Wulffs Rücktritt
Falsch gehandelt oder nur falsch kommuniziert?

«Wir leben in einem Zeitalter der Kommunikation.» Das ist trivial. Vielleicht. Heute wird sicher auffälliger kommuniziert. Im Kern ist das Statement aber falsch. Die gleichen Medien, die «Aufmerksamkeit» produzieren, erzeugen auch «Untragbarkeit».

Christoph Bopp
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Wulff sagt «tschüss»

Wulff sagt «tschüss»

Keystone

Kommuniziert wurde schon immer. Und weil man – immer getreu nach Paul Watzlawick «nicht nicht kommunizieren kann», – sicher auch nicht weniger. Der Unterschied ist vielmehr der: «Wir leben in einem Zeitalter der beobachteten Kommunikation.»

Das mag spitzfindig klingen. Aber es ist ein Merkmal unserer hypernervösen Medienkultur. Wenn sich die Empörung legt, weil am Fall möglicherweise doch nicht so viel dran war, wird jeweils konstatiert, dass «mindestens die Kommunikation nicht ganz glücklich» gewesen sei. Der Umkehrschluss ist dann mindestens nicht völlig ungültig: Du darfst alles tun, nur nicht ungeschickt kommunizieren! Das ähnelt ein bisschen dem so genannten «elften Gebot», wonach man sich einfach nicht erwischen lassen darf.

Sofort alles zugeben

Beim Fall des Präsidenten Wulff steckt allerdings mehr dahinter, auch wenn es fast sicher einige «Kommunikationsprofis» geben mag, die ihn und seine Entourage deswegen kritisieren. Die Essenz ihrer Kritik in allen einschlägigen Fällen überhaupt gipfelt im Rat: «Sofort alles zugeben. Das ist das Einzige und Beste.» Das Problem dabei ist, dass dieser Rat jeweils post festum gegeben wird, was ihn wohlfeil macht. Natürlich wäre es besser gewesen, man hätte gleich alles auf den Tisch gelegt, was jetzt da liegt. Schon nur deshalb, weil sich die Halbwertszeit der Empörung verkürzt hätte.

Geht es um einen «Einzelfall», ist der Rat auch nicht falsch. Das zeigte sich bei ausserehelichen Eskapaden (zum Beispiel beim CSU-Politiker Horst Seehofer oder beim Glarner SVP-Ständerat This Jenny). Die gaben alles zu, die Aufmerksamkeit liess rasch nach. Das mag auch daran liegen, dass das Skandalpotenzial in diesem Bereich geschwunden ist. Die Gesellschaft ist toleranter geworden.

Aber nicht generell und nicht in allen Bereichen. So wird oft der Unterschied zwischen Moral und Recht strapaziert. So beharrt jetzt auch Wulff wie vor ihm SNB-Präsident Hildebrand darauf, sie hätten «nichts Rechtswidriges» getan. Wie wenn es darauf noch ankäme. Wenn einer weg muss, dann reichen durchaus auch «moralische Gründe».

Also wäre der entscheidende Begriff der der «Tragbarkeit». Seine Kriterien können aus allen möglichen Bereichen stammen: Natürlich auch aus dem des Rechts, der Moral, der gesellschaftlichen Akzeptanz, der Repräsentativität, aber auch der Psychologie (besonders bei Fussballtrainern, die noch so gut sein können, wenn sie «nicht ankommen», usw.) – eine prinzipiell unabgeschlossene Liste. Was es braucht, ist nur ein öffentliches Einverständnis: «Nicht mehr tragbar.» Seine Rechtfertigung ist eine andere Sache.

Die Regeln diktiert das System selbst

Kulturpessimisten könnten sich jetzt deswegen Sorgen machen. Aber dazu besteht wenig Anlass. Die Regeln diktiert das System selbst. Der Dortmunder Soziologe Thomas Meyer hat dafür den Begriff «Mediokratie» geprägt. Gemeint ist damit, dass die Logik des Mediensystems die Art und Weise vorgibt, wie Politik «erscheint». Politiker, die Erfolg haben wollen, müssen sich so verhalten, dass sie den Regeln medialer Präsentation genügen. Das klingt im Grossen komplex, ist aber im Detail einsichtig.

Nehmen wir den «Promi-Status», ohne den nichts geht. «Promi-Status» ist eine eigenartige Mischung aus Öffentlichkeit und Privatheit, Amt und Person. Der «Promi-Status» setzt Schranken ausser Kraft und minimiert Differenzen. Notenbanker, Manager, Magnaten und Mogule, Film- und andere Schauspieler, Vize-Missen und eben auch Politiker treffen sich auf den gleichen Teppichen. Die TV-Kamera ist der Key-Factor, sie verleiht die Aufmerksamkeit.

Natürlich war Politik immer Inszenierung, und erfolgreiche Politiker waren immer auch Stars, deren Image poliert werden wollte. Im Zeitalter der «beobachteten Kommunikation» ist unter anderem auch die Differenz zwischen Privatheit und Öffentlichkeit (fast) verschwunden. Man gibt sich, wie man ist; und wie man sich geben muss, hat das Mediensystem vorgespurt. Andere Regelsysteme sind ausgeblendet. Die Wulffs, Guttenbergs und auch Hildebrands waren keine «bösen Menschen», aber ihnen ging eigentliches Unrechtsbewusstsein ab. Sie waren jederzeit bereit, «Fehler» zuzugeben, blendeten aber deren Tragweite völlig aus. Alles schien nur ein Problem der Fremdwahrnehmung.

Im Fall Wulff fällt die Haltung des «Auch ich» auf: Andere lassen sich auch einladen, diese oder jene Aufmerksamkeit steht mir doch auch zu – «ich habe nichts Unrechtes getan», andere machen es ja auch. Hildebrand beanspruchte für sich, sein Vermögen zu vermehren, wie es andere auch dürfen. Ob dies seine Entscheidungen im Amt allenfalls beeinflussen könnte, diese Frage stellte er sich vielleicht nicht einmal.