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Feiern gegen den Hass

Das Ghriba-Festival auf der Insel Djerba ist das grösste jüdische Pilgerfest in der arabischen Welt. Die einzigartigen Bräuche ziehen Juden aus aller Welt an, aber auch junge einheimische Muslime.
Martin Gehlen, Djerba
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - rechts vorne die Muslima Emna Ben Khelifa.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Beter innerhalb der Synagoge.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - die Krypta mit Wünschen versehenen Eiern unter der Synagoge.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Aufstieg aus der Schachtöffnung der Krypta.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - die israelische Studentin Michal Hodaya Hakmoh schreibt Fürbitten auf die Eier.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Tanz und Feiern im Pilgerhof gegenüber der Synagoge. Auf dem Dach ein Scharfschütze.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Die fröhliche Prozession angeführt von der Menora auf einem dreirädrigen Gefährt, dicht behängt mit Schals.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - eine jüdische Familie aus Frankreich mit tunesischen Wurzeln.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Eine Pilgergruppe aus leiht sich im jüdischen Viertel Hara Kibira eine Thora-Rolle und Bücher aus fürs Sabbat-Gebet im Hotel.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Tunesiens Oberrabbiner Haim Bittan in seinem kleinen Laden mit einem Buch über die Geschichte des tunsischen Rabbinats.
(Fotografin: Katharina Eglau)
Jüdisches Pilgerfest zur Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba - Jungen in einer hebräischen Yeshiva im jüdischen Viertel Hara Kibira der Inselhauptstadt Houmt Souk.
(Fotografin: Katharina Eglau)
11 Bilder

Feiern gegen den Hass

Michal Hodaya Hakmoh ist voll konzentriert. Um sie herum wird gelacht, gesungen und geschmaust. Fast alle der groben Holztische in dem Pilgerhof sind besetzt. Die junge Israelin aber darf jetzt niemanden vergessen. Ein Ei nach dem anderen holt sie aus der schwarzen Plastiktüte, um sie für die berühmte Ghriba-Synagoge gegenüber vorzubereiten. Fürbitte für Fürbitte kritzelt sie auf Hebräisch auf die schneeweissen Schalen. Ihre Freundin ist schwer krank und braucht neuen ­Lebensmut. Einem jungen Bekannten wünscht sie, dass er bald eine Frau findet. Eine andere Freundin ist seit zehn Jahren kinderlos. «Sie hätte so gerne ein Baby», vertraut Michal Hodaya Hakmoh dem Ei an.

Zu Hause erzählte die 28-Jährige niemanden von ihrer ungewöhnlichen Mission, die sie über 2500 Kilometer mitten in die arabische Welt hineintrug. Die Überraschung kam dann per Facebook. «Einen guten Morgen aus Tunis», postete sie, nachdem sie gelandet war, daheim quittiert mit einer Lawine von Likes.

Ausbleibende Reisewarnung sorgt für Ansturm

Michal Hodaya Hakmoh ist eine von 400 israelischen Juden, die in diesem Jahr auf die tunesische Insel Djerba gekommen sind, um teilzunehmen an der einzigen jüdischen Wallfahrt in der arabischen Welt. Anders als in den Vorjahren gab es diesmal keine Reisewarnung der Regierung Netanjahu. Also buchten sie alle eine zwölftägige Bustour kreuz und quer durch das kleine nordafrikanische Land, aus dem ihre Eltern oder ihre Grosseltern stammen. 1500 Euro musste die Jurastudentin berappen, deren Vater in der süd­lichen Hafenstadt Gabes zur Welt kam, bevor er als Kind mit seinen Eltern nach Beerscheba übersiedelte. «Es ist ­alles wahnsinnig aufregend für mich, ich kann es noch gar nicht fassen», sagt sie, bevor sie sich schliesslich mit ihren 30 Wunscheiern auf dem Weg in das Innere der blau-weissen Ghriba macht, des wohl ältesten jüdischen Gotteshauses in Afrika.

Fast 6000 Pilger lockte das zwei­tägige Fest diesmal an, doppelt so viele wie im Vorjahr. Die meisten kommen aus Tunesien und Marokko sowie Frankreich und Israel, einige auch aus Deutschland, Polen und Russland. In dem Vorraum der Synagoge herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Zwei beleibte Rabbiner segnen Nüsse und Kerzen. Von Zeit zu Zeit besiegeln sie ihr frommes Tun mit einem kräftigen Schluck Boukha, dem ­lokalen Feigenschnaps. Vor Sonnenuntergang formt sich dann eine ausgelassene ­Menge zu einer Prozession, angeführt von einem dreirädrigen Gefährt, auf dem eine reich ziselierte, sechseckige Pyramide montiert ist, die Menara, über und über mit bunten Schals behängt.

Festival wirft gutes Licht auf tunesische Regierung

Früher ging der fröhliche Zug mitten ­hinein in das nahe Dorf Erriadh. Heute heisst es schon Umdrehen an der 500 Meter entfernten Polizeisperre. Anschliessend wird bis spät in die Nacht ­hinein gegrillt, gesungen, getrunken und getanzt. Die tunesische Führung weiss, dass dieses einzigartige Festival am 33. Tag nach Pessach ein gutes Licht auf die eigene Nation wirft und gleichzeitig das internationale Vertrauen in die Sicherheit des Tourismus stärkt. «Unsere Botschaft ist: Tunesien ist ein Land des Friedens und der Toleranz», erklärte Ministerpräsident Youssef Chahed, der sich eine halbe Stunde blicken liess. «Alle Religionen sind seit 3000 Jahren bei uns willkommen, und daran wird sich nichts ändern.»

Im Inneren der Synagoge mit ihren blauen Säulen und blau-weissen Bögen haben derweil weitgehend die Frauen das Sagen. Eine nach der anderen kriecht kopfüber in den schmalen, braunen Türen­kasten an der Kopfseite, um in die Krypta darunter die Eier mit den Bitten abzu­legen. In der Nähe des engen, muffigen Schachtes soll sich der Stein des Salomontempels befinden, den die Babylonier 586 v. Chr. zerstörten. Geflüchtete Tempelpriester haben ihn angeblich mitgebracht, so sagt es die Gründungslegende der Ghriba, was im Arabischen «wunderbar» oder auch «seltsam» bedeutet.

In mittelalterlichen Berichten wurde die Synagoge auch die «Wundertätige» genannt, ein Glaube, der mit dem Eierritual bis heute lebendig ist. Immer wieder gellen Freudenträller durch das farbig gekachelte Innere, in die hinein Mo­she Giat mit sonorer Stimme seine religiösen Hymnen singt, der berühmte Kantor, dessen Familie aus dem Jemen stammt. «Ich komme jedes Jahr, alle kennen mich», sagt der 62-Jährige, der seine Popularität sichtlich geniesst. Angst habe er keine. «In Jerusalem ist es heutzutage viel gefährlicher», sagt er und schmunzelt. «Gemischte Gefühle» – wie sie es formulierten – hatte dagegen zunächst eine Delegation der «Konferenz der europäischen Rabbiner», bevor sie sich zum ersten offiziellen Besuch nach Tunesien wagten. «Das ist ein historischer Augenblick für uns, wir sind überglücklich, die Bekanntschaft der ­Juden von Djerba zu machen», freut sich der Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, Chef der Konferenz, die zwei Millionen europäische Juden repräsentiert. Man wolle nun auch Licht in ein bisher unbekanntes Kapitel bringen, kündigt er an, die Rettung von Juden durch tunesische Muslime. Zusammen mit dem Holocaust-Museum Yad Vachem sollen diese Mutigen nun gesucht und als «Gerechte unter den Völkern» geehrt werden.

Für sechs Monate, vom November 1942 bis Mai 1943, war Tunesien vom Nordafrika-Korps besetzt. 5000 tune­sische Juden internierten die Deutschen als Zwangsarbeiter, mindestens 700 verschleppten sie nach Europa und ermordeten sie in den KZ. Die «Endlösung» blieb Tunesiens Juden erspart, weil die Nazis nicht genug Schiffe hatten. Djerba und seine Juden haben aber auch viele andere Mächte überstanden – Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Spanier, Osmanen und Franzosen. Abgelegen und mit dem Festland nur über einen Damm aus der Antike verbunden, bot die Insel stets einen besonderen Schutz. Die jüdischen Flüchtlinge aus biblischer Zeit siedelten in Hara Sghira, der heutigen Ortschaft Erriadh, wo auch die Ghriba-Synagoge steht. Die anderen kamen nach der spanischen Inquisition via Italien aus Andalusien und liessen sich in Hara Kibira nieder, wo heute die grosse Mehrheit der tausend Juden lebt.

Die ­Männer arbeiten in der Inselhauptstadt Houmt Souk als Goldschmiede. Die Frauen kümmern sich daheim um die Familie. 18 Synagogen sind in Betrieb. Die 300 Kinder werden in hebräischen ­Yeshivas unterrichtet, gehen parallel dazu auch auf staatliche Schulen. Stolz erzählen die männlichen Bewohner, dass ihre Gemeinschaft wächst, weil das Leben so traditionell geblieben ist. Junge Frauen werden in der Regel mit 17 oder 18 verheiratet, Abitur machen die wenigsten, keine jüdische Frau auf Djerba hat einen Uniabschluss. Dafür kommen rasch fünf oder mehr Kinder zur Welt. Fraglich nur, wie lange das im Zeitalter von Smartphone und Satellitenfernsehen noch gut geht.

«Unsere jüdischen Mitbürger möchten wir nicht verlieren»

Alle Zufahrten zu dem jüdischen Wohnviertel sind von Militär und Polizei abgesperrt, wo die Kippa selbstverständlich zum Strassenbild gehört. Zivilbeamte, die sich mit einem stummen Fingerzeig auf ihre Pistolen unter dem Hemd ­legitimieren, kontrollieren jeden von aussen, der hier herumläuft. So auch die fünf tunesischen Motorradfahrer, die im Abendlicht mit ihren schweren BMW-Maschinen in der Rue des Amandes bei «Brik Ishak» vorfahren, wo es angeblich den besten Brik der Insel gibt. Eigentlich sei der Brik hier nichts Be­sonderes – die üblichen Kartoffeln, Ei und Harissa halt in einer dünnen Teig­tasche frittiert, sagt Zico, der Anführer, während er ­seinen Helm an der Ma­schine festschnallt. Trotzdem dafür ins jüdische Viertel zu fahren, das sei in ­Tunesien jetzt in. «Wir wollen zeigen, dass wir tolerant und unvoreingenommen sind und keine Schwellenangst ­haben.»

So denkt auch Emna Ben Khelifa. ­Regungslos und in sich gekehrt sitzt die 21-jährige Studentin in der Ghriba-­Synagoge vor dem langen Kerzenbrett und schaut in die Flammen. Über ihre schwarzen lockigen Haare trägt sie ein weisses Leinentuch. Mit drei Freunden ist sie 600 Kilometer von Tunis per ­Sammeltaxi gekommen und über­nachtet in der kleinen Jugendherberge. Sie sei Muslimin, wolle aber das jüdische Leben kennen lernen, sagt sie. «Mir geht es ­darum, die Vielfalt und den Reichtum Tunesiens zu erspüren.» Das sei ein grosser Schatz, gerade in der heutigen Zeit. «Unsere jüdischen Mitbürger, die möchten wir nicht verlieren.»

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