Migration
EU plant Flüchtlingscamps in der Wüste – Experten sind skeptisch

Die EU plant Erstaufnahmelager in Niger und anderennordafrikanischen Ländern – Experten sehen das kritisch.

Markus Schönherr, Kapstadt
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Flüchtlinge sollen in Erstaufnahmezentren in Afrika aufgenommen werden.

Flüchtlinge sollen in Erstaufnahmezentren in Afrika aufgenommen werden.

Keystone

Agadez ist ein Treffpunkt für Karawanen. Die Wüstenstadt im Norden Nigers ist der letzte Fleck Zivilisation – die letzte Gelegenheit, um Kamele aufzutanken und sie mit Gewürzen und Früchten zu beladen. Danach folgt der tagelange Trip durch die Sahara. Den bescheidenen Reichtum verdankt Agadez jedoch einer anderen Einnahmequelle: Flüchtlingen.

Vor Krieg, Unterdrückung oder einer maroden Wirtschaft fliehend, strömen die Menschen aus ganz Afrika nach Agadez. Hier werden sie sortiert, nach Herkunftsland in Metallcontainern untergebracht und um ihre Ersparnisse erleichtert. Sobald es genug sind, um einen Lastwagen zu füllen, beginnt die Fahrt nach Libyen oder Algerien – Endziel Europa.

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ist Niger eines der meist frequentierten Transitländer des Kontinents. Allein 100 000 Westafrikaner würden das Land dieses Jahr auf ihrem Weg nach Europa durchqueren. Die EU plant derzeit, Erstaufnahmelager in Niger, Sudan und anderen nordafrikanischen Staaten zu etablieren. In Agadez soll bis Jahresende das erste dieser «Willkommenszentren» entstehen.

Asylanträge vor Ort behandeln

Seit mehreren Jahren werben Politiker für EU-Flüchtlingscamps in Nordafrika. Nach dem Vorbild Australiens, das illegale Immigranten mithilfe seiner Küstenwache von der Grenze fernhält, sollen bereits hier die Asylanträge geprüft werden. Daneben könnten, so der Plan der Staatengemeinschaft, abgewiesene Flüchtlinge aus Europa in die Lager gebracht werden. Deutschland, Grossbritannien, Österreich, Frankreich und Tschechien unterstützen den Plan. Dafür und dennoch skeptisch ist EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: «Mir wäre es recht, aber ich weiss nicht, ob es machbar ist, dass man Asylanträge in Afrika vor Ort behandelt.»

Auch Menschenrechtler betrachten das Vorhaben kritisch. Das Projekt sei «nebulös und höchst fragwürdig, und das Sterben auf dem Mittelmeer wird dadurch kein Ende nehmen», warnt die Organisation Pro Asyl. Zudem würden die geplanten Camps den Begriff des Asyls neu definieren, da den Flüchtlingen weder ein Anwalt zur Seite stünde, noch der offizielle Prozess gewährleistet sei. Ziel der EU sei es, sich mithilfe der Aussenlager aus der Verantwortung zu ziehen.

Mehr Aufklärung nötig

Experten kritisieren vor allem den Plan, die Camps als Abschiebelager für illegal eingereiste Immigranten heranzuziehen. «In Mauretanien werden ähnliche Camps als ‹Guantanamito› bezeichnet, was schon viel über die Wahrnehmung solcher Lager vor Ort sagt», meint Julien Brachet vom International Migration Institute an der Universität Oxford. Die vorgeschlagenen Lager müssten illegale Migration bekämpfen, indem sie legale Migration ermöglichten. Andernfalls seien sie bloss «eine weitere Geldverschwendung».

In erster Linie müsse sich die EU der Aufklärung in den Transitländern widmen, meint auch Adejumoke A. Afolayan, Migrationsexpertin an der Universität Ibadan in Nigeria. «Eine bessere Kommunikation mit den Migranten gäbe der EU die Chance, sie zu sensibilisieren. Die EU sollte sie über die Risiken einer Wüstendurchquerung oder die oft tödlichen Folgen einer Fahrt über das Mittelmeer aufklären sowie über die sklavenähnlichen Methoden der Schlepper.»