EURO 2016: Frankreich hofft auf den EM-Schub

Mehr Teams, mehr Zuschauer – noch nie hat eine Fussball-EM so viele Menschen mobilisiert. Das Turnier dürfte für Frankreich zum grossen Geschäft werden.

Ernst Meier und Stefan Brändle, Paris
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Die Vorfreude auf das Fussballspektakel Euro 2016 ist gross. Im Bild: Wasserspiel nahe der Fanzone in Nizza, Frankreich. (Bild: EPA/Ali Haider)

Die Vorfreude auf das Fussballspektakel Euro 2016 ist gross. Im Bild: Wasserspiel nahe der Fanzone in Nizza, Frankreich. (Bild: EPA/Ali Haider)

Ernst Meier UND Stefan Brändle, Paris

Am Freitag, Punkt 21 Uhr, ist Anpfiff. Wenn das Spiel zwischen Frankreich und Rumänien losgeht, dann beherrscht König Fussball definitiv das tägliche Geschehen weit über die Welt der Sportinteressierten hinaus. Die Europameisterschaft ist neben der Fussball-WM und den Olympischen Spielen die drittgrösste Sportveranstaltung. Dank internationalen Stars wie Ronaldo, Ibrahimovic oder Bale wird die Euro 2016 auch auf anderen Kontinenten von Millionen am TV verfolgt – vor allem in Südamerika und Asien, wo die Champions-League-Spiele Strassenfeger sind.

Für einen wirtschaftlichen Schub durch die Euro hat man bereits im Vorfeld gesorgt: Erstmals nehmen am Turnier 24 Teams teil – statt wie bisher 16 Mannschaften. Nicht nur die Trikotverkäufer freuts. Der Veranstalter meldete bereits den Verkauf von 2,6 Millionen Tickets. Damit werden über eine Million Menschen mehr als vor vier Jahren in den Genuss des Live-Erlebnisses kommen (siehe Grafik). Ebenso werden höhere Zuschauerzahlen in den Public Viewings oder zu Hause vor dem TV erwartet – mit positiven Effekten für die Gastro- und die Fanartikel­umsätze.

Die Stadien sind bereit

König Fussball und mit ihm Frankreich steht für 30 Tage im Mittelpunkt der Sportwelt. La Grande Nation, geprägt von anhaltenden wirtschaftlichen und sozialpolitischen Schwierigkeiten, will sich der Welt von ihrer besten Seite präsentieren. Die gute Nachricht: Die Stadien sind bereit. Im Unterschied zu anderen sportlichen Grossanlässen haben die französischen Bauunternehmen nicht nur die Kosten, sondern auch die Abgabeter­mine eingehalten. Obwohl vier der zehn Austragungsstätten Neubauten sind: Bordeaux, Lille, Lyon und Nizza gaben dafür je 200 bis 380 Millionen Euro aus. Fünf weitere Stadien wurden umfassend renoviert; nur das Stade de France ausserhalb von Paris, das für die Fussball-WM 1998 eingeweiht worden war, brauchte kein Facelifting.

Die budgetierten Einnahmen während der EM halten sich für die zehn Spielorte in Grenzen: Kleine Stadien wie Toulouse oder Lens rechnen «nur» mit 60 Millionen Euro Zuschauereinnahmen. Ähnliche Einnahmen werden nach der EM aus zukünftigen Fussballspielen, Musikkonzerten und ähnlichen Veranstaltungen in den neuen oder erneuerten Stadien erwartet. Unter dem Strich sollen die EM-Auslagen für alle zehn Städte mit schwarzen Zahlen enden. Langfristig ist das weniger sicher. Die privaten Bauherren Vinci, Bouygues und Eiffage haben die Stadien auf eigene Kosten gebaut oder renoviert, im Gegenzug aber auch die Rechte daran für 50 Jahre erhalten. Und die drei Grosskonzerne verlangen von den Stadtbehörden hohe Stadionmieten – im Stade Vélodrome in Marseille zum Beispiel 12 Millionen Euro pro Jahr. Vom Fussballklub Olympique Marseille (OM) bezieht die Stadt aber nur 3 Millionen Euro Jahresmiete. Einziger Nutzniesser dieses Dreiecksgeschäftes ist Bouygues. OM-Fans zeigten dem Bauriesen deshalb auf Twitter verschiedentlich die rote Karte.

Insgesamt rechnet Frankreich mit einem EM-Umsatz von 2,8 Milliarden Euro. Mehr als die Hälfte entfällt auf die Bauten und die Organisation. 1,2 Milliarden sollen von den Besuchern ausgegeben werden – davon 800 Millionen durch Ausländer. Die 38 Prozent ausländischen Zuschauer mit Stadionplätzen sollen jeden Tag 500 Euro ausgeben – Hotel inbegriffen. Ausländer, die sich mit den unentgeltlichen Fanmeilen begnügen – aus den unmittelbaren Nachbarländern werden Zehntausende erwartet –, sollen immerhin noch 150 Euro pro Tag ausgeben.

Schwierige Prognose

Mit diesen Zahlen rechnet jedenfalls das französische Zentrum für Sportrecht und -wirtschaft (CDES) in einer Studie. Sportexperten sind etwas skeptischer. Pierre Rondeau, Wirtschaftsprofessor an der Sorbonne, meint, man müsse «relativieren»: Wegen der Terrordrohung und anderer eher konjunktureller Faktoren sei es unsicher, wie viele Besucher namentlich in die Fanmeilen kämen. Auch in Frankreich habe man den finanziellen «Niederschlag» solcher Turniere schon öfters überschätzt. Bei der Rugby-WM von 2007 rechnete Frankreich mit einem Milliardenumsatz; zum Schluss blieben aber nur 540 Millionen Euro. Frankreich als Ganzes setzt indessen nicht nur auf das EM-Business. Fast noch wichtiger ist die Imagewirkung als Reiseland – namentlich für Paris, das touristisch unter den Terroranschlägen von 2015 gelitten hat. Deshalb auch scheuen die Behörden keinen Aufwand, weitere Attentate mit allen Mitteln zu verhindern.

Präsident François Hollande hofft laut der Zeitung «Le Figaro» vielmehr auf einen «Effekt der guten Laune», der auch die lahmende Wirtschaft ankurbeln soll. Die Europameisterschaft wird vor und während des Turniers 119 000 Leute beschäftigt haben. Der grösste Teil entfällt auf die Organisation und bauliche Renovation; dazu kommen 5000 Stellen in der Sicherheit und 4000 in den Bereichen Verpflegung und Transport. Dies könnte sich auch auf die Arbeitslosenstatistik auswirken, die in Frankreich ein Politikum ersten Grades ist. Hollande macht seine eigenen Wiederwahlpläne von der Entwicklung der Beschäftigungslage abhängig. Wenn die EM die Landeskonjunktur stimuliert, steigen auto­matisch die Wiederwahlchancen des unpopulären Staatschefs bei den Präsidentschaftswahlen 2017. Vor allem auch, wenn Gastgeber Frankreich Europameister wird. Der grösste Fan der «Bleus» heisst deshalb François Hollande.