Menschen wollen das, wir machen das.»Archivbild: Virginia Mayo/AP (Brüssel, 21. Februar 2018)

Soll noch einer sagen, die EU habe kein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Bürger: Nachdem sich in einer Volksbefragung 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmenden für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen haben, verspricht EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu handeln. Mit den Worten «die Menschen wollen das, wir machen das» kündigte Juncker gestern Morgen ein entsprechendes Gesetzesvorhaben an. Geht alles nach Plan und einigen sich die Mitgliedstaaten und das EU-Parlament zügig, könnte schon 2020 das letzte Mal an der Uhr gedreht werden.

Unklar ist, ob danach für ewig die Sommerzeit oder die Winterzeit, sprich die Normalzeit gelten soll. Die EU-Kommission wird lediglich vorschlagen, das Hin und Zurück abzuschaffen. Ob sie den Sonnenaufgang eine Stunde vorziehen oder lieber den Sonnenuntergang etwas hinauszögern, sollen die EU-Länder selber entscheiden. Zeitpolitik, so viel ist klar, bleibt nationale Kompetenz. Dabei vertraut Brüssel darauf, dass sich die Mitgliedstaaten möglichst einig werden und die Uhren abgesehen von den Unterschieden durch drei europäische Zeitzonen gleich ticken lassen. Alles ­andere würde das Funktionieren des Binnenmarktes beeinträchtigen, weswegen die Harmonisierung der Zeitregelung ja auch ursprünglich angestrebt wurde.

Die Schweiz war schon einmal eine Zeitinsel

Dass die Schweiz die Abschaffung der Zeitumstellung freiwillig mitmachen wird, ist so gut wie sicher. «Die Schweiz hat die Sommerzeit eingeführt, damit sie die gleiche Zeitregelung wie unsere Nachbarstaaten hat und nicht zur Zeitinsel wird», sagt Jürg Niederhauser vom Eidgenössischen Institut für Metrologie (Metas). Das war für kurze Zeit schon einmal der Fall, nämlich im Jahr 1980, als die EU das erste Mal in corpore auf Sommerzeit umstellte. Die Schweiz zog kurz darauf nach, obwohl sich das Volk 1978 in einem Referendum noch explizit dagegen wandte. Seitdem war die Zeitumstellung vor allem der SVP ein Dorn im Auge. Die Luzerner SVP-National­rätin Yvette Estermann versuchte mittels mehrerer Motionen vergeblich, den Bundesrat zur Abkehr von der Zeitumstellung zu bewegen (siehe Interview unten rechts). Nun kommt es dank der Hilfe aus der EU also doch noch dazu. Alternativ könnte man auch sagen: In Brüssel haben sie es auch noch gemerkt.

Es hat aber gedauert. Während Jahren hat die EU-Kommission entsprechende Vorschläge und Anregungen aus dem EU-Parlament und den Mitgliedstaaten grosszügig ignoriert. Wenig verwunderlich ist, dass man sich nun den Vorwurf eines gewissen Populismus gefallen lassen muss. Noch vergangene Woche betonte ein Chefsprecher der EU-Kommission unablässig, dass es sich bei der Umfrage bloss um eine Meinungsschau und sicher nicht um ein Referendum handle. Nun will man sich plötzlich an das Verdikt der Volksstimme gebunden fühlen. Da passt es, dass Juncker die Kunde von der Abkehr von der Zeitumstellung ausgerechnet im deutschen Fernsehen verkündete: Alleine aus Deutschland stammen 3,13 der insgesamt 4,6 Millionen Voten. Demgegenüber nahmen aus Frankreich nur knapp 400000 Menschen teil. In Italien waren es gerade mal 24000 Personen und in Grossbritannien 13000, was 0,02 Prozent der britischen Bevölkerung gleichkommt. Ein repräsentatives Bild aus ganz Europa sehe anders aus, so Kritiker.

Auf Journalistenfragen entgegnete die EU-Kommission gestern, dass die Konsultation keineswegs alleine den Ausschlag gegeben haben soll. Sie verwies auf Studien, die die negativen Auswirkungen der Zeitumstellung auf die Gesundheit beweisen sollen. In den ­Begleitunterlagen zur Umfrage selbst wurde jedoch noch im Juli festgehalten, dass verschiedene Studien weder einen positiven noch einen negativen Einfluss auf den Biorhythmus von Mensch und Tier oder auf die Sicherheit im Strassenverkehr feststellen konnten. Als klar ­erwiesen gilt dagegen, dass die beabsichtigten Energieeinsparungen nur marginal ausfallen.

Mitgliedstaaten reagieren positiv

Wie dem auch sei. Die ersten Reaktionen fielen mehrheitlich positiv aus. Aus dem EU-Parlament gehörten Grüne und Christdemokraten zu den ersten Gratulanten: «Ich bin begeistert. Die Kommission der Europäischen Union reagiert auf das eindeutige Votum der Onlinebefragung», sagte etwa der deutsche EU-Abgeordnete Peter Liese von der CDU. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte, sie hätte eine «hohe Priorität» für die Abschaffung der Zeitumstellung und freue sich, wenn die EU-Kommission «dieses ­Votum ernst nimmt». Aus den baltischen Staaten Estland, Lettland und ­Litauen sowie aus Finnland kamen ebenfalls erste positive Signale.

Ob man für oder gegen die Zeit­umstellung ist: An den Gedanken, dass im Dezember die Sonne erst um 9.15 Uhr aufgehen könnte, muss man sich erst einmal gewöhnen.

Sieben Fragen und Antworten

Wird die Zeitumstellung in der EU nun wirklich abgeschafft?

Wahrscheinlich schon, aber noch nicht sofort. Die EU-Kommission hat zunächst einmal nur ein Vorschlagsrecht. Das EU-Parlament und die EU-Staaten müssen noch zustimmen. Wenn das noch vor Ende der Legislaturperiode im Mai 2019 passieren soll, müssen sie sich beeilen. Die Befürworter der Abschaffung sind sich sicher, dass es im EU-Parlament eine Mehrheit dafür gibt. Im Rat der Mitgliedsländer ist die Lage unübersichtlicher.

Wird die Schweiz nachziehen?

Es ist anzunehmen, das die Schweiz bei einer Abschaffung der Zeitumstellung mit der EU mitziehen würde. Die Nachbarstaaten der Schweiz seien deren wichtigste Handelspartner, äusserte sich der Bundesrat zum Thema im März. Eine von ihnen abweichende Zeitregelung würde sich im täglich Austausch bemerkbar machen. Zudem würde dies hohe Überprüfungs- und Umrüstungskosten mit sich bringen – zum Beispiel wenn abgeklärt werden müsse, ob die Steuerungen und Systeme auch bei einem Verzicht auf die Zeitumstellung funktionieren würden.

Wieso gibt es die Sommerzeit eigentlich?

Eigentlich soll das Tageslicht besser genutzt werden. In Deutschland gab es die Sommerzeit schon mehrfach. Zuletzt wurde sie 1980 wieder eingeführt. Unter dem Eindruck der Ölkrise von 1973 hatte man die Hoffnung, auf diese Weise Energie zu sparen. Ein weiterer Grund war die Anpassung an die Nachbarländer, die diese Regelung schon hatten. Seit 1996 gibt es eine einheitliche EU-weite Regelung. Seitdem beginnt die Sommerzeit Ende März und hört Ende Oktober auf. In dieser Zeit ist es abends eine Stunde länger hell.

Wer ist für die Schweizer Zeit zuständig?

In der Schweiz ist das Eidgenössische Institut für Metrologie (Metas) dafür zuständig, dass die offizielle Schweizer Zeit realisiert und verbreitet wird. Das Institut entwickelte zusammen mit der Universität Neuenburg eine der weltweit genausten Atomuhren. Diese weicht gemäss Mitteilung in 30 Millionen Jahren eine Sekunde von der genauen Zeit ab.

Was sind die Argumente der Gegner der Zeitumstellung?

Sie argumentieren, dass tatsächlich keine Energie gespart wird. Laut Umweltbundesamt schalten zum Beispiel die Deutschen im Sommer zwar wegen der Zeitumstellung abends seltener das Licht an - im Frühjahr und Herbst wird morgens allerdings mehr geheizt.

Mediziner sehen zudem Risiken für die Gesundheit. In einer repräsentativen Studie des Forsa-Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit gab im Frühjahr rund ein Viertel der Befragten an, schon einmal gesundheitliche Probleme gehabt wegen der Zeitumstellung zu haben. Als Beschwerden wurden vor allem Müdigkeit, Schwierigkeiten beim Einschlafen und Konzentrationsprobleme genannt.

Was ändert sich bei der Abschaffung?

Viele Arbeiter mit einem Bürojob würden die Abschaffung wohl freuen. Im Winter würde es am Morgen länger dunkel, dafür am Abend länger hell bleiben. Personen, die früh beginnen und im Freien arbeiten, müssten mit längerer Dunkelheit rechnen.

Würde das nicht zu einem Flickenteppich der Zeit in der EU führen?

Gut möglich, dass es noch mehr zeitliche Unterschiede geben würde. Spanien etwa würde wohl kaum die Sommerzeit beibehalten - denn dann würde die Sonne in Madrid im Winter erst gegen 9.30 Uhr aufgehen. In der von Deutschland dominierten Online-Umfrage wollte hingegen eine Mehrheit die dauerhafte Sommerzeit. Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU.

(sda/zfo)

Die Geschichte der Einführung der Zeitumstellung

1977

Der Bundesrat bringt die Sommerzeit auf das politische Parkett, weil sich in der Europäischen Gemeinschaft (EG) die Zeichen für die Einführung der Sommerzeit verdichten.

1978

Fünf junge Kleinbauern aus dem Zürcher Oberland ergreifen das Referendum und sammeln rund 82'000 Unterschriften. Mehr als doppelt so viel wie nötig gewesen wären.

28. Mai 1978

Das Schweizer Volk sagt mit 52,1 Prozent Nein zur Sommerzeit.

29. Februar 1979

Ständerat spricht sich mit 32:6 Stimmen für die Einführung der Sommerzeit aus.

Oktober 1979

Die BRD und die DDR geben bekannt, bereits im Jahr 1980 die Sommerzeit einzuführen.

21. März 1980

Das Parlament verabschiedet erneut ein Zeitgesetz, das die Einführung der Sommerzeit im Jahr 1981 möglich macht. Ein Referendum kam nicht mehr zustande.

6. April 1980

In der BRD und DDR, Österreich gilt bis am 28. September 1980 die Sommerzeit. Frankreich und Italien hatten schon vorher eigene Lösungen. Die Schweiz ist eine Zeitinsel.

1981

Die Schweiz führt die Zeitumstellung ein.

Die genauen Ergebnisse der EU-Studie

Bei der EU-Umfrage zur Zeitumstellung haben sich nach offiziellen Angaben 84 Prozent der Teilnehmer für eine Abschaffung ausgesprochen. In der gesamten Europäischen Union hatten sich nach Angaben der Kommission 4,6 Millionen Menschen an der Online-Umfrage beteiligt. Das entspricht 0,89 Prozent der EU-Bevölkerung. In Deutschland lag der Anteil mit 3,79 Prozent weit darüber. Auch in Österreich, Luxemburg, Finnland und Estland beteiligten sich überdurchschnittlich viele Menschen. Die geringsten Teilnehmerquote hatten Italien und Rumänien (jeweils 0,04 Prozent der Bevölkerung) sowie Grossbritannien (0,02 Prozent).

Die Ablehnung der Zeitumstellung war unter den Teilnehmern in fast allen Ländern überwältigend: In Finnland und Polen erreichten die Gegner des Hin und Her Quoten von jeweils 95 Prozent, in Spanien 93, in Litauen 91 und in Ungarn und Kroatien jeweils 90 Prozent der Abstimmenden.

Nur in Griechenland und Zypern waren die Befürworter der Zeitumstellung unter den Teilnehmern in der Mehrheit, mit einem Anteil von 56 Prozent beziehungsweise 53 Prozent.

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