EUROKRISE: «Der Euro wirkt wie ein süsses Gift»

Deutschland müsse aus dem Euro austreten, damit die Südländer wieder wettbewerbsfähig würden, sagt Eurokritiker Hans-Olaf Henkel. Auch Frankreich müsse über die Bücher.

Interview Jan Flückiger
Drucken
Teilen
Hans-Olaf Henkel am Alpen-Symposium in Interlaken. (Bild: Keystone)

Hans-Olaf Henkel am Alpen-Symposium in Interlaken. (Bild: Keystone)

Hans-Olaf Henkel, Sie sprechen im Zusammenhang mit der Eurokrise von einer «verlorenen Dekade», die Europa bevorstehe. Sehen Sie denn gar keinen Ausweg aus der Krise?

Hans-Olaf Henkel*: Es gibt immer einen Ausweg. Es gibt dieses Sprichwort: Wenn alle Wege versperrt sind, bleibt noch der Weg nach oben. Das wäre in diesem Fall die Trennung der Eurozone in Norden und Süden, um die Währung der Realität anzupassen. Die Politik in Europa versucht gerade, die Realität der Währung anzupassen. Das wird nicht funktionieren.

Wieso nicht?

Henkel: Zurzeit sieht es so aus, dass der Euro gerettet wird, koste es was es wolle. Die entscheidende Frage ist, zu welchem Preis. Die Rettung von Griechenland könnten wir noch verschmerzen. Die grösste Gefahr für den Euro kommt aber nicht aus Griechenland, auch nicht aus Portugal, Spanien oder Italien, sondern aus Frankreich.

Aus Frankreich?

Henkel: Ja, denn Frankreich unternimmt momentan keine ernsthaften Anstrengungen, seine Wettbewerbsfähigkeit auf das Niveau von Deutschland zu bringen.

Müssen die Franzosen gleich wettbewerbsfähig sein wie die Deutschen?

Henkel: Jeder Blinde sieht doch, dass der Euro zu stark ist für die Franzosen und zu schwach für die Deutschen. Um den Euro zu retten, braucht es Zentralisierung und Harmonisierung. Man muss den Unterschied zwischen den Ländern einebnen. Das kann man machen, indem man Länder wie Griechenland oder eben auch Frankreich wettbewerbsfähiger macht. Oder indem man die Wettbewerbsfähig­-keit von Deutschland beschädigt, was bereits geschieht. Zum Beispiel, wenn der französische Industrieminister fordert, Deutschland müsse die Löhne erhöhen und damit weniger produktiv werden.

Deutschland profitiert doch von einem schwachen Euro, weil es günstiger exportieren kann?

Henkel: Das stimmt so nicht. In den ersten 12 Jahren des Euro ist die deutsche Wirtschaft am zweitschwächsten gewachsen von allen Ländern der Eurozone. Gewachsen sind die Länder im Süden. Der Anteil deutscher Exporte in die Eurozone ist von 46 auf 39 Prozent gesunken. Die Eurozone hat Deutschland nichts gebracht.

Aber die Exportindustrie profitiert vom schwachen Euro?

Henkel: Das stimmt, aber nur kurzfristig. Der Euro wirkt wie ein süsses Gift. Denn längerfristig beschädigt er die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Durch die schwache Währung fällt der Innovationsdruck weg, den wir zu Zeiten einer starken D-Mark immer hatten. Wir hatten auch zu D-Mark-Zeiten immer wieder Währungsaufwertungen zu verkraften. Die Tatsache, dass wir immer unter einem Aufwertungsdruck standen, war eines der Geheimnisse der Produktivität der deutschen Industrie. Wir mussten immer produktiver, effizienter und kreativer sein als die anderen, die einfach ihre Währung abgewertet hatten.

Und genau diese Währungsabwertung fällt jetzt für die südlichen Euroländer weg.

Henkel: Ja. Ohne Abwertung kommen diese auf keinen grünen Zweig. Die Südländer, inklusive Frankreich, sind gewohnt, ihre Währungen abzuwerten.

Sie propagieren einen Ausstieg Deutschlands aus dem Euro und die Einführung eines so genannten Nord-Euros. Wie soll das funktionieren?

Henkel: Mein Vorschlag ist folgender: Deutschland, Holland, Österreich und Finnland sollen aus dem Euro austreten und eine eigene Währung, Arbeitstitel Nord-Euro, gründen. Der Vorteil gegenüber eines Rauswurfs Griechenlands aus der Eurozone wäre, dass es kein Chaos gäbe.

Wieso nicht?

Henkel: Es gäbe keinen Sturm auf die Banken in Griechenland. Auch die Ansteckungsgefahr auf Länder wie Portugal, panien, Italien und Frankreich wäre nicht gegeben. Denn die anderen Länder hätten ja immer noch ihren Euro. Es ist auch moralisch etwas anderes, ob man sagt: «Ihr müsst gehen» oder man sagt «Wir gehen, weil ihr euch nicht an die Regeln haltet».

Wie würde der Nord-Euro aussehen?

Henkel: Er würde genauso funktionieren, wie der Euro ursprünglich mal funktionieren sollte. Das heisst mit einer eigenen Zentralbank und allen Maastricht-Kriterien, inklusive der «No-bail-out-Klausel» (verschuldete Länder werden nicht von anderen Ländern gerettet, Anm. d. Red.), die Merkel unter dem Druck Frankreichs so fahrlässig über Bord geworfen hat.

Und was passiert mit den restlichen Euroländern?

Henkel: Der Vorteil für die anderen Länder wäre, dass der Euro im Vergleich zum Nord-Euro abgewertet würde. Damit wären die südlichen Länder auf einen Schlag wieder wettbewerbsfähiger.

Damit wäre aber für diese Länder auch ein relativer Verlust von Wohlstand verbunden. ,

Henkel: Das sehe ich nicht so. Man muss sich immer die Alternative vor Augen halten. Nehmen wir Griechenland: Wir können den Griechen schon die Schulden erlassen. Doch es hat noch nie in der Geschichte eine Umschuldung ohne Währungsabwertung gegeben. Der grösste Garant für Wohlstand ist Wachstum. Ohne Abwertung werden die Südländer nicht auf den Pfad des Wachstums zurückkehren. Schauen Sie sich nur die Arbeitslosenzahlen – insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit – in diesen Ländern an.

Dafür hätten die Nordländer plötzlich mit einer harten Währung zu kämpfen.

Henkel: Ja, kurzfristig würde die Exportindustrie im Norden darunter leiden. Die Nordländer müssten auch ein paar Kredite abschreiben. Doch langfristig würden alle profitieren. Schauen Sie: Die Nordeuropäer leiden am meisten unter der Inflation und die Südeuropäer am meisten unter der Arbeitslosigkeit. Mit meiner Lösung wäre beiden geholfen.

Bleibt das psychologische Moment: Wie würde denn Frankreich reagieren, wenn es plötzlich in eine Art «zweite Liga» zurückgestuft würde?

Henkel: Es gibt in Frankreich immer mehr Leute, die sagen: «Wir wollen dieses Diktat von Frau Merkel nicht.» Die Franzosen wollen keine Fiskalpolitik nach deutschem Vorbild. Sie sind gewohnt, ihre Währung abzuwerten. Ich werde am 24. Januar zusammen mit Kollegen aus Frankreich, Spanien und Italien in Brüssel – in der Höhle des Löwen – die Idee des Nord-Euros vorstellen. Und vor allem mit dem Interesse der Südländer begründen.

Wenn man Ihnen zuhört, dann klingt alles sehr logisch. Doch kaum ein europäischer Politiker wagt, das zu sagen, was Sie jetzt sagen. Gemäss Angela Merkel und anderen führenden Politikern ist der Euro «alternativlos».

Henkel: In Deutschland ist das so, da haben Sie Recht. Ich stelle aber fest, dass in anderen Ländern – auch im Süden Europas – durchaus offen und ehrlich und ohne Scheuklappen über Alternativen zum Euro gesprochen werden darf. Nur nicht in Deutschland.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Henkel: Darüber habe ich oft nachgedacht. Ich glaube, wir haben es in Deutschland mit einer politisch korrekten – ich möchte gar sagen feigen – Elite zu tun. Diese ist nicht gewillt, gewisse Themen offen anzusprechen. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass meine Kritik unter vier Augen auch von Wirtschaftsführern in der Industrie geteilt wird. Aber: nicht öffentlich. Das Gleiche gilt auch für eine Reihe deutscher Ökonomen, die in der Kritik der Euro-Rettungspolitik viel weiter gehen als ich. Aber am Schluss ihrer Reden sagen sie trotzdem immer, sie seien für die Beibehaltung des Euros.

Ein Widerspruch?

Henkel: Ja. Das ist meiner Meinung nach nicht ehrlich und nicht redlich. Man kann nicht gegen die Euro-Rettungspolitik sein, aber für den Euro. Denn ohne Rettungsschirme wäre der Euro längst tot. Ebenso ohne die Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), unbegrenzt Staatsanleihen der verschuldeten Länder zu kaufen, wenn es denn sein müsse.

Und trotzdem gibt es in Deutschland kaum öffentliche Kritik am Euro.

Henkel: Frau Merkel ist es gelungen, den Euro mit Europa gleichzusetzen. Und wer ist schon gegen ein friedlich zusammenlebendes Europa?

Dabei könnte man es durchaus auch so sehen, dass der Euro den europäischen Zusammenhalt je länger je mehr gefährdet.

Henkel: Absolut. Der Euro gefährdet die europäischen Länder nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch. Vor der Eurokrise war Deutschland das beliebteste Land in Griechenland. Als Merkel jüngst in Athen war, musste sie von 7000 Polizisten beschützt werden. Auch das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland ist so schlecht wie schon lange nicht mehr. Die Briten überlegen sich sogar, aus der EU auszutreten. Das wäre eine Katastrophe. Von den Bevölkerungen der zehn EU-Länder ohne Euro wollen nur noch die Rumänen den Euro. Man sieht doch, wenn man einigermassen nüchtern ist, was der Euro schon alles angerichtet hat. Nun wäre es höchste Zeit, dies zuzugeben.

* Hans-Olaf Henkel ist ehemaliger Chef von IBM Deutschland.1995 bis 2000 war er Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Die Schweiz als «Stimme der Vernunft» in Brüssel

Hans-Olaf Henkel, ist die Anbindung des Schweizer Frankens an den Euro aus Ihrer Sicht ein Fehler?

Hans-Olaf Henkel: Nein. Denn dadurch profitiert die Schweiz in Nicht-Euro-Ländern vom schwachen Euro. Schweizer Uhren zum Beispiel sind in China so günstig wie noch nie.

Aber langfristig besteht durch die Währungskäufe doch das Risiko der Inflation ...

Henkel: Die Inflation ist ein langfristiges Problem, ja. Das sollten wir uns auch von den Chefökonomen der Banken nicht ausreden lassen. Denn die haben alle ein grosses Interesse daran, dass die Euro-Rettungspolitik so weitergeht. Die Angst vor der Inflation ist in Deutschland schon sehr real. Deshalb bringen viele Leute ihr Geld ja auch in die Schweiz. Oder sie kaufen Immobilien, und die Immobilienpreise steigen in der Folge ins Unermessliche.

Das Verhältnis der Schweiz zur EU ist zurzeit sehr angespannt. Was empfehlen Sie der Schweiz?

Henkel: Das mag Sie jetzt überraschen: Ich empfehle der Schweiz einen Beitritt zur EU – einfach ohne Übernahme des Euro, nach dem Modell der Briten und der Dänen. Dann hätte die Schweiz alle Vorteile. Ich sage das aber auch in eigenem Interesse: Die Schweiz wäre die Stimme der Vernunft in Brüssel.

Jan Flückiger