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Fall Skripal: Zweifel an Makellosigkeit der russischen Geheimdienste

Russland weist trotz der neuen Fakten aus London alle Vorwürfe im Fall Skripal zurück. Manche postsowjetische Sicherheitsexperten zweifeln aber an der Makellosigkeit der russischen Geheimdienste.
Stefan Scholl, Moskau
Ein Mann telefoniert vor dem russischen Aussendepartement in Moskau. ((Bild: Maxim Shipenkov/EPA (Moskau, 7. September 2018))

Ein Mann telefoniert vor dem russischen Aussendepartement in Moskau. ((Bild: Maxim Shipenkov/EPA (Moskau, 7. September 2018))

In der russischen Agentenserie «Die Schlafenden» kreisen FSB-Beamte auf einer Moskauer Brücke einen ihrer Offiziere ein, der als Spitzel für die CIA gearbeitet hat. Sie bieten ihm an, ihn auszutauschen, wenn er die Bomben­leger ausliefert, die bei einer ­Oppositionsdemo ein Blutbad anrichten wollen. Der Doppelagent bedauert, er könne nicht helfen, einer der Geheimdienstler predigt ihm Moral: «Jeder von uns, der die eigene Seite verrät, weiss, dass er den Feind ins Haus lässt, der kommt und seine Familie tötet.» Am Ende jagt sich der Ver­räter eine Kugel in den Kopf und stürzt in die Moskwa. Russlands TV-Publikum sieht: Seine Geheimdienstler sind Ehrenmänner, Vaterlandsverräter enden böse.

Zur Zeit verteidigt die Moskauer Öffentlichkeit heftig die Ehre ihrer Sicherheitsdienste. Am Mittwoch hatten die britischen Behörden Fotos und Namen der zwei mutmasslichen Attentäter veröffentlicht, die im März im englischen Salisbury den Giftstoffanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Julia verübt haben sollen. Es handelt sich um zwei Russen, Alexander Petrow und Ruslan Boschirow. Laut der britischen Premierministerin Theresa May gibt es Hinweise, sie seien Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Die Ermittler gehen davon aus, dass ihre Namen falsch sind, im Gegensatz zu den russischen Pässen, mit denen sie einreisten.

Russische Offizielle reagierten mit Unverständnis. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, er könne nur wiederholen: «Russland ist in keiner Weise beteiligt.» Was die Briten da vorgelegt hätten, seien «keine Angaben», erklärte Juri Uschakow, der aus­senpolitische Berater von Präsident Wladimir Putin, «sondern, weiss Gott, was.»

Veteranen unterstützen ihre Regierung

Aussenamtssprecherin Maria Sacharowa verwies auf die Entdeckung eines russischen Bloggers, dass die Uhrzeit auf zwei Fotos, die die Verdächtigen in einem Flughafenkorridor zeigt, auf die Sekunde identisch ist. Entweder seien die Zeitangaben im Nachhinein montiert worden, oder es handle sich um GRU-Mitglieder, die gelernt hätten, gleichzeitig zu gehen. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass beide offenbar gleichzeitig in zwei der acht Korridore nach der Passkontrolle unterwegs waren. Zudem beklagte Sacharowa in mehreren Interviews, Grossbritannien verweigere den russischen Behörden die echten Namen, Passdaten und Fingerabdrücke der Verdächtigen. Für die russische Polizei dürfte es allerdings kein Problem sein, Nationalität und Identität der Männer zu überprüfen: Nach britischen Angaben kamen sie am 2. März mit einem Aeroflot-Flug in London an, ohne Passdaten hätten sie die Tickets der staatlichen russischen Fluggesellschaft gar nicht kaufen können.

Seit März weist Russland jede Verantwortung von sich. Und zahlreiche russische Sicherheitsfachleute und Geheimdienstveteranen unterstützen ihre Regierung mit Versicherungen, eine Teilname der vaterländischen Dienste sei ausgeschlossen, weil die Ermordung eines ausgetauschten Agenten ihrem Ehrenkodex widerspreche. «Diese ungeschriebenen Gesetze wurden fast immer streng eingehalten», sagt der Oberst a. D. Jan Baranowski der Zeitung «Argumenty Nedeli». Seit den 60er-Jahren bringe man keine Verräter mehr widerrechtlich um, vor allem seien Angriffe auf Familienmitglieder tabu. Skripals ebenfalls in England lebender Sohn Alexander war im Juni 2017 bei einer Reise nach Russland unerwartet an Leberversagen gestorben.

Andere postsowjetische Sicherheitsexperten haben ihre Zweifel am russischen Ehrenkodex. «Ich bin einverstanden, dass der Anschlag auf Skripal gegen die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Staatssicherheit verstösst», sagt Oleksi Melnik vom Kiewer Rasumkow-Zentrum. Aber das galt auch schon für die Ermordung Alexander Litwinenkos.» Der ehemalige FSB-Offizier Litwinenko hatte aus dem Londoner Exil den Inlandsgeheimdienst FSB und Präsident Wladimir Putin heftig kritisiert und war 2006 mit radioaktivem Polonium tödlich vergiftet worden. Russland weigerte sich danach, zwei dringend tatverdächtige Landsleute auszuliefern.

Natürlich stelle sich die Frage, wem die Ermordung des Pensionärs Sergei Skripal rational nutze, sagt Melnik. «Aber viele Schritte der russischen Regierung in den vergangenen vier Jahren haben den nationalen Interessen des Landes nur geschadet.» Die russische Führung handle nicht unbedingt irrational, folge aber ihrer eigenen Logik, frei nach dem Merkel-Zitat: «Putin lebt in seiner eigenen Welt.»

«Die Abrechnung mit Verrätern gehört dazu»

Auch Irakli Batiaschwili, früherer georgischer Minister für Staats­sicherheit, hat Zweifel am Ehrenkodex der russischen Kollegen. «Die Traditionen von KGB und GRU wurzeln in einem totalitären, repressiven Regime. Die Abrechnung mit Verrätern gehört dazu.» Und es sei zu befürchten, dass viele russische Geheimdienstler diese alten Traditionen weiter hochhielten.

Der ehemalige KGB-Offizier Viktor Suworow, der mit seiner Familie nach London floh, veröffentlichte 1985 den autobiografische Roman «Aquarium»: Darin schildert er, wie sowjetische Geheimdienstler einen Verräter bei lebendigem Leibe verbrennen. «Theoretisch», schreibt er, «gibt es für alle Mitglieder der Organisation nur einen Ausgang, durchs Schornsteinrohr.» Tröstlich, dass sich zumindest Suworow noch guter Gesundheit erfreut.

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