Schweiz hilft Tunesien
Flucht aus Tunesien: «Wer es nicht versucht, hat schon verloren»

Tunesier vom Auswandern abzuhalten, ist praktisch unmöglich. Viel zu gross ist die Verlockung, der Misere im Heimatland zu entfliehen. Youssef und Moez, zwei junge Tunesier, erzählen über ihre Fluchtpläne.

Lorenz Honegger, Tatouine
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Tunesische Küste: Auf der anderen Seite des Meers liegt das Ziel der Träume vieler Tunesier. H. Dridi/KEystone

Tunesische Küste: Auf der anderen Seite des Meers liegt das Ziel der Träume vieler Tunesier. H. Dridi/KEystone

Eigentlich wollte die Schweizer Botschaft den angereisten Journalisten zeigen, wie eine tunesische Jugendorganisation mit Unterstützungsgeldern aus Bern Aufklärungsarbeit betreibt und damit Jugendliche vom Auswandern abhält. Doch der Besuch in den Räumlichkeiten der «Association pour la protection de l’enfance et de la jeneusse menacée» im südtunesischen Städtchen Tatouine zeigte vor allem eines: Es ist nahezu unmöglich, einen jungen, auswanderungswilligen Tunesier davon abzubringen, in Europa nach Arbeit und Wohlstand zu suchen. Viel zu gross ist die Verlockung, der politischen und wirtschaftlichen Misere im Heimatland zu entfliehen. Daran ändert auch die beste Sensibilisierungskampagne nichts.

Zwei junge Männer, Youssef und Moez, erzählten den Journalisten aus der Schweiz freimütig von ihren Plänen, über die italienische Insel Lampedusa illegal nach Frankreich auszuwandern. Beide sind um die 20 Jahre alt und beide haben Verwandte oder Freunde, die in Europa Arbeit gefunden haben. Ihre eigenen Pläne machen noch keinen sehr konkreten Eindruck. Spezifische Fragen beantworten sie nur vage. Doch erste Kontakte zu Schlepperbanden bestehen offenbar. Für die lebensgefährliche Überfahrt ins reiche Europa sind sie bereit, weit über 1000 Franken zu bezahlen, was für eine tunesische Familie ein Vermögen ist.

Wie ernst es den beiden mit dem Auswandern ist, zeigte sich auch an ihrer Reaktion auf die Schilderungen des 30-jährigen Mohammed, der ebenfalls aus Tataouine stammt und noch vor der tunesischen Revolution Anfang 2011 über die Türkei illegal nach Griechenland eingereist war. Er verbrachte mehr als ein Jahr in Athen. Schon als er ankam, hatte ihm die von der Schuldenkrise gezeichnete Stadt nichts als Elend zu bieten.

Seine Versuche, in den Westen Europas zu gelangen, scheiterten. Dreimal wurde er am Flughafen mit falschen Papieren verhaftet. In der Folge musste er seinen Lebensunterhalt mit Diebstählen und dem Dealen von Haschisch bestreiten. Meistens übernachtete er im Freien. Nur ganz selten, wenn das Geld reichte, konnte er sich den Luxus einer Übernachtung in einem günstigen Hotel leisten. Zu Mohammeds Routine gehörte auch das Durchwühlen von Abfallsäcken nach Ess- und Verwertbarem. Seine Familie liess er im Dunklen darüber, wie schwierig es wirklich ist, im fernen Europa Fuss zu fassen.

Spätestens an dieser Stelle, so dachten zumindest die Schweizer Zuhörer, müsste Youssef und Moez klar werden, dass sich ihre Träume und Hoffnungen auf ein besseres Leben in Europa kaum je bewahrheiten würden. Aber beide blieben unbeeindruckt. «Ich werde es auf jeden Fall versuchen», sagten sie wie aus der Pistole geschossen, und man glaubte es ihnen sofort. Ihre Begründung: «Wer es nicht versucht, hat schon verloren.»