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Mexiko - USA: Flüchtlingsdrama im Hinterhof

Öffentlichkeitswirksam marschieren zurzeit Tausende Lateinamerikaner in Richtung USA. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs.
Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Der Migrantentreck in Mexiko auf dem Weg Richtung USA. (Bild: John Moore/Getty (Ciudad Hidalgo, 21. Oktober 2018))

Der Migrantentreck in Mexiko auf dem Weg Richtung USA. (Bild: John Moore/Getty (Ciudad Hidalgo, 21. Oktober 2018))

Eine Karawane verzweifelter und entkräfteter Menschen zieht durch Mexiko. Frauen mit Babys im Arm, ausgemergelte Männer, unbegleitete Kinder. Honduraner, Guatemalteken, Salvadorianer und auch ein paar Nicaraguaner flüchten vor der Situation in ihren Ländern. Vor Arbeitslosigkeit, vor Banden, die Jugendliche rekrutieren, Schutzgelder erpressen und töten.

Zentralamerika hat die höchste Mordrate der Welt. Und die Menschen fliehen wie in Nicaragua auch vor einem repressiven Regime, das seine Gegner brutal verfolgt. Etwas Besseres als Elend, Gefängnis und den Tod finden wir überall – mit dem Mute der Verzweiflung marschieren die Mittelamerikaner durch Mexiko in Richtung USA, während dort Präsident Donald Trump tobt, droht und den Regierungen der Ursprungsländer der Migranten die Hilfsgelder entzieht.

700 Menschen täglich machen sich auf den Weg

In Lateinamerika gab es schon immer Migrationsbewegungen, in den vergangen zwei Jahren haben sie sich aber deutlich intensiviert. Dabei gehört die zentralamerikanische zu den ältesten Migrationsbewegungen im modernen Lateinamerika. 200 000 bis 300 000 Honduraner, Salvadorianer, Nicaraguaner und Guatemalteken verlassen nach Schätzungen von Hilfsorganisationen jedes Jahr ihre Heimat, von den USA despektierlich «Hinterhof» genannt. 700 Menschen also schnüren täglich ihr Bündel und machen sich auf den gefährlichen und langen Weg gen Norden. Die rund 3000 Zentralamerikaner, die derzeit durch Mexiko ziehen, sind gerade einmal so viele Flüchtlinge wie sonst in einer Woche den Weg in die USA auf sich nehmen. Nur bekommen sie durch Trumps Paranoia mediale Aufmerksamkeit, und sie wandern dieses Mal nicht in kleinen Gruppen versteckt und auf Zügen, sondern marschieren im kilometerlangen Treck durch Mexiko.

Doch in jüngerer Zeit sind zwei grosse Bewegungen hinzugekommen. Seit einem halben Jahr verlassen Nicaraguaner in Scharen ihr Land in Richtung Costa Rica, das Nachbarland im Süden. Sie fliehen vor der Verfolgung des linksautoritären Präsidenten Daniel Ortega. Und dann sind da die Venezolaner, die seit zwei Jahren eigentlich überall hin gehen, wo man sie noch haben will. Kolumbien, Chile, Brasilien, Argentinien, Peru, Ecuador und Panama gehören zu den favorisierten Zielen derjenigen, die dem wirtschaftlichen Kollaps und der Hoffnungslosigkeit im «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» von Nicolás Maduro entkommen wollen. Zwischen zwei und drei Millionen Venezolaner haben unterschiedlichen Schätzungen zufolge ihrer Heimat den Rücken gekehrt; aus Nicaragua sind laut Hilfsorganisation seit April rund 25000 Menschen alleine nach Costa Rica geflohen.

Pulverfass mit brennender Lunte

Die Ursachen für diese gigantischen Flüchtlingstrecks sind meist typisch lateinamerikanisch: Korrupte und unfähige Regierungen, der Aufstieg des Organisierten Verbrechens zur entscheidenden Gestaltungsmacht in vielen Gegenden und die grösste Schere zwischen arm und reich weltweit. Hinzu kommt noch, dass Lateinamerika das gesamte Kokain für die Welt und viel Heroin und Marihuana produziert und so illegale Märkte und Geschäfte und in der Folge Gewalt und Vertreibungen befeuert. Und dann ist da noch wie in Nicaragua und Venezuela die Neuauflage des lateinamerikanischen «Caudillo». In einer linken Variante manövrieren Männer wie Maduro und Ortega ihre Länder in den wirtschaftlichen Ruin und gehen gegen jede Art von Opposition mit Repression und Vertreibung vor. All das macht Lateinamerika zu einem Pulverfass mit brennender Lunte.

Das Groteske an diesem Wahnsinn ist: Formell herrscht erstmals seit Jahrzehnten fast überall Frieden in Lateinamerika. Keine Revolution, keine Rebellen, keine Aufstände. Aber nie waren zwischen Rio Grande und Feuerland Freiheits- und Persönlichkeitsrechte, ökonomische und soziale Errungenschaften so sehr in Gefahr wie jetzt.

Besserung ist nicht in Sicht. Die Autokraten in Caracas und Managua sitzen fest im Sattel, auch weil neue geopolitische Player in Lateinamerika wie Russland und China sie am Leben halten. Und die fast sichere Wahl des Rechtsextremisten Jair Bolsonaro zum Präsidenten wird auch in Brasilien zu einer Migrationswelle führen wie seit Zeiten der Diktatur (1965 bis 1984) nicht mehr. Bolsonaro nennt soziale Aktivisten offen «Terroristen» und droht ihnen mit Exil oder Gefängnis.

Die massive Migration in Lateinamerika wird weitergehen. Ihr kann man vorerst nur mir humanitären Mitteln begegnen oder mit Ideen wie der von Mexikos künftigem linken Präsidenten López Obrador: Er will 30 Milliarden Dollar in die gescheiterten Staaten Zentralamerikas investieren, um vor Ort Fluchtursachen zu bekämpfen.

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