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Nach dem Oster-Massaker herrscht in Sri Lanka Fassungslosigkeit

Der Inselstaat befindet sich nach den Terroranschlägen mit mindestens 290 Todesopfern im Ausnahmezustand. Die Behörden sollen Hinweise auf die Tat ignoriert haben. Hinter dem Blutbad stecken offenbar Islamisten.
Ulrike Putz, Tokio
Lalitha weint am Sarg ihrer zwölfjährigen Nichte, welche Opfer des Anschlags in Negombo wurde. (Bild: Gemunu Amarasinghe/AP (22. April 2019))

Lalitha weint am Sarg ihrer zwölfjährigen Nichte, welche Opfer des Anschlags in Negombo wurde. (Bild: Gemunu Amarasinghe/AP (22. April 2019))

Nach einer Serie von tödlichen Selbstmordanschlägen, bei denen am Ostersonntag mindestens 290 Menschen getötet wurden, suchte Sri Lanka am Montag nach Erklärungen für die Bluttat. In die Trauer um die Opfer und den Zorn auf die Attentäter mischten sich dabei auch Vorwürfe gegen die Regierung, die schon vor gut zwei Wochen von Drohungen gegen Kirchgemeinden in dem vornehmlich buddhistischen Land erfahren hatte. Unter den getöteten sind auch mindestens 35 Ausländer aus Grossbritannien, der Türkei, Japan, den Niederlanden, China, Portugal, Australien und Indien. «20 Minuten» berichtete am Montag, unter den Toten sei auch ein aus Sri Lanka stammendes und in Bern lebendes Ehepaar. Auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigte wenig später zwei Schweizer Todesopfer. Ein drittes Familienmitglied, das über zwei ausländische Nationalitäten verfügte, sei ebenfalls gestorben.

Die äusserst präzise koordinierte Anschlagserie, die nach den letzten Erkenntnissen von sieben Attentätern ausgeführt wurde, begann am Sonntag um 8.45 Uhr Ortszeit mit einer gewaltigen Explosion in der St. Anthony Kirche in der Hauptstadt Colombo. Minuten später griffen Attentäter zwei weitere Ostergottesdienste in den Städten Negombo und Batticaloa an. Auch in den Fünf-Sterne-Hotels Shangri-La, Kingsbury und Cinnamon Grand im Herzen von Colombo kam es zu Detonationen.

Globales Netzwerk von Dschihadisten?

Während die Rettungskräfte die über 500 Verletzten in örtlichen Krankenhäuser brachten und Helfer mit der Bergung der Toten begannen, machte die Polizei Jagd auf die Täter. Beim Sturm auf zwei Verstecke von mutmasslichen Komplizen der Attentäter kam es am Nachmittag zu zwei weiteren Explosionen, eine in einem kleinen Hotel unweit des Zoos, die andere in einem Wohnkomplex in einem Vorort. Dabei kamen drei Beamte ums Leben. Am Sonntagabend wurde am Strassenrand in der Nähe des internationalen Flughafens von Colombo eine sechs Meter lange Rohrbombe gefunden und entschärft. Für die Nacht von Montag auf Dienstag verhängten die Behörden erneut eine Ausgangssperre.

Trotz der zahlreichen Festnahmen wollten sich die srilankischen Behörden am Montag nicht dazu äussern, welcher Gruppierung sie die Anschlagserie zuschreiben. Der Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene sagte zwar, bei den Tätern handle es sich um religiöse Extremisten, lehnte es jedoch ab, weiter ins Detail zu gehen. Inoffiziell sickerte durch, dass die Regierung eine radikalislamische Gruppe namens National Thowheeth Jamaath (NTJ) für das Blutvergiessen verantwortlich macht. Die Gruppe war bis vor wenigen Jahren vor allem durch die Zerstörung buddhistischer Statuen aufgefallen. Sollte sie nun tatsächlich für das Massaker zu Ostern verantwortlich sein, müsste sie sich in jüngster Zeit stark radikalisiert zu haben. Eine Organisation vom Kaliber der NTJ könnte eine Anschlagsserie dieser Grössenordnung niemals allein ausgeführt haben, sagte Phill Hynes, Terrorismusexperte bei der Beraterfirma ISS Risk Hong Kong, der «Nikkei Asian Review». Laut Hynes dürften an der Planung und Durchführung der Anschläge 80 bis 100 Menschen mitgewirkt haben. Auch der Sprecher des Kabinetts, Rajitha Senaratne, nannte ein globales Netzwerk von Dschihadisten als potenzielle Urheber. «Ohne internationale Hilfe hätten diese Angriffe nicht erfolgreich sein können.» Etwa 10 Prozent der Sri Lanker sind Muslime. In den vergangenen Jahren war die Minderheit wiederholt Opfer von Angriffen seitens buddhistischer Ex­tremisten geworden. Von islamistischer Gewalt war das Land bisher weitgehend verschont geblieben.

Regierung in der Kritik

Im 21-Millionen-Land Sri Lanka herrschte am Montag grosse Verunsicherung. Gerüchte machten die Runde, wonach die Terroristen die Trinkwasserversorgung in einigen Städten vergiftet hätten. Für Unmut sorgte das Eingeständnis der Regierung, dass die Behörden bereits vor zwei Wochen vor den Anschlägen gewarnt worden waren. Anscheinend wurden dabei auch Namen genannt, auf deren Grundlage die jetzigen Verhaftungen vorgenommen wurden. Der Minister für Telekommunikation, Harin Fernando, twitterte am Sonntagabend Bilder eines Memos der srilankischen Geheimdienste vom 11. April, in dem Einzelheiten zu einem geplanten Angriff beschrieben wurden. Regierungschef Ranil Wickremesinghe griff die Kritik in einer Ansprache auf: «Wir müssen prüfen, warum keine angemessenen Vorsichtsmassnahmen getroffen wurden.»

Inzwischen wurden erste Details zu den Opfern bekannt. Neben Hunderten einheimischen Besuchern von Ostergottesdiensten – etwa 6 Prozent der Inselbewohner sind Christen – und vielen lokalen Hotelangestellten waren auch einige Prominente unter den Getöteten. Eines der ersten Opfer, das identifiziert wurde, war die srilankische Starköchin Shan­tha Mayadunne. Auch drei der vier Kinder des dänischen Milliardärs Anders Holch Povlsen, dem die Bekleidungsmarke Bestseller gehört und der Mehrheitseigner des Versandhandels ASOS ist, sind unter den Toten.

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