Germanwings-Absturz
Ex-Swissair-Pilot: «Der Sinkflug ist absolut mysteriös»

Dass ein Flugzeug einen Sinkflug einleitet, ohne die Flugüberwachung zu informieren, ist laut dem langjährigen Captain Olav Brunner eine «Todsünde». In der Sendung «TalkTäglich» hat er mit weiteren Experten den Absturz in Frankreich analysiert.

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Am Montagmorgen um 10.31 Uhr leitete die Unglücksmaschine den Sinkflug ein. Die Crew informierte die Flugüberwachung aber nicht darüber. Für den ehemaligen Swissair-Piloten und Aviatik-Experten Olav Brunner ein Rätsel: «Das ist absolut mysteriös. Eine Flugfläche ohne Bewilligung zu verlassen, das ist ein No-Go, das ist eine Todsünde, das darf man nicht machen.»

Der Grund: Auf anderer Flughöhe gibt es Gegenverkehr und so kann dieses Manöver zu Kollisionen mit anderen Flugzeugen führen. «Man muss die Fluchsicherung deshalb in jedem Fall informieren, wenn man die Flugfläche verlässt», sagt Brunner am Mittwochabend in der Sendung «TalkTäglich». 28 Jahre hat der erfahrene Captain auf dem Buckel, zudem hat er nach seiner Zeit als Pilot diverse Flugzeugunglücke untersucht.

Die französische Flugüberwachung hat versucht, die Crew in dem vom Kurs abgekommenen Flugzeug zu erreichen, sogar auf einer internationalen Notfrequenz. Laut einigen Experten hat die Information in einem solchen Moment weder Priorität noch bleibt Zeit dafür. Brunner ist da anderer Meinung: «Naürlich gibt es sehr viel zu tun, wenn technische Probleme eintreten. Aber irgendwann findet man die halbe Sekunde oder zwei Sekunden Zeit, um zu kommunizieren.»

Parallelen zum Helios-Absturz 2005?

Patrick Huber, Chefredaktor des Luftfahrt-Magazins «Cockpit» und ebenfalls als Experte im Studio, erinnert an das Unglück einer griechischen Helios-Maschine vor zehn Jahren: Der Flieger der griechischen Fluggesellschaft flog minutenlang geradeaus, die griechische Luftwaffe stieg zum Flugzeug auf und sah, dass die beiden Piloten im Cockpit bewusstlos waren. Die Maschine zerschellte ebenfalls in den Bergen. Damals hatten ein Passagier in Flugausbildung und eine Flightattendant noch versucht, den Flieger zu landen. Die Ursache des Unglücks war ein Druckabfall nach einem Wartungsfehler.

Die beiden Abstürze haben laut den Experten Parallelen: Es könnte sein, dass die Piloten gar nicht mehr handlungsfähig waren und deshalb die Flugsicherung nicht informierten. Laut Ex-Pilot Brunner gibt es jedoch einen grossen Unterschied zwischen den beiden Unglücken: Bei dem Helios-Flug sei der Druck gar nicht erst richtig aufgebaut worden – die Piloten verloren also schleichend das Bewusstsein. Der Verlauf des Unglücks über Südfrankreich deutet dagegen auf einen plötzlichen Zwischenfall hin.

«Spardruck belastet das Personal»

Der A320, der Flugzeugtyp der Unglücksmaschine, ist ein Bestseller. Weltweit startet alle 2,5 Sekunden ein solches Flugzeug. Dabei ist der A320 ein vergleichsweise sicheres Modell mit 0,14 Unglücken auf eine Million Starts. «Bei jedem Flugzeugtyp ist es möglich, dass technische Probleme auftreten», sagt Ex-Captain Brunner. «Der A320 ist ein Hit, alle wollen diesen Flieger – er muss ja gut sein», sagt auch Aviatik-Experte Patrick Huber.

Beim A320 gibt der Computer und nicht die Piloten die Steuerbefehle. Dass dies ein Sicherheitsrisiko ist, streitet Brunner ab: «Damals bei der Einführung des Flugzeugtyps war das ganz neu, aber heute hat man diese Technik voll im Griff. Ich glaube nicht, dass man diesem Flugzeug etwas Böses nachsagen kann.»

Moderator Markus Gilli spricht auch die Sparpolitik der Fluggesellschaften an. Grundsätzlich müssen diese die internationalen Sicherheitsstandards einhalten. Doch Ex-Pilot Brunner sagt: «Es muss gespart werden und es wird gespart, teilweise auch auf den Schultern des Personals. Und das verbreitet nicht unbedingt gute Stimmung bei einer Airline.»

Robert McShine, Leiter des Care-Teams am Flughafen Zürich, stimmt ein: «Der Druck aufs Personal steigt. Das Personal arbeitet an der Grenze zur Belastbarkeit. Das einige Crews ausgestiegen sind nach diesem Vorfall, ist kein Zufall.»

Abschied vor Ort wichtig für den Trauerprozess

Die Angehörigen der Opfer reisten mit Sonderflügen an den Unfallort. Was auf den ersten Blick den Schmerz nur noch verstärken könnte, ist laut Psychiater Robert McShine eine wichtige Massnahme: «So sind die Angehörigen nahe bei den Verunglückten. Das kann den komplizierten Trauerprozess besser einleiten.»

Wichtig für die Angehörigen sei auch die umfassende Information über das Unglück. Doch bis diese eintrifft, kann es Stunden oder Tage dauern. «Care-Teams helfen in dieser schwierigen Zeit, zu entlasten.» (smo)