Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Brasilien: Fake-News-Kampagne für ultrarechten Kandidaten Bolsonaro

Ein Skandal rund um Whatsapp heizt den Präsidentschaftswahlkampf weiter an. Über die Plattform wurden millionenfach Fake News zugunsten des Rechtsradikalen Jair Bolsonaro versendet.
Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro
Äusserst umstritten: Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro. (Bild: Siliva Izquierdo/AP (Rio de Janeiro, 17. Oktober 2018))

Äusserst umstritten: Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro. (Bild: Siliva Izquierdo/AP (Rio de Janeiro, 17. Oktober 2018))

Es geht um Falschmeldungen, die millionenfach über Whatsapp verschickt wurden. Es geht um umgerechnet drei Millionen Euro. Und es geht um illegale Wahlkampfhilfe für einen rechtsextremen Politiker. Eine Woche vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen hat Brasilien einen Fake-News-Skandal, der in dieser Art bislang wohl einzigartig ist. In den Umfragen zur Stichwahl vom nächsten Sonntag liegt der rechtsradikale Jair Bolsonaro klar vor seinem Konkurrenten Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei. Nun stellen die Enthüllungen den Verlauf des bisherigen Votums in Frage.

Wie die Zeitung «Folha de S. Paulo» aufdeckte, haben brasilianische Unternehmen bei Internetdienstleistern die Versendung von Massen-Nachrichten zugunsten Bolsonaros bestellt. Sie wurden über Whatsapp verschickt. Die Handynummern der Empfänger kamen von der Wahlkampagne Bolsonaros oder wurden von Drittanbietern gekauft. Die Nachrichten hatten den Tenor: Die Arbeiterpartei (PT) plane die Errichtung einer kommunistischen und amoralischen Diktatur. Als «Beweise» dienten gefälschte Audios, Videos und Fotos.

In einigen der Nachrichten wurde behauptet, dass PT-Kandidat Haddad Pädophilie und Inzest befürworte. Videos wurden verschickt, in denen er angeblich ­einen Ferrari fährt. Ihm wurde unterstellt, bei einem Wahlsieg die Kirchen zu verbieten, die brasilianische Flagge abzuschaffen sowie die Vermögen der Brasilianer zu konfiszieren. Haddads Vizekandidatin wurde auf einem manipulierten Foto mit einem ­T-Shirt gezeigt, auf dem stand, «Jesus ist Transvestit». Keine Behauptung war zu absurd, um nicht verbreitet zu werden. Bolsonaros Gegner hatten keine Zeit, um auf die Lügenflut zu reagieren.

Gericht ermittelt wegen illegaler Kampagne

Die Firmen, die die Nachrichten verschickten, heissen Quick­mobile, Yacows, Croc Services und SMS Market. Sie kassierten rund zwei Rappen für das Senden einer Nachricht an Unterstützer Bolsonaros und acht Rappen für das Verschicken an andere Empfänger. Insgesamt 3,5 Millionen Franken sollen die Auftraggeber der Kampagne gezahlt haben. Es ist schwer zu ermessen, welchen Einfluss die Nachrichten auf das Wahlverhalten hatten. Mehr als 120 Millionen Brasilianer ha- ben einen Whatsapp-Account, 46 Prozent erfahren Neuigkeiten zuerst über Whatsapp. Bei einer Bevölkerung mit geringem Bildungsgrad ist anzunehmen, dass Fake News auf fruchtbaren Boden fallen. Dies ist auch an der Häufigkeit abzulesen, mit der in Brasilien Falschmeldungen ohne Prüfung weiterverbreitet werden.

Die Unternehmen, die den Service kauften, darunter die Kaufhauskette Havan, betrieben Wahlkampfhilfe für Bolsonaro. Das bringt Bolsonaro nun in Bedrängnis, denn die Finanzierung politischer Kampagnen durch die Privatwirtschaft ist in Brasilien verboten. Das Oberste Wahlgericht hat Ermittlungen angekündigt, rein theoretisch könnte es Bolsonaros Kandidatur annullieren. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Umfragen zur Stichwahl sehen Bolsonaro bei rund 60 Prozent und damit deutlich in Führung. Er wird voraussichtlich der nächste Präsident Brasiliens.

Übergriffe auf Bolsonaro-Gegner

Bolsonaro verteidigt sich mit dem Hinweis, dass er das Internet nicht kontrollieren könne. Er sagte, dass er die Unterstützung der Unternehmen gar nicht nötig habe, weil Millionen Brasilianer kostenlos für ihn werben würden. Das ist nicht falsch. Der für menschenverachtende Sprüche bekannte Bolsonaro hat eupho­rische Anhänger. T-Shirts mit seinem Konterfei sind Verkaufsschlager, er wird von Weltfussballer Ronaldinho und Stars der Countrymusik Sertanejo unterstützt. Ausserdem rufen die evangelikalen Kirchen zu seiner Wahl auf, die unter den Armen grossen Einfluss haben. Der Wahlkampf ist ein weiterer Beweis für den Einflussverlust traditioneller Medien. Im Fernsehen hatte Bolsonaro gerade einmal acht Sekunden Werbezeit. Und nun, vor dem zweiten Wahlgang weigert er sich einfach, zu den TV-Debatten mit seinem Konkurrenten zu erscheinen.

Auch über Bolsonaro zirkulieren Dutzende Falschmeldungen im Internet, etwa dass der Messerangriff auf ihn vor einigen Wochen inszeniert gewesen sei. Diese Gerüchte erreichen jedoch nicht annähernd das Ausmass der Lügenmärchen, die von seiner Kampagne kommen.

Whatsapp, das Facebook gehört, hat angekündigt, die Versendung von Massennachrichten durch Unternehmen zu unterbinden. Der Skandal trägt nicht zum Ruf des Unternehmens bei. Und er heizt den ohnehin schon aggressiven Wahlkampf weiter an. Nach dem Sieg Bolsonaros im ersten Wahlgang gab es zahlreiche Übergriffe: In Recife drohten Männer mit Bolsonaro-T-Shirts einer Journalistin, sie zu vergewaltigen, und verletzten sie mit einem Messer. In Salvador erstach ein Bolsonaro-Fan einen Musiker, der sich gegen den Kandidaten ausgesprochen hatte. Insgesamt 50 solcher Übergriffe hat der britische «Guardian» gezählt.

Bolsonaro hat häufig selbst zu Gewalt gegen Linke und Minderheiten wie Homosexuelle aufgerufen. Nun sagte er, dass er auf die Stimmen von Gewalttätern verzichte. Die der Menschen, die den Lügen seiner Kampagne glauben, wird er kaum ausschlagen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.