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Wahl zum Premierminister: Ist Boris Johnson bald am Ziel?

Der neue britische Premierminister dürfte Boris Johnson heissen. Ein junger Labour-Politiker will ihm aber den Wahlkreis streitig machen.
Gabriel Felder aus London
Er will britischer Premier werden: Der ehemalige Londoner Bürgermeister und Aussenminister Boris Johnson. (Bild: Neil Hall/EPA, London, 18. Juli 2019)

Er will britischer Premier werden: Der ehemalige Londoner Bürgermeister und Aussenminister Boris Johnson. (Bild: Neil Hall/EPA, London, 18. Juli 2019)

Theresa Mays Zeit als Premierministerin des Vereinigten Königreichs neigt sich dem Ende zu. Sie wurde von der ersten Minute an vom Brexit diktiert: Der Rückzug Grossbritanniens aus dem europäischen Staatenverbund erwies sich denn auch als ihr ultimativer Stolperstein. May kalkulierte, dass ein Rücktritt die Annahme des umstrittenen Austrittsabkommens im Parlament beschleunigen würde. Die Kalkulation ging, wie so viele Manöver in diesem harzigen politischen Tauziehen, nicht auf, und May verlässt Downing Street am kommenden Mittwoch mit einer «Mischung aus Stolz und Enttäuschung», wie sie in einem Interview mit der BBC offenbarte:

«Ich hatte ganz einfach unterschätzt, wie tief die Spaltung bei meinen Kolleginnen und Kollegen in Sachen Brexit ist.»

May befindet sich in guter Gesellschaft: Margaret Thatcher, John Major, David Cameron – sämtliche konservative Premierminister der Moderne sahen sich vom «europäischen Problem» ihrer Partei zum Rücktritt gezwungen.

Ali Milani Labour-Politiker

Ali Milani Labour-Politiker

Vor allem Camerons Plan, die Frage mit dem Brexit-Referendum «ein für allemal zu klären», scheiterte dramatisch und kreierte ein politisches Zerwürfnis, das nun einem neuen Premierminister übergeben wird. Allen Umfragen zufolge heisst dieser Alexander Boris de Pfeffel Johnson, besser bekannt als «just Boris». Der 55-jährige ehemalige Bürgermeister von London gilt neben dem unscheinbaren Aussenminister Jeremy Hunt als klarer Favorit.

Johnson glänzt vor allem in konservativen Kreisen. Wie bei Madonna, Elvis oder Beyoncé reicht schon die Erwähnung seines Vornamens, um eine klare Assoziation herzustellen: Boris, der sympathisch unbeholfene Blondschopf, dem man so manchen Fehltritt verzeiht. «So ist er halt, unser Boris,» hört man, wenn er muslimische Frauen im Gesichtsschleier mit Briefkästen vergleicht oder 52 Millionen Franken für eine Brücke über die Themse ausgibt, die nie gebaut wurde.

Kaum zu sehen im eigenen Wahlkreis

Johnsons Ruf als populärer Querdenker gilt in einer Zeit, in der sich die Konservativen von der rechten Brexit-Partei bedroht sehen, als Trumpf. Wobei die «Marke Boris» deutlich modifiziert ins Rennen ums Premierministeramt stieg: In den zahlreichen TV-Debatten bemühte sich Johnson, eine seriösere, staatsmännische Seite zu zeigen. Das Unterfangen scheiterte oft. «Sie erscheinen mir als sehr, sehr cholerisch», sagt er zu einem BBC-Moderator, nachdem ihn dieser mit den Worten «viel Getöse und keine Substanz» charakterisierte.

Seine Fans in den Reihen der Tory-Partei wird das kaum stören. Schliesslich liefert Boris die richtigen O-Töne, wenn es um Brexit geht: «Wir verlassen die EU am 31. Oktober, komme was wolle», verspricht er und versprüht gleichzeitig eine Energie des gemässigten Patriotismus. In einer TV-Debatte polterte er unter tosendem Applaus:

«Dies ist ein tolles Land, und ich kann nicht verstehen, dass wir uns so geschlagen und pessimistisch geben,»

Wer Johnsons Brexit-Strategie genauer untersucht und nach Abweichungen von Theresa Mays Ansatz abtastet, findet vor allem eine Veränderung der Tonlage. Johnson spekuliert, dass sich die EU-Verhandlungen «mit erhöhtem Selbstbewusstsein und einem Geist des optimistischen Anpackens» vorwärtsbewegen werden. Antworten auf brennende Fragen wie dem zukünftigen Status der Grenze zwischen Nordirland und der irischen Republik bleiben weiterhin aus.

«Boris liegt vor allem Boris am Herzen», kommentiert Ali Milani, der 24-jährige Labour-Aktivist, der Johnson seinen Parlamentssitz streitig machen will. Er sitzt in einem Café im Herzen seines Wahlbezirks von Uxbridge and South Ruislip, Westlondon. «Boris hat keinen Bezug zu dieser Gegend, ist kaum zu sehen. Er wurde von seiner Parteimaschinerie eingeflogen», berichtet er und bestätigt damit das Ergebnis einer nicht repräsentativen Blitzumfrage in der Einkaufszone. Die Mehrheit der befragten Passanten zuckte bei der Erwähnung des Namens Boris Johnson die Schulter. «Schwer einzuschätzen», hören wir von Sabrina Clarke, einer 27-jährigen Supermarkt-Angestellten. «Der Mann ist ja nie hier.» Ali Milani kennt diese Reaktion nur allzu gut.

«Boris kreuzt ab und zu für eine Pressekonferenz oder einen Fototermin auf. Die Leute verdienen mehr einen Parlamentsvertreter, der hier lebt und die Gegend kennt.»

Lokale Anliegen gibt es laut Milani genug. «Unser Spital braucht dringend eine Finanzspritze, und wir stecken inmitten einer Wohnungskrise. Ausserdem atmen wir hier die schlechteste Luft in ganz Südengland ein», sagt er und spricht damit ein Thema an, das von Uxbridge aus in die internationalen Schlagzeilen kam. Der Flughafen von Heathrow liegt im Wahlbezirk, und die konservative Regierung steht einer heftig umstrittenen neuen Start- und Landebahn positiv gegenüber. «Häuser würden abgerissen. Das Zuhause von Leuten, die hier seit Generationen leben», kommt Milani in Fahrt. «Auf der einen Seite ruft die Regierung einen Klimanotstand aus, auf der anderen erhöht sie die Flugkapazität. Wie soll das aufgehen?»

Legitimität infrage gestellt

Die Boris-Johnson-Kampagne hält sich vom Thema Heathrow so fern wie möglich. Als Bürgermeister von London versprach Johnson, sich «vor die Bulldozer zu werfen», sollte die Landebahn tatsächlich gebaut werden. Als Kandidat fürs Premierministeramt scheint er das Projekt nun gutzuheissen. «Die Leute hier sind ziemlich angeödet, um es sanft auszudrücken», stellt Ali Milani fest und fährt fort:

«Man hat ganz einfach genug von Politik, die vor allem auf einer Persönlichkeit aufgebaut ist. Wir brauchen Lösungen für Probleme, die hier, vor der Haustüre, existieren.»

Die nächste Parlamentswahl steht für das Jahr 2022 an. Sollte der neue Premierminister einer instabilen Minderheitsregierung allerdings seine Brexit-Ziele verfehlen, könnte diese Wahl viel früher stattfinden. Milani rechnet damit, dass das Land «noch vor Weihnachten» zur Urne gerufen wird. Falls er es tatsächlich schafft, Boris Johnson von seinem Parlamentssitz zu stossen und damit einen amtierenden Premierminister zu entthronen, wird Milani Geschichte schreiben. «Ich wäre geehrt, aber nicht unbedingt überrascht», sagt er und fügt an:

«‹Normal› gibt es in der Politik nicht mehr.»

Wie bereits bei Theresa May ist die Wahl des nächsten britischen Premierministers eine parteiinterne Angelegenheit: Johnson und Hunt sind lediglich auf die Stimmen der rund 160'000 Mitglieder der Tory-Partei angewiesen, das sind gerade mal 0,25 Prozent der Gesamtwählerschaft. «Für ein Land, das sich so gerne für die altehrwürdige Stabilität seiner Demokratie brüstet, zeigt sich Grossbritannien erstaunlich anfällig für konstitutionelle Improvisationen», kommentierte der linksgerichtete Guardian. «Und das soll Demokratie sein?», fragte die progressive Interessengruppe «Led By Donkeys» in einer landesweiten Plakatkampagne. Wie man die Wahl zum neuen britischen Regierungschef auch immer bezeichnen will, sie kommt nun zu einem Ende. Bis heute Samstag müssen die Wahlformulare in der Tory-Zentrale eingetroffen sein, und das Resultat wird am kommenden Dienstag verkündet. Der neue Premierminister tritt dann sein Amt am Mittwoch mit einem Besuch bei der Queen offiziell an. Für Ali Milani wird nächste Woche eine Woche wie jede andere. «Ich werde weiterhin an Haustüren klopfen», sagt er. «Wir kommen hier erst so richtig in Schwung.»

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