FLÜCHTLINGE: Das Geschäft mit tödlichen Lebensrettern

Türkische Behörden fahnden nach gefälschten Schwimmwesten, die an Flüchtlinge verkauft werden. Diese saugen sich im Notfall mit Wasser voll und versenken ihre Träger.

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Schwimmwesten, die von Flüchtlingen nach ihrer Ankunft auf der griechischen Insel Lesbos am Ufer liegen gelassen worden sind. (Bild: Getty/Pierre Crom)

Schwimmwesten, die von Flüchtlingen nach ihrer Ankunft auf der griechischen Insel Lesbos am Ufer liegen gelassen worden sind. (Bild: Getty/Pierre Crom)

Sie sollen Menschenleben retten. Stattdessen bringen sie Menschen in Lebensgefahr. Die türkische Polizei hat in den vergangenen Tagen in Izmir und anderen Städten an der Ägäisküste Tausende gefälschte Rettungswesten sichergestellt. Dort sollten sie an Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern verkauft werden, bevor die Menschen die gefährliche Überfahrt zu einer der griechischen Inseln antreten.

Für 30 Euro beim Gemüsehändler

Die leuchtend orange eingefärbten Westen versprechen Sicherheit, wenn eines der Flüchtlingsboote – was immer wieder vorkommt – auf der oft stürmischen Überfahrt kentert oder vor einer der Inseln von der Brandung an eine Felsküste geworfen wird und sinkt. Die Schwimmwesten sind inzwischen ein Verkaufsschlager in vielen Läden. Selbst Andenkenhändler, Elektrogeschäfte und Gemüseverkäufer haben sie in ihr Sortiment aufgenommen. Auch fliegende Händler, darunter viele syrische Flüchtlinge, bieten die Westen an. Rund 100 türkische Lira, umgerechnet etwa 30 Euro, kostet eine solche Weste. Aber es gibt auch Sonderangebote, die nur halb so viel oder ein Drittel kosten.

Auf diese Billigwesten hat nun die Polizei ein Auge geworfen. Denn im Notfall rettet diese Weste ihren Träger nicht – sondern bringt ihn um. Während die regulären Westen mit extrem leichten Kunststoffen wie Styropor gefüllt sind und so auch einen Nichtschwimmer über Wasser halten, sind die gefälschten Westen mit Schaumstoff gefüllt, der sich sofort mit Wasser vollsaugt. Sie sind keine Auftriebshilfe, sondern ein Ballast, der einen Menschen rettungslos in die Tiefe zieht. Allein in Izmir haben die Polizeibehörden bereits rund 1500 dieser tödlichen Rettungswesten sichergestellt.

Bei Razzien in anderen Küstenstädten wurden weitere Exemplare entdeckt. Nach türkischen Medienberichten sind die Ermittler den Herstellern der gefälschten Westen, die bekannte Markennamen aufgenäht haben, bereits auf der Spur. Es soll sich um eine Bande von fünf Tätern handeln. Wie viele Flüchtlinge bereits wegen der minderwertigen Westen ihr Leben verloren haben, ist unbekannt. Nach Angaben der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR sind in diesem Jahr bereits 530 000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Allein im September waren es 168 000, fünf Mal so viele wie im gleichen Monat des Vorjahres. Nach einer Schätzung von UNHCR sind seit Jahresbeginn etwa 3000 Menschen bei der Überfahrt ertrunken.

Flüchtlingsdebatte bald vor Gericht?

Deutschlandsda. Der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer hat der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise mit dem Gang vor das Bundesverfassungsgericht gedroht, sollte der Bund nicht bald wirksame Massnahmen zur Begrenzung des Zuzugs von Asylbewerbern ergreifen. Dies teilte die bayrische Staatskanzlei gestern nach einer Kabinettssitzung in München mit. «Wir sind ausdrücklich der Meinung, dass die Zuwanderung gesteuert und begrenzt werden muss, wenn wir damit zu Rande kommen wollen», sagte Seehofer vor Journalisten. Die bayrische Landesregierung forderte den Bund in dem Zusammenhang auch auf, als «Notmassnahme» Flüchtlinge unmittelbar an der Grenze zurückzuweisen.

Auch Deutschlands Vizekanzler Sigmar Gabriel und Aussenminister Frank-Walter Steinmeier warnen vor einer unbegrenzten Zuwanderung in ihr Land. «Wir können nicht dauerhaft in jedem Jahr mehr als eine Million Flüchtlinge aufnehmen und integrieren», schreiben die beiden Politiker in einem am Freitag veröffentlichten Beitrag für den «Spiegel».

Umsiedlung ist gestartet

Unterdessen ist die beschlossene Umsiedlung von insgesamt 160 000 Flüchtlingen innerhalb Europas gestern mit einer kleinen Gruppe gestartet: 14 Männer und 5 Frauen aus Eritrea stiegen in Rom in ein Flugzeug Richtung Schweden, wo sie ihr neues Leben beginnen sollen.

Gerd Höhler, Athen