FIFA-WM: Deshalb lief es für Südafrika rund

Toll trieben es die Fussball-Funktionäre. Dies jedenfalls behauptet die US- Justiz in ihrer Anklageschrift. Wie aber lief die Korruption in der Praxis ab? Ein Beispiel.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
11. Juni 2010: Im Stadion von Johannesburg findet die Eröffnungsfeier zur Fussball-WM in Südafrika statt. (Bild: EPA/Kerim Okten)

11. Juni 2010: Im Stadion von Johannesburg findet die Eröffnungsfeier zur Fussball-WM in Südafrika statt. (Bild: EPA/Kerim Okten)

Zehn Millionen Dollar gaben den Ausschlag. Als sich das Fifa-Exekutivkomitee am 15. Mai 2004 entschied, die Fussball-Weltmeisterschaft 2010 an Südafrika zu vergeben, erhielt der Sieger 14 Stimmen, vier mehr als Konkurrent Marokko. Für Südafrika stimmten unter anderen Jack Warner, Präsident des Concacaf (dem Fifa-Regionalverband für Nord- und Zentralamerika sowie die Karibik), Chuck Blazer (Concacaf-Generalsekretär) und ein bisher ungenannter Funktionär aus Südamerika – obwohl die drei zuvor Sympathien für die Kandidatur der Marokkaner geäussert hatten. Doch die Kassen der Nordafrikaner waren nicht annähernd so gut gefüllt wie diejenigen der Südafrikaner. Marokko bot dem umtriebigen karibischen Fussball-Funktionär Warner bloss 1 Million Dollar für seine Stimme an; das entsprechende Gebot aus Südafrika hingegen belief sich auf 10 Millionen Dollar. Dieses Geld, angeblich aus der südafrikanischen Staatsschatulle stammend, sollte in die Kasse der Caribbean Football Union (CFU) fliessen, als deren Präsident ... Sie ahnen es! ... seit 1983 ein gewisser Jack Warner amtierte. Offiziell war das Geld zur Unterstützung der «afrikanischen Diaspora» in der Karibik vorgesehen, inoffiziell sollte es aber Warner zukommen. – Die Fifa habe angeblich von diesem Deal Kenntnis gehabt, steht in der am Mittwoch in Brooklyn (New York) veröffentlichten Anklageschrift.

Geld floss nicht, Fifa sprang ein

Chuck Blazer, wahrlich kein unbeschriebenes Blatt in Sachen Korruption, erhielt Wind vom krummen Geschäft. Warner versprach seiner Nummer zwei deshalb, er werde ihn mit 1 Million Dollar beteiligen. Doch das Geld floss nicht, auch nach dem knappen Sieg der Südafrikaner über Marokko nicht. In der Anklageschrift heisst es, Blazer habe Warner «regelmässig» gefragt, wo denn seine Belohnung bleibe. Irgendwann liess er sich nicht mehr abspeisen und erfuhr die ganze Wahrheit: Die Regierung von Südafrika zeigte sich (aus welchem Grund auch immer) ausser Stande, die 10 Millionen Dollar direkt aus der Staatskasse zu überweisen. In der Folge übernahm deshalb die Fifa die Zügel. Aus dem Hauptsitz in Zürich kam die Zusage, dass der Fussballverband für die «Spende» an die CFU geradestehen und den Betrag mit anstehenden Zahlungen an das Organisationskomitee in Südafrika verrechnen werde. Gesagt, getan: Am 2. Januar 2008, am 31. Januar 2008 und am 7. März 2008 löste ein (namentlich nicht genannter) hochrangiger Fifa-Funktionär drei Überweisungen von einem Schweizer Fifa-Konto auf ein Konto der Bank of America in New York aus, das von Jack Warner kontrolliert wurde. Umgehend zweigte Warner einen substanziellen Teil dieses Geldes auf persönliche Konten ab, die er bei seinen Hausbanken – der Republic Bank und der First Citizens Bank in seinem Heimatland Trinidad und Tobago – besass. Dabei habe er auch bekannte lokale Unternehmer eingespannt, die das Geld für ihn wuschen.

Check kam mit dem Flieger

Auch Chuck Blazer kam zum Zug. Am 19. Dezember 2008 erhielt er 298 500 Dollar von Warner, die er schnell auf ein Konto auf den Cayman Islands verschob. Die zweite Zahlung an Blazer – in der Höhe von 205 000 Dollar – erfolgte am 27. September 2010. Dieses Geld stammte von einem CFU-Konto, und Blazer zahlte es auf die Merrill Lynch in New York ein. Die dritte Tranche (über 250 000 Dollar) wurde schliesslich unter geradezu konspirativen Umständen überwiesen. Ein (in der Anklageschrift nicht namentlich genannter) Flugpassagier transportierte einen Check über den genannten Betrag von Trinidad und Tobago auf den internationalen Flughafen John F. Kennedy in New York. Dieser Check wurde in der Folge an einen Angestellten der First Caribbean International Bank übergeben, der eigens aus den Bahamas angereist war. Der Bankangestellte flog umgehend in die Karibik zurück, wo er das Guthaben am 3. Mai 2011 auf ein Konto von Chuck Blazer deponierte.

Vorerst unter Verschluss

Auf die letzte Tranche des versprochenen Schmiergeldes – immerhin noch einmal fast 250 000 Dollar – wartet Blazer übrigens noch heute. Im Herbst 2011 wurde er von Ermittlern der Steuerverwaltung IRS (Internal Revenue Service) und der Bundespolizei FBI dingfest gemacht, weil er mindestens sechs Jahre lang (2005 bis 2010) keine Einkommenssteuern bezahlt hatte. Am 25. November 2013 erklärte er sich in allen zehn Anklagepunkten für schuldig. Jack Warner hingegen weist alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe scharf zurück.

Interessantes Detail am Rande: Die Schmiergeldvorwürfe im Zusammenhang mit der südafrikanischen WM-Bewerbung sind bereits in der 2013 verfassten Anklageschrift gegen Blazer zu finden. Loretta Lynch, damals Staatsanwältin in New York, heute Justizministerin in Washington, entschied sich aber, die Anschuldigungen vorerst unter Verschluss zu halten. Die Anklageschrift aus dem Jahr 2013 wurde erst am Mittwoch publik gemacht.