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FLÜCHTLINGE: Bahnhof München — Endstation Hoffnung

Auch gestern reisten wieder Hunderte von Flüchtlingen nach München. Die Solidarität ist gross, aber es herrscht auch Angst davor, dass Radikale in das Land einwandern könnten.
Eine Flüchtlingsfamilie kommt am Hauptbahnhof München an. Nun ist die bayrische Stadt an die Grenzen ihrer Kapazität gekommen. (Bild: DPA/Andreas Gebert)

Eine Flüchtlingsfamilie kommt am Hauptbahnhof München an. Nun ist die bayrische Stadt an die Grenzen ihrer Kapazität gekommen. (Bild: DPA/Andreas Gebert)

Christoph Reichmuth, München

Es ist 10.25 Uhr, auf Gleis 12 am Münchner Hauptbahnhof fährt der Zug aus Budapest, Györ, Wien, Salzburg in München ein. Auf dem Perron stehen rund ein Dutzend Polizisten, es sind keine schwerbewaffneten Beamten in Vollmontur, sie geben sich betont freundlich, sprechen mit den Passanten, den Flüchtlingen, mit den Medien. Wieder bringt dieser Zug Hunderte von Asylsuchenden in die bayerische Hauptstadt, doch auf dem Nebengleis wartet schon der Sonderzug nach Celle. «Wir haben keine Kapazität mehr in München», sagt ein junger Polizist, «die Flüchtlinge werden heute gleich weitergeleitet in andere Teile des Landes, ohne Registrierung. München ist überbelegt.» Ayaz Hussein, 15 Jahre jung, steht unweit der Polizeibeamten am Ende des Perrons und beobachtet die irgendwie bedrückend wirkende Szenerie. Es steigen Menschen aus diesem überfüllten Zug, in deren Augen Hoffnung schimmert, und doch spricht aus vielen dieser Gesichter auch Angst und Ungewissheit.

5000 Euro für die Schleuser

Seit letzter Woche kommt Ayaz jeden Tag hierher, schaut zu, wer hier aussteigt von seinen Landsleuten aus Syrien, womöglich kennt er ja jemanden. Ayaz ist allein hier in Deutschland, er ist allein losgezogen, vor sieben Monaten, aus seiner vorwiegend kurdisch geprägten Heimatstadt al-Hasakan im Nordosten von Syrien. Er ist einer von Hunderten «unbegleiteten Jugendlichen», wie es im offiziellen Jargon heisst. Allein übers Wochenende sind in München 170 junge Flüchtlinge wie Ayaz ohne Familie oder Begleitung von Erwachsenen in München eingetroffen. Der Vater war es, der im Winter dieses Jahres den Entschluss fasste, seinen halbwüchsigen Sohn allein auf eine gefährliche Reise zu schicken.

Der Nachbar der Familie Hussein war kurz zuvor mit einem Kopfschuss regelrecht exekutiert worden, Ayaz weiss nicht, von wem, IS-Kämpfer, Soldaten des Regimes? Da war für den Vater der Zeitpunkt gekommen, wenigstens seinen Sohn in Sicherheit zu bringen. «Mein Vater bezahlte für die gesamte Reise, er sagte, ich solle jetzt fortgehen, die Familie würde später kommen», erzählt der 15-Jährige in einem verblüffend guten Deutsch. Die Sprache hat er erst hier gelernt, in einem der Flüchtlingsheime. Teuer war diese Reise. Ayaz hat Glück: der Vater ein Physiker, die Mutter Ingenieurin, die Familie verfügt über das für eine Flucht nötige Geld. 5000 Euro musste Ayaz irgendwelchen dubiosen Männern in die Hand drücken, damit sie ihn mit ein paar anderen Syrern auf dem Fussweg über die Grenze und danach in Bussen bis nach Istanbul brachten, später dann, zusammengepfercht in einem Laderaum, in einem Lastwagen ins bayerische Passau.

«München braucht die Hilfe»

Auch an diesem Dienstag treffen in München wieder viele Flüchtlinge ein, doch ein solch gewaltiger Ansturm wie noch vor wenigen Tagen, den gibt es heute nicht. Der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, bittet am frühen Nachmittag zu einer Pressekonferenz. Die Lage, sagt er, habe sich etwas beruhigt. Dann liest Hillenbrand von einem Blatt Papier nackte Zahlen herunter, jede einzelne steht für ein persönliches Schicksal. Von Sonntag um 24 Uhr bis Montag um 24 Uhr sind 4457 Flüchtlinge in München eingetroffen, gestern Dienstag von frühmorgens bis 14.30 Uhr 1340, bis am Abend wird sich, so Hillenbrand, diese Zahl deutlich erhöhen. Aber nun kommt endlich Hilfe von den anderen Bundesländern. 400 Menschen wurden von München direkt weiter nach Celle gebracht, 450 nach Berlin, 1250 mit Bussen in andere Gemeinden in Bayern, weitere 18 Busse brachten Menschen aus Syrien, dem Irak, Pakistan oder dem Balkan nach Thüringen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern. Es folgen weitere Statistiken über Erstaufnahmezentren, provisorische Aufnahmeeinrichtung, Zahlen zu Übernachtungen, Belegungsquoten. Hillenbrand will eigentlich nur etwas zum Ausdruck bringen: München ist voll. «München braucht die Hilfe der Bundesländer», sagt der 58-Jährige.

Kritik an Unterbringung

Ob er denn nicht auch auf die Hilfe der so nahe gelegenen Schweiz hoffe? Hillenbrand weicht dieser Frage aus, das wirkt irgendwie verdächtig. Dann beginnt Hillenbrand, in dessen Stimme hörbar Kritik mitschwingt, dann doch zu erzählen, von etlichen Asylbewerbern, die «in der Schweiz im Asylprozess sind, sich aber zu uns nach München bewegen». Details mag er auf Nachfrage keine nennen, dafür setzt die neben ihm postierte Münchner Sozialreferentin Brigitte Meier auf Nachhaken einer deutschen Journalistin einen drauf: «Haben Sie gesehen, wie die Asylbewerber in der Schweiz untergebracht werden? Die werden in Atombunkern untergebracht. Und wissen Sie, wie wir unsere Flüchtlinge unterbringen? Sicher nicht in Bunkeranlagen.»

In einem Nebenarm des Münchner Hauptbahnhofes haben Münchner Zivilisten eine Sammelstelle für Flüchtlinge eingerichtet. «München hilft» nennt sich das Projekt, es engagieren sich Studenten, Rentner, Angestellte, Arbeitslose. Eigentlich herrscht Aufnahmestopp, erzählt Katja Kühne, die hier seit Tagen Freiwilligenarbeit verrichtet. «Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend, die Münchner sind einfach super», schwärmt die 28-jährige Studentin. Trotz Aufnahmestopp bringen auch an diesem Dienstag Dutzende von Münchnern Spenden für die Flüchtlinge zur Sammelstelle. Windeln, Babynahrung, Winterkleidung. Oder einen leeren Reisekoffer, wie ihn die Münchnerin Alexa Matrosa mitbringt. «Ich will doch diesen Menschen helfen, meinen Koffer möchte ich einer Familie geben, die kann den besser gebrauchen als ich», sagt die 84-Jährige.

«Der reinste Wahnsinn»

Die Solidarität in München ist gross, aber nicht unbegrenzt. Es gibt auch den anderen Teil der Bevölkerung, über den man hier in München nicht allzu gerne spricht, den man nicht so gerne erwähnt in der Berichterstattung. Dieter Gleszinnis gehört zu jenen Münchnern, denen der Zustrom der Flüchtlinge Sorgen bereitet. «Das ist doch gefährlich, so ein multiethnischer Staat, das muss doch irgendwann Probleme geben», sagt der 70-Jährige, der an diesem frühen Nachmittag gerade beim Bahnhof vorbeispaziert. «Glauben Sie wirklich, dieser Zustrom führt nicht zu Konflikten? Sie glauben ja auch nicht mehr an den Weihnachtsmann.» Die Gefahr, dass radikale Islamisten ins Land einwanderten, sei gewaltig. «Die Merkel mit ihrer Willkommenspolitik, das ist doch der reinste Wahnsinn!»

Die Behörden in Deutschland allerdings halten die Gefahr für gering, dass die Terrorgefahr in Deutschland durch den Zuzug von Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten nun steigen wird. «Wir haben derzeit keine konkreten Hinweise darauf, dass unter den Flüchtlingen Terroristen sind», bemerkte der Chef des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler. Allerdings räumte er ein, dass «Terroristen die vorhandenen Schleuserstrukturen» möglicherweise auszunützen versuchten.

Warten auf die Familie

Neben der Registrierungsstelle beim Bahnhof, an der die letzten Tage Hochbetrieb herrschte, wartet Mohammed, 20 Jahre jung, an der Münchner Herbstsonne auf seine Weiterreise in ein anderes Bundesland. In seinen Händen hält er ein Papier. «Danke Deutschland, wir wollen hier Frieden», steht darauf geschrieben. Auf dem Lebkuchenherz, das ihm ein Passant umgehängt hat, heisst es: «Herzlich willkommen!»

Mohammed spricht weder Deutsch noch Englisch. Der junge Mann aus Damaskus erzählt, übersetzt von einer in München lebenden Syrerin, von einer schrecklichen Flucht aus seiner Heimat, 4000 Euro habe er Schleppern bezahlen müssen. In Budapest seien er und die anderen Flüchtlinge geschlagen worden, weil sie sich nicht hätten in Ungarn registrieren lassen wollen. Korrupt seien die Polizisten in Ungarn, «wer ihnen Geld zugeschoben hat, durfte in den Zug zusteigen, die anderen nicht». Hier in Deutschland fühle er sich sicher. Hier wolle er bleiben. Mohammeds Geschichte tönt schauerlich. Und sie klingt so ähnlich wie die Geschichten der vielen anderen Flüchtlinge, die in München gestrandet sind. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien. Sie haben Krieg erlebt, Verfolgung und Gewalt.

Ayaz Hussein macht sich auf den Weg nach Hause, er wohnt mit anderen jungen Flüchtlingen in einer vom Jugendamt betreuten Wohnung ausserhalb von München. Auch morgen wird der 15-Jährige wieder bei den Gleisen stehen und schauen, wer aus den Zügen aus Budapest und Wien steigt. Seine Familie, Mutter, Vater und die vier jüngeren Geschwister, sind inzwischen im Libanon. Sie wollen bald nach Deutschland reisen. In einem Monat vielleicht, sagt Ayaz, wird er seine Familie nach neun Monaten wieder in die Arme schliessen können. Ayaz möchte Medizin studieren, erzählt er. Und vielleicht, beginnt er zu sinnieren, wird in Syrien einmal Frieden herrschen. «Wenn es sicher ist, dann möchte ich zurück in meine Heimat.»

Merkel pocht auf EU-Quote

Deutschland und Schweden bestehen gemeinsam auf einer verbindlichen Quote für die Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU. Bei einem Treffen in Berlin verlangten Kanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Stefan Löfven einen festen Verteilerschlüssel und Asyl-Mindeststandards für alle 28 EU-Mitglieder. Derzeit nehmen beide Länder in der EU die meisten Asylbewerber auf. In Deutschland werden mindestens 800 000 Migranten erwartet, in Schweden mehr als 80 000.

Merkel äusserte sich optimistisch, dass es trotz des Widerstands von Ländern wie Ungarn einen Kompromiss geben werde. «Meine Erfahrung ist, dass man, manchmal nach längerer Zeit, doch zu einer gemeinsamen Lösung kommt.» Derweil will EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker heute neue Vorschläge zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vorlegen.

30 000 auf griechischen Inseln

Unterdessen haben gestern so viele Flüchtlinge die griechisch-mazedonische Grenze überquert wie nie zuvor: 7000 seien es innert 24 Stunden gewesen, erklärte das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) gestern in Genf. 30 000 Flüchtlinge und Migranten würden sich aktuell auf den griechischen Inseln befinden, davon 20 000 auf Lesbos, fügte UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming hinzu. Vor diesem Hintergrund werde es «immer dringender», europäische Lösungen zu finden, sagte Fleming.

Sie plädierte für EU-Auffanglager an den Aussengrenzen in Ungarn oder Griechenland, sagte aber, diese könnten nur funktionieren, wenn es auch ein europäisches Verteilungssystem für ankommende Schutzsuchende mit fixen Zusagen der einzelnen EU-Mitgliedstaaten gäbe.

Auf Autobahn aufgegriffen

Auf der Balkan-Route hat die Polizei derweil in der Nacht auf gestern einen Fussmarsch Hunderter Flüchtlinge von der serbischen Grenze Richtung Budapest beendet. Die völlig übermüdeten Menschen sind von Polizeibussen abgeholt worden. Anschliessend habe man die Flüchtlinge in das ungarische Erstregistrierungslager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze zurückgebracht.
Am Vortag hatte die Flüchtlingsgruppe, darunter viele Familien mit Kindern, in Röszke eine Polizeiabsperrung durchbrochen, um Richtung Budapest zu marschieren.

(sda)

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