Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FLÜCHTLINGE: Bulgarien riegelt die Grenze ab

Während über den Seeweg wieder mehr Flüchtlinge von der Türkei aus nach Griechenland gelangen, macht Bulgarien die Grenze dicht. Auf 160 Kilometern Länge soll sich der Grenzzaun zur Türkei dereinst erstrecken.
Erika Achermann
Arbeiter bringen am Grenzzaun zwischen Bulgarien und der Türkei Stacheldraht an. Der Zaun soll bis Ende Jahr 160 Kilometer lang sein. (Bild: AFP/Dimitar Dilkoff)

Arbeiter bringen am Grenzzaun zwischen Bulgarien und der Türkei Stacheldraht an. Der Zaun soll bis Ende Jahr 160 Kilometer lang sein. (Bild: AFP/Dimitar Dilkoff)

Frauen und Männer sitzen auf der Holzbank an der Dorfstrasse unter schattenspendenden Bäumen wie es alte Menschen in südlichen Ländern schon immer getan haben. Ich setze mich zu ihnen, fühle mich wohl bei diesen freundlichen, lebenserfahrenen Menschen. Hier im südbulgarischen Shtit, direkt an der Grenze zur Türkei, sind in den letzten Jahren die jungen Leute abgewandert.

Tagelang passiere nichts, sagt Bojan, der pensionierte Traktorfahrer. Und wenn Flüchtlinge vorbeikommen, kleinere und grössere Gruppen, auch schwangere Frauen, geben sie ihnen zu trinken und zu essen. Sie fühlten sich von den Flüchtlingen nicht bedrängt, es seien höfliche Leute. Aber dann rufen sie die Grenzpolizei, die sie abholt. Das sei Vorschrift. Wehren sich dann die Flüchtlinge? Auf eine Antwort lassen sie mich warten.

Verlassene Dörfer

Der Zaun erscheint ihnen grotesk, Unsummen verschlingend. Ihre Strassen hingegen sind löchriger denn je, weil sie von Lastwagen befahren werden, die das schwere Material für den Zaun bringen. «Das Pferd schlägt aus und es trifft den Esel», meint einer. Wenn Sofia und Brüssel entscheiden, treffe es die Menschen im Grenzland, wo man mit klapprigen Autos aus der sozialistischen Zeit und mit dem Esel und Wagen unterwegs ist. Was sie brauchen, sei ein Dorfladen und Brot, höhere Renten. Sie haben nur ihre kleinen Gemüsegärten, das Brot wird dreimal pro Woche aus der nahen Stadt Swilengrad geliefert, abgepackt, in Scheiben geschnitten.

Ein anderes Bild bietet Swilengrad, wo wir die Reise begannen, eine Stadt zwei Kilometer von der griechischen und 14 Kilometer von der bulgarischen Grenze entfernt. Es gibt mehrere gute Hotels, der Alltag zeigt sich im Zentrum heiter. Kinder spielen abends auf der Hauptstrasse, die Jugend promeniert, die Restaurants sind gut besetzt, eine Sängerin singt bulgarische, türkische und mazedonische Lieder; also grenzübergreifend.

Jagd auf Flüchtlinge

Am nächsten Abend, wenige Kilometer östlich von Swilengrad, hören wir in einem Restaurant, wie sich vier dickleibige Männer grölend darüber unterhalten, wie sie Flüchtlinge jagen. Meine bulgarische Begleiterin will nicht übersetzen. Sie ist entsetzt. Dass Bürgerwehren als Flüchtlingsjäger unterwegs sind, haben wir bereits aus den Medien vernommen und in einem «Human Rights Watch»-Bericht heisst es, dass Flüchtlinge mit Anwendung «massiver Gewalt» durch bulgarische Grenzpolizei in die Türkei zurückgeschafft würden. In der Stadt Harmanli fährt der Regionalbus an einem Betonbau vorbei, umgeben von Stacheldraht. Dorthin und nach Elhovo werden die Flüchtlinge gebracht. Keine freundlichen Orte, Gefängnissen ähnlich.

Den Zaun haben wir inzwischen ebenfalls gesehen. Die Überreste aus dem Kalten Krieg, die Wachtürme von damals gleich neben dem neuen Zaun, der sich wie eine helle unendlich lange Schlange durch die grüne unbebaute Landschaft zieht. Grenzpolizisten bekommen wir hier keine zu Gesicht. Der Zaun ist durch Überwachungskameras und im sandigen Boden durch versteckte Sensoren gesichert, die jede Vibration erspüren und automatisch Alarm schlagen. Das wirkt heimtückisch. Militär und Grenzpolizei sind in den Dörfern untergebracht und schnell vor Ort. Die Schlepper jedoch kennen geheimere Wege.

Auf Trampelpfaden im dichten Wald des Naturschutzgebietes Strandza finden die Parkwächter fast täglich zerrissene, abgelegte Kleider sowie Verpackungen von Lebensmitteln aus der Türkei. Ein pensionierter Grenzpolizist erklärt uns später, dass die derzeitige Überwachung eher symbolisch als effektiv sei. Es könne jeder, der wolle, den Zaun überwinden. Während des Kalten Krieges hingegen seien nach russischem Vorbild Grenztürme alle zehn Kilometer gesetzt worden, überwacht wurde die Grenze von jeweils 40 Soldaten, die auch die Landschaft zu pflegen hatten. Damals durfte niemand hinaus, heute niemand hinein. So ändern sich die Zeiten.

Zusammenarbeit eingestellt

Allerdings richtete der damalige Zaun weniger Schaden in der Landschaft an, meint Diko Patronov, der die Geschichte des 1200 Quadratkilometer umfassenden Naturparks Strandscha dokumentierte. Sofia plane, den restlichen Teil des neuen Zauns, der noch zu bauen sei, durch ein Biosphärenreservat zu ziehen und teils durch steiles Gelände, das man im Volksmund «gewaltiger Abschuss» nennt. Dort würde der Zaun teils von der eigentlichen Grenze entfernt geführt, so dass die Flüchtlinge bulgarischen Boden betreten können, bevor sie den Grenzzaun erreichen. Den Schleppern wird das nicht verborgen bleiben.

Das Schutzgebiet besteht seit 1995 und wurde von der Öko-Bewegung Bulgariens initiiert. Bulgarische und türkische Naturschützer haben grenzüberschreitend zusammengearbeitet, denn hüben wie drüben ist dieselbe Fauna und Flora zu finden. Seit 2014 wissen die Verantwortlichen, dass sie sich nicht mehr treffen sollten. Ihre Forschungsprojekte wurden eingestellt. Der bisherige Direktor des Naturparks seines Amtes enthoben.

Nicht nur die Naturschützer sind um ihre grenzübergreifende Initiative gebracht, auch im Dorf Bashlian ist nichts mehr so wie zuvor. Vor zwanzig Jahren begann hier Maria Kyutchukova den Tourismus anzukurbeln. Das Dorf ist im Stil der «bulgarischen Wiedergeburt» erhalten, gepflegte Holzhäuser, bunt bemalt, keine Neubauten, eine Sehenswürdigkeit. In Marias Garten plumpsen die Birnen und Pflaumen von den Bäumen. Ein kleines Paradies. Die Dorfbewohner konnten vom Tourismus ihre schmalen Renten aufbessern. Als wir auf den Regionalbus warten, versperren vier Militärfahrzeuge den Kirchplatz. Die Soldaten sind privat im Dorf untergebracht und stören laut die Idylle. Eine Kuh trottet muhend zwischen den uniformierten Männern und den wuchtigen Camions aus sowjetischer Zeit nach Hause. Grenzen können schützen, Sicherheit suggerieren, aber auch zerstören. Das erfährt man von den Menschen hier.

Erika Achermann

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.