Entführung
Ex-Schachweltmeister Spasski angeblich nach Russland entführt

Der legendäre russische Schachgrossmeister Boris Spasski soll von Paris nach Moskau entführt worden sein. Sein Sohn reicht deshalb bei einem französischen Gericht Klage ein.

Stefan Brändle, Paris
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Das legendäre «Final des Jahrhunderts» zwischen Boris Spasski (l.) und Bobby Fischer 1972.

Das legendäre «Final des Jahrhunderts» zwischen Boris Spasski (l.) und Bobby Fischer 1972.

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Boris Spasski junior erklärte der französischen Zeitung Le Figaro, sein Vater sei von seinem Wohnort Paris nach Moskau verschleppt worden. Als Sohn werde er deshalb bei einem französischen Gericht Klage wegen «Entführung und Festhalten» einlegen. Einer russischen Agentin wirft er vor, hinter der Affäre zu stecken.
Der Name Spasski ist nicht nur Schachfreunden, sondern auch Historikern des Kalten Krieges ein Begriff. Der frühere sowjetische Weltmeister hatte sich mit dem amerikanischen Genie Bobby Fischer im Jahre 1972 das «Finale des Jahrhunderts» geliefert - und dieses nach hartem Ringen auf und neben dem Schachbrett verloren. Danach konnte sich Spasski in Qualifikationsturnieren kaum mehr durchsetzen; bald wurde es ruhig um ihn.

In den letzten Jahren lebte er mit seiner Frau Marina zurückgezogen in Meudon bei Paris; nur vereinzelt interessierte er sich noch für den Schachsport. Nach längerer Krankheit erlitt er auf einer Reise in Moskau 2010 einen Schlaganfall und wurde von seinem Sohn in ein Pariser Spital zurückgeführt. Seither war er linksseitig gelähmt und geistig geschwächt.

Motiv möglicherweise patriotischer Natur
Jetzt wird er noch einmal Gegenstand einer Ostwest-Affäre, die dem Krimiautor John Le Carré gut anstehen würde. Laut dem Filius wurde Spasski am 16. August ohne Wissen der Familie aus einem Pariser Spital nach Moskau ausgeschafft. Dort fand ihn Boris nach langer Suche. Sein Vater habe sich «nicht mehr erinnern können, wie er von Paris plötzlich in Russland gelandet war», erklärte Boris junior dem Pariser Blatt.
Viel mehr holte er aber nicht aus seinem Vater heraus, denn eine Russin namens Valentina Kuznetsova habe sich ihm in den Weg gestellt, berichtet er. Diese Frau gebe sich als Spasskis Agentin aus; sie habe den Meister zuvor schon in Paris besucht und habe Marina Spassky mit Telefonanrufen belästigt, wobei sie über die Familie und die französische Medizin geschimpft habe.
Spasski junior deutet an, dass die «Agentin» ihrem Vater den Kopf verdreht haben könnte, indem sie ihm eine triumphale Rückkehr in sein Heimatland vorspiegelte. Ihr Motiv sei möglicherweise patriotischer Natur. Ob weitere Kreise hinter der Russin stecken könnten, will oder kann der Sohn des Schachmeisters nicht angeben. Immerhin soll seine Mutter erfahren haben, dass ihr Mann von dem Pariser Spital in die russische Botschaft und von dort mit einem Einwegpass nach Moskau überführt worden sei. Die russische Zeitung Komsomolskaïa Pravda berichtete hingegen, Spasski habe «freiwillig» in ein Moskauer Krankenhaus gewechselt. Sie spricht von einem blossen Familienstreit. Die Auflösung dieses neuen Thrillers steht noch aus.