Nord- und Südkorea
Explosive Idylle: zu Besuch an der bestbewachten Grenze der Welt

Wer vom Süden an die Grenze zu Nordkorea reist, glaubt, den furchteinflössendsten Ort der Welt zu besuchen. Und wer von Norden die Grenze besucht, bekommt besonderen Geschichtsunterricht. Eine Reportage von beiden Seiten der demilitarisierten Zone während der Olympischen Spiele von Pyeongchang.

Klaus Zaugg, Panmunjeom und Martin Probst, Goseong
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Hier trennen sich Nord- und Südkorea: die demilitarisierte Zone am 38. Breitengrad.

Hier trennen sich Nord- und Südkorea: die demilitarisierte Zone am 38. Breitengrad.

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Der Norden: Als wäre es eine Filmkulisse

Wer die Grenzen im Norden besucht, bekommt ganz besonderen Geschichtsunterricht und wird auch mal nach einem Schweizer Militärsackmesser gefragt.

Auf der nordkoreanischen Seite hat die Fahrt an die Demarkationslinie kaum eine verstörende Wirkung. Wir sind zu zweit im Wagen mit Chauffeur und zwei Reisebegleitern unterwegs. Wir fahren in Kaeson los, der «Welthauptstadt» der Ginseng-Wurzel. Ein paar Kilometer vor der Grenze müssen wir in einen Bus umsteigen und werden mit anderen Touristen zu einem Gebäude geführt. Hier wird uns im Theorieraum die Grenzanlage anhand von Wandkarten und -bildern von Offizieren erklärt, die perfekt Englisch sprechen. Sie sind freundlich und einer nimmt mich in einem günstigen Moment zur Seite und fragt, ob ich allenfalls ein Schweizer Militärsackmesser habe. Leider nein.

Von dieser Anlage aus werden wir nun im Kleinbus in Begleitung eines Offiziers an die Grenze geführt. Zum Gebäude und in den Raum, in dem die Tische stehen, wo im Juli 1953 der Waffenstillstand unterzeichnet worden ist. Von der Terrasse aus sehen wir direkt hinunter auf die Grenzlinie, die auf dem Betonboden aufgemalt ist und wo sich die Soldaten des Südens und des Nordens gegenüberstehen. Fotografieren ist erlaubt und der begleitende Offizier ist gerne bereit, von uns ein Foto zu machen. Die Szenerie hat nichts Bedrohliches. Eher etwas Skurriles. Als wären wir in einer Filmkulisse.

In Panmunjeom, der militärischen Siedlung in der demilitarisierten Zone, kommen sich nord- und südkoreanische Militärs sehr nahe.

In Panmunjeom, der militärischen Siedlung in der demilitarisierten Zone, kommen sich nord- und südkoreanische Militärs sehr nahe.

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Auf dem Weg zur Grenze, die als die bestbewachte der Welt gilt, sind die gut getarnten militärischen Anlagen fast nicht zu erkennen. Die Stimmung ist nicht bedrückender als sonst wo in Nordkorea. Wir sind uns ja das begleitete und überwachte Reisen gewohnt.

In Panmunjeom, der militärischen Siedlung in der demilitarisierten Zone ,kommen sich nord- und südkoreanische Militärs sehr nahe.

Die Atombombe als Schutz

Praktisch nur Nordkoreaner und weniger als 1000 ausländische Touristen reisen im Jahr hierher. Nein, ich bin kein Zyniker, aber ich habe so etwas wie einen stillen Stolz und Trotz der nordkoreanischen Besucher gespürt. Hier also sind die amerikanischen Imperialisten aufgehalten worden. Zum Grenzbesuch gehören nämlich auch die offiziellen Erläuterungen zum Koreakrieg. Und die lauten ungefähr so: Die US-Imperialisten haben das friedliche Nordkorea im Juni 1950 überfallen. Aber der heldenhaften Volksarmee unter Kim Il Sung, dem Präsidenten auf Lebzeiten und Grossvater des heutigen Machthabers, ist es gelungen, die Amerikaner zurückzuschlagen. Aber es ist nur ein Waffenstillstand. Der Krieg dauert an. Nun führen die Amerikaner, weil sie militärisch gescheitert sind, einen feigen Wirtschaftskrieg. Gut, haben wir die Atombombe. Sie bewahrt uns vor neuen Angriffen. Hätte Saddam Hussein auch Atomwaffen gehabt, hätten es die Amerikaner niemals gewagt, den Irak anzugreifen. Nach dieser Offenbarung der Wahrheit nimmt mich einer der Offiziere zur Seite und fragt: «Was sagen Sie nun? Wer hat den Krieg angefangen?» Mir fällt eine diplomatische Antwort ein: «Ich bin sehr beeindruckt.»

Ich sage ja nicht, diese nordkoreanische Sicht auf diesen Krieg, der über vier Millionen Menschen das Leben gekostet hat, sei die Wahrheit. Ja, ich weiss, dass die Nordkoreaner fast die ganze koreanische Halbinsel überrannt haben und schliesslich von den Amerikanern und ihren Verbündeten wieder zurückgeschlagen worden sind. Schliesslich ist der Krieg entlang dem 38. Breitengrad zum Stillstand gekommen.

Vereinigung als Sehnsuchtsziel

So ist nun mal die Sicht des Nordens, wie ich sie hier an der Grenze erfahren habe. Übrigens wird in Nordkorea nie von Süd- und Nordkorea gesprochen. Sondern immer nur vom koreanischen Vaterland. Und auf keiner Karte ist die Grenze, die wir besichtigt haben, eingezeichnet. Das Sehnsuchtsziel ist die Vertreibung der Amerikaner und die Vereinigung der beiden Korea. Natürlich zu den Bedingungen des Nordens.

Nordwestschweiz

Der Süden: Popmusik gegen die Propaganda

Wer vom Süden her an die Grenze zu Nordkorea reist, glaubt, den furchteinflössendsten Ort der Welt zu besuchen.

Aus den Lautsprechern wummert koreanische Popmusik. Die in der demilitarisierten Zone (DMZ) stationierten südkoreanischen Soldaten sollen die nordkoreanische Propaganda nicht hören, die nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt aus den Lautsprechern schallt. Die Szenerie ist bizarr. Mit fröhlichen Klängen im Ohr schaut man vom Beobachtungsposten aus auf Stacheldraht und sieht durch das Fernglas die Soldaten des Nordens patrouillieren. Offiziell befinden sich die Staaten im Krieg.

Die Olympischen Spiele in Südkorea sollen nun Friedensspiele werden. Im Eishockey der Frauen spielen Nord- und Südkoreanerinnen vereint. An der Eröffnungsfeier liefen die Athletinnen und Athleten beider Korea unter neutraler Flagge gemeinsam ein. Und als Kim Yo Jong, die Schwester von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, für ein paar Tage anreiste, sich mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In traf und ihn zu einer Reise nach Nordkorea einlud, fehlten eigentlich nur noch die weissen Tauben.

Doch der Schein trügt. Auch in der Sperrzone. Ein Blick über den Stacheldraht und trockenes Schilf bewegt sich im Wind. Zwischen blätterlosen Bäumen spiegelt Eis. Die hüglige Landschaft wirkt malerisch. Doch es ist eine Täuschung. Unter der Oberfläche verstecken sich unzählige Landminen. Die vermeintliche Idylle ist explosiv. 1988, als die Sommerspiele in Seoul stattfanden, flogen tatsächlich weisse Tauben. 30 Jahre später ist die Stimmung noch immer angespannt. Zwischenfälle (oft tödliche) gibt es regelmässig. Zuletzt am 13. November 2017, als ein nordkoreanischer Soldat durch die Sperrzone floh und von seinen Landsleuten angeschossen wurde.

Während ein südkoreanischer Soldat mit einer Kamera Stellungen der Nordkoreaner filmt und die Bilder vergrössert werden, erklärt einer seiner Kollegen das Grenzgebiet. Auf dem Bildschirm sind wehende nordkoreanische Fahnen zu sehen. Während man hinter grossen Glasscheiben im Beobachtungsposten sitzt und nach draussen schaut, denkt man automatisch: Wir sehen sie, also sehen sie uns. Und was, wenn nun einer zu schiessen beginnt? Schnell weg mit den Gedanken. Der Erzähler hilft den Zuhörern. «Dort drüben sehen wir einen See, der einst in der militärischen Sperrzone lag, da die Nordkoreaner ihren Teil der Grenze aber noch vorne verschoben haben, sehen wir dort gelegentlich Soldaten der Volksarmee fischen», sagt der Soldat. Welch kontrastreiche Gedanken. Hier die Idylle des Fischers, dort der Mann mit dem Maschinengewehr.

Charme-Offensive des Nordens

Korea-Kenner sehen in der neusten Charme-Offensive des Nordens vor allem eines: einen geschickten Schachzug. Für die Winterspiele wurden internationale Sanktionen gelockert, als diese den Norden gerade empfindlich trafen. Die Regierung in Seoul überzeugte die USA, gemeinsame Militärübungen zu verschieben, sie übernahm Reise- und Unterkunftskosten für die Delegation des «Feindes» und empfing ihn mit offenen Armen. Und was tat Kim Jong Un? Am Tag vor der Eröffnungsfeier signalisierte er mit einer Militärparade Stärke. Und dann schickte er seine Schwester und Cheerleader in den Süden. Es ist ein klarer Punktsieg im Propagandakrieg.

Nur Frieden ist das noch lange nicht, in einem Konflikt, der schon so lange besteht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das zuvor von Japan besetzte Korea von den Siegermächten entlang des 38. Breitengrads aufgeteilt und im Süden von den USA und im Norden von der Roten Armee besetzt. «Nach dem Ende der japanischen Besatzung waren die Menschen in Korea voller Hoffnung», sagt Sonja, die für uns die Führung übersetzt. «Doch dann wurde die Teilung beschlossen und viele Familien getrennt.»

Für die Journalisten, die über die Winterspiele berichten, wurde extra ein zusätzlicher Teil der Sperrzone geöffnet. Dieser liegt direkt an der Ostküste, nur 1,5 Stunden Busfahrt von den olympischen Anlagen entfernt. Normalerweise können Besucher nur Panmunjeom besuchen, eine militärische Siedlung, wo die verfeindeten Truppen nach mehr als drei Jahren Krieg 1953 ein Waffenstillstandsabkommen aushandelten.

Damals wurde entlang des 38. Breitengrades die 248 Kilometer lange und 4 Kilometer breite demilitarisierte Zone geschaffen. Einen Friedensvertrag hat es bis heute nie gegeben. Stattdessen haben die Konfliktparteien die Zone verkleinert. Als die Nordkoreaner ihre Grenze nach innen verlegten, reagierten die Südkoreaner. Der Beobachtungsposten ist nur 580 Meter von der nordkoreanischen Stellung entfernt.

Die Südkoreaner sehen den Feind – und umgekehrt. Besucher lassen den Blick nach Nordkorea schweifen.

Die Südkoreaner sehen den Feind – und umgekehrt. Besucher lassen den Blick nach Nordkorea schweifen.

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Waffenlose Schweizer Soldaten

Mit der Einrichtung der DMZ kam die Schweiz ins Spiel. Seit 1953 sind Schweizer Soldaten Teil der «neutralen Überwachungskommission für den Waffenstillstand in Korea». Fünf unbewaffnete Schweizer Offiziere sind in Panmunjeom stationiert. Divisionär Patrick Gauchat leitet die Delegation. Er sagte der Westschweizer Zeitung «24 Heures»: «Es scheint, dass die jüngsten innerkoreanischen Diskussionen über die Olympischen Spiele etwas Ruhe gebracht haben. Dies ist ein Grund zur Hoffnung für die zukünftige Entwicklung der Beziehungen. Es wird aber darum gehen, diesen Impuls aufrechtzuerhalten und diesem Prozess auch künftig Sauerstoff zu geben.»

Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton soll die DMZ als «furchteinflössendsten Ort der Welt» bezeichnet haben. Nimmt man den Blick weg von der Natur und denkt an das Atomprogramm von Kim Jong Un, sieht die Wachen auf ihren Posten und die Maschinengewehrstellungen, die in den Fels gehauen wurden, empfindet man ähnlich.

Einer von Gauchats Vorgängern, Jean-Jacques Joss, der als Experte die Schweizer Olympia-Delegation unterstützt und berät, sagte im «Tages-Anzeiger: «Ich glaube, es war immer so, dass Organisatoren und Politiker mit dem Sport etwas für den Frieden tun wollten. Doch so einfach ist das gar nicht. Es ist immer das Gleiche. Sie (die Nordkoreaner; die Red.) versprechen etwas, man kommt ihnen ein wenig entgegen, und gleichzeitig hauen sie dir mit dem Hammer auf den Kopf. Die Spannungen (zwischen Nord und Süd; die Red.) sind wie Wellen, sie nehmen zu und wieder ab.»

Schweizer Engagement an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea:

Schweizer Engagement an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea
9 Bilder
Das "Waffenstillstandsdorf" Panmunjom an der Grenze der beiden Koreas: Die Waffenstillstandslinie führt genau durch die Mitte der blauen Verhandlungsbaracken.
Das Gebiet beheimatet die am stärksten bewachte Grenze der Welt. Auf der südkoreanischen Seite stehen auch US-Militärs.
Beobachten sich gegenseitig penibel: Soldaten Nord- (hinten) und Südkoreas.
Blick über Panmunjom.
Der damalige Bundesrat Samuel Schmid besuchte 2006 mit koreanischen und Schweizer Offizieren den Beobachtungsposten Dora in Südkorea, nahe der militärischen Demarkationslinie zwischen den beiden Koreas.
Seit 1953 stellt die Schweiz ein Kontingent für die neutrale Grenzüberwachungskommission NNSC, der neben Schweizern auch Schweden und Polen angehören.
Ein Bild aus dem Archiv: Oberleutnant Rene Häusler, links, und Oberleutnant Daniel Furrer, rechts, posieren vor dem Eingang des Camps der schweizerischen und schwedischen Delegation in Panmunjom am 19. Juli 1983.
Auch im Einsatz im Jahr 1983: Oberst Kurt Reininger.

Schweizer Engagement an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea

Keystone

Ob nun Ebbe oder Flut folgt, wird sich wohl erst nach dem Ende der Winterspiele zeigen. Dann, wenn Südkorea und die USA wieder Militärübungen und der Norden Atomtests durchführt. Park Sun Song, Professor der Abteilung für nordkoreanische Studien der Dongguk-Universität, sagte der «NZZ»: «Die Frage der Denuklearisierung ist für Nordkorea kein Thema.» Damit fehlt möglichen Friedensverhandlungen die Basis. Überhaupt ist Südkoreas Präsident Moon Jae In in der Zwickmühle, wie er auf die jüngsten Annäherungen reagieren soll. Die USA sind dagegen, wie viele junge Koreaner, die anders als Sonja, keinen Bezug mehr haben zur der Zeit vor der Trennung. Sie wissen aus der Schule, das eine Vereinigung Ost und West (oder Nord und Süd) meist für den Zweitgenannten finanzielle Folgen hat. Dies wollen sie nicht.

In der DMZ stehend, das enorme Konfliktpotenzial vor Augen und trotzdem beschallt von koreanischen Popliedern, ist man froh, bald schon wieder über Sport zu schreiben.

Bilder aus dem Alltag Nordkoreas:

Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Frau radelt in der Hauptstadt Pjöngjang.
16 Bilder
Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Frau steht an einem Kiosk in Pjöngjang, der Blumen und Geschenke verkauft.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Diese Frauen schützen sich mit Schirmen gegen die Sonneneinstrahlung.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Frau steht in einem Kiosk, der Esswaren und Getränke verkauft.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Buben schauen aus einem Fenster eines Elektro-Busses, dem häufigsten öffentlichen Verkehrsmittel.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Bauern beim Pflanzen auf einem Feld neben einem Highway.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Bauern in einem Reisfeld.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Velofahrer und Fussgänger in der Hauptstadt Pjöngjang nach Feierabend.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Schulkinder pflegen einen Rasen.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Schulkinder pflegen einen Rasen.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine ältere Frau folgt Kindern, die ein Fahrrad stossen.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Fahrränder vor einem Restaurant.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Schulband performt an einem Feierabend.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Schulband performt an einem Feierabend.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Ein Bauer beim Säen in einem Reisfeld.
Alltag in Nordkorea - Impressionen Ein Bauer in einem Reisfeld.

Alltag in Nordkorea - Impressionen Eine Frau radelt in der Hauptstadt Pjöngjang.

Wong Maye-E