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Fake News führen zu Lynchattacken

In den Pariser Vorstädten werden Roma verfolgt, weil sie Kinder entführt haben sollen. Die Meldungen sind frei erfunden, wie auch Behörden bestätigen. Über soziale Netzwerke verbreiten sie sich dennoch wie ein Lauffeuer.
Stefan Brändle, Paris
Opfer der Übergriffe nahe von Paris: Mitglieder der Roma-Gemeinschaft. (K. Tribouillard/AFP (27. März 2019)

Opfer der Übergriffe nahe von Paris: Mitglieder der Roma-Gemeinschaft. (K. Tribouillard/AFP (27. März 2019)

Das Quartier, das man im Pariser Vorort Bobigny auf dem Weg von der Metro zum Roma-Lager durchquert, trägt seinen Namen zu Recht: La Folie – der Wahnsinn. Was diese Woche nebenan geschah, kann nicht anders als verrückt bezeichnet werden. Fünfzig Männer, mit Eisenstangen, Messern und Spitzhacken bewaffnet, verfolgten einen Lieferwagen, der auf das Elendslager der Roma zusteuerte, und warfen ihm Backsteine nach. Sie bedrohten die Fahrer und steckten später an­dere Fahrzeuge in Brand. Die zu Hilfe gerufene Polizei verhaftete insgesamt 17 Angreifer.

Zur gleichen Zeit drangen zehn Kilometer östlich davon, in Clichy-sous-Bois, bewaffnete Unbekannte gewaltsam in ein verlassenes Wohnhaus ein; die dort übernachtende Roma-Familie konnte sich gerade noch in einen nahen Supermarkt retten. Zuvor hatten sich Anwohner der umliegenden Wohnblöcke, darunter besorgte Mütter, vor dem Rathaus des Banlieue-Ortes versammelt. Sie verlangten Behördenschutz für ihre Kinder – vor angeblichen Entführungen durch die Roma. Entsprechende Meldungen zirkulieren auf Twitter und Facebook. «Entführungsversuch in Montfermeil. Es ist ein rumänisches Netz, das Organhandel betreibt», lautet eine der Nachrichten. Eine andere: «Ein weisser Lieferwagen verkehrt zwischen Nanterre und Colombes, um junge Frauen zu entführen.»

Völlig haltlose Angaben

All das ist frei erfunden. Die Präfektur teilte am Dienstag per Communiqué mit, es handle sich um «völlig haltlose» Angaben. «Fake News» stand in dicken roten Lettern über der Polizeimeldung, gefolgt vom Aufruf: «Verbreiten Sie diese Informationen nicht weiter. Stiften Sie niemanden zur Gewalt an.»

Es half nichts. Auch in Aubervilliers, Aulnay-sous-Bois, Sevran und Bondy kam es zu Aufläufen besorgter Eltern, zur Bildung improvisierter Bürgerwehren und zu Attacken auf Roma. «Wir haben Angst um unsere Kinder», sagte eine Frau mit einem rosa Kopftuch in eine TV-Kamera. Gefragt, ob sie konkrete Anhaltspunkte habe, antwortete sie: «Nein, aber ich habe davon gehört und im Internet gelesen.»

Diverse Bürgermeister, so in Sarcelles und Villiers-le-Bel, ­publizierten offizielle Dementis: Für die Behauptungen, die Roma suchten junge Menschen für Kinderprostitution und Organhandel, gebe es «keinerlei Belege». Kein einziges Kind sei in den letzten Wochen in der Umgebung entführt worden. Der Sicherheitszuständige des betroffenen Departementes Seine-Saint-­Denis, François Léger, erklärte kopfschüttelnd, er habe ein solches Phänomen in 35 Dienstjahren noch nie erlebt. Er erinnere sich an einen Vorfall in den 70er-Jahren in Orléans, wo es geheissen habe, in den Umkleidekabinen der Läden würden Frauen spurlos verschwinden. Dieser sei aber geradezu harmlos gewesen, wenn man ihn mit dem Ausmass der aktuellen Komplotttheorien vergleiche, die überdies zu realen Attacken führten.

Ratlosigkeit macht sich breit

Die neuste Gerüchtelawine über die Kindsentführungen war laut Léger schon vor Wochen ins Rollen gekommen. Hartnäckig hält sich dabei das Motiv eines ominösen weissen Lieferwagens. Überall in Frankreich will man ihn ­gesehen haben. In der südwestfranzösischen Stadt Agen hatten Eltern im Januar erstmals falschen Alarm geschlagen. Anfang März griff die Massenpsychose dann auf die Pariser Banlieue über. Zwei Jugendliche gaben zu Protokoll, man habe sie zu entführen versucht. Sie machten genaue Angaben über den Standort des Fahrzeuges, hatten sogar ein Nummerschild notiert. Die Polizei fand den Fahrer; sie machte gar eine DNA-Probe, sah die ­Aufnahmen der Überwachungskameras durch – und fand nichts. Der Mann war sauber. Die zwei Burschen wurden hingegen der Lüge überführt.

Frankreich fragt sich: Wie war das möglich? Wie konnte es zu dieser kollektiven Hysterie kommen? Niemand hat eine Antwort. Der Verband SOS-Racisme fordert nun die digitalen Plattformen auf, die Verbreitung solcher Gerüchte zu stoppen. Vertreter der Rechten legen Wert auf die Feststellung, dass die Attacken von einer weitgehend islamischen Banlieue-Bevölkerung ausgehen. Wenn schon, könnten eher soziale als religiöse Faktoren mitspielen – wie etwa die Zurückweisung der untersten Habenichtse durch andere Unterprivilegierte. Die Urängste vor dem fahrenden Volk sind indes die gleichen: In den verelendeten Vorstädten von Paris, wohin sie von den Behörden häufig abgeschoben werden, werden die Roma so misstrauisch beäugt wie anderswo.

Die französische Regierung bezeichnet die Personenattacken als «inakzeptabel» und «abscheulich». Die Justiz geht gegen mehrere, teils minderjährige Festgenommene vor.

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