FLÜCHTLINGE: Symbol für Europas kolossales Versagen

Noch immer überqueren Tausende die Grenze von Österreich nach Deutschland. Ein Augenschein zeigt: Schengen wird weiter ignoriert. Und die Schweiz ist bei Flüchtlingen unbekannt.

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Eine palästinensische Familie verpflegt sich im Durchgangszentrum in Schärding. (Bild: Christoph Reichmuth)

Eine palästinensische Familie verpflegt sich im Durchgangszentrum in Schärding. (Bild: Christoph Reichmuth)

Christoph Reichmuth, Schärding

Schärding, Oberösterreich, ein paar Schritte noch, dann ist man in Deutschland. Im Zelt ist die Luft miefig, über tausend Menschen finden sich hier ein. Manche sitzen am Boden, erschöpft von einer wochenlangen Reise. Andere versuchen zu schlafen. Menschen reden, Geschirr klappert, Kinder schreien. Dann eilen Notärzte in das Zelt. Drei-mal innerhalb von drei Stunden. Wieder hat jemand das Bewusstsein verloren. Aufregung. Der Lärmpegel ist hoch.

Es sind Menschen, die aus fernen Ländern kommen und eine lange, oftmals gefährliche Reise hinter sich haben. Syrien, Irak, Afghanistan, Marokko, Iran, Jemen, aus allen Teilen Afrikas. Es sind Menschen, die in Westeuropa Hilfe suchen. Schutz vor einem blutigen Bürgerkrieg, Schutz vor Willkürregimen, Unterdrückung. Ein Leben in Würde, in Sicherheit. Wohlstand. Der überwiegende Teil von ihnen sind Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, aber man sieht auch Familien, Kleinkinder, Grossväter und Grossmütter. Draussen vor dem Zelt noch einmal Hunderte von Menschen. Sie lehnen sich an Zäune, auf der anderen Seite des Gitters postieren sich junge Männer vom österreichischen Militär.

Es ist ein Auffanglager für Flüchtlinge, aber es wirkt mit der eisernen Umzäunung wie ein Gefängnis. In der Dämmerung hat die Szenerie apokalyptische Züge. Schärding ist Symbol für menschliche Tragödien, wie sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Auf tausend von ihnen treffen wir in einer Kleinstadt an der österreichisch-deutschen Grenze. Schärding ist auch Symbol für kolossales europäisches Versagen.

«Da hat es doch so viele Stellen»

Viele der jungen Männer haben objektiv wenig Chancen, dass sie bleiben können. Saleh aus Marokko etwa, drei Wochen war er unterwegs, über die Türkei, Mazedonien, Serbien bis nach Schärding führte seine Reise. Er will nach Stuttgart, ein besseres Leben führen, so viel zum Leben haben, dass man damit eine Familie ernähren kann, irgendwann. Saleh weiss, dass Deutschland Gesuche der Kriegsflüchtlinge prioritär behandelt, er ist nicht an Leib und Leben bedroht. «In Marokko hast du keine Chance. Und in Deutschland hat es doch so viele offene Stellen», sagt Saleh voller Hoffnung. Er kennt sogar die Zahl. 600 000 offene Stellen, das hat sich herumgesprochen.

Oder da ist dieser hoch sympathische junge Kerl, Reza, 16-jährig, aus dem Iran. Seine muskulösen Oberarme weisen einen beeindruckenden Umfang auf, sein Händedruck ist herzlich und fest, sein Lachen ansteckend. Er betreibt Mixed Martial Arts (MMA), einen modernen Vollkontaktsport, Schlag- und Tritttechnik gemischt. In seiner im iranischen Westen gelegenen Millionen-Heimatstadt Ahwaz hat er keine Aussicht auf einen Job, er hat all die Bilder der nach Westen flüchtenden Menschen gesehen, da dachte Reza, auch er müsse nun die Chance in Europa packen. «Ich könnte als MMA-Ausbilder arbeiten», sinniert der junge Mann.

Die meisten bleiben eine Nacht

Erst vor wenigen Wochen wurde am Rand der schmucken oberösterreichischen Barockstadt Schärding ein Durchgangszelt für 1000 Flüchtlinge bereitgestellt, nach Widerstand der Bevölkerung steht das Schutzzelt nun am Rande des Stadtgebietes. Es braucht diese behelfsmässige Unterkunft, gerade jetzt, wo sich über die Wiesen von Schärding ein weisser Schneeteppich gelegt hat und die Temperaturen nachts unter null fallen. Die Flüchtlinge werden mit Bussen aus dem Hinterland hierher gebracht, sie verbringen im Durchschnitt eine Nacht hier. Einige wenige hundert Meter weiter westlich liegt die deutsche Kleinstadt Neuhaus am Inn. Schärding ist nur ein kurzer Zwischenstopp auf der Weiterreise nach Deutschland, Schweden, nach Kanada oder Holland. Im Stundentakt fahren Busse auf die deutsche Seite, 50 Personen pro Stunde nimmt Deutschland auf, im Flüchtlingslager in Neuhaus erst werden sie ordentlich registriert. Die Flüchtlinge warten nur darauf, endlich dahin zu kommen, wohin es die meisten Menschen hinzieht, nach Deutschland. Auffallend: Niemand will in die Schweiz. Der Name «Switzerland» wird mit Schweden assoziiert. Und auch nicht nach Frankreich. «Da sind doch wieder die Terroristen», sagt ein junger Syrer. Vor denen sei er doch eben erst geflohen.

«Syrien ist tot»

Der 35-jährige Karim Hassem Mohammed ist mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern und mit seinen Nachbarn aufgebrochen aus einem kleinen Dorf aus Palästina, sie alle wollen nach Frankfurt am Main, da kennen sie jemanden. «Du weisst doch, wir haben kaum eine Zukunft wegen Israel», sagt der junge Mann. Unweit daneben hockt eine syrische Familie am Boden im überfüllten Zelt, Fayez, seine 5-jährige Tochter Mari, Jomana, seine Frau, Maruan, der 65-jährige Vater. Sie berichten Schauerliches aus ihrer Heimat, von Freunden und Nachbarn, die bestialisch umgebracht worden sind. In Deir waren sie zu Hause, die Kleinstadt wurde im letzten Jahr von der Terrormiliz IS eingenommen. «Wenn du in Deir geraucht hast», erzählt der Vater, der bis zum Bürgerkrieg einen gut laufenden Mini-Markt geführt hat, «dann haben sie dir die Finger abgeschnitten.» Er habe das Leben seiner Familie retten wollen, erklärt Sohn Fayez, deshalb seien sie geflüchtet. Was der Westen tun soll, einmarschieren in Syrien? Assad wegbomben, die Terrormiliz IS vernichten? Oder doch eine Zukunft ohne die Islamisten, dafür mit einem vom Westen protegierten Assad an der Spitze? Fayez winkt ab, der Westen könne nicht mehr helfen: «Syrien ist tot. Das Land hat keine Zukunft. Unsere Zukunft liegt in Deutschland.»

Bald sind es eine Million Flüchtlinge

Noch immer strömen täglich Tausende von Flüchtlingen über die österreichische Grenze nach Deutschland. Wochenlang waren es 7000 bis 8000 Menschen täglich, nun sind es etwa 4000, viele Flüchtlinge sitzen in Mazedonien oder in Griechenland fest, das hat den Strom verlangsamt. Trotzdem, die Zuzugszahlen bleiben enorm hoch, bis Ende letzter Woche haben die Bundesländer 945 000 Flüchtlinge in diesem Jahr registriert, am 1. Dezember wird Deutschland den einmillionsten Flüchtling verzeichnen.

Deutschland und Österreich konnten sich zuletzt immerhin auf fünf feste Grenzübergänge einigen, das Chaos wurde etwas entschärft. Noch immer lässt Österreich das Gros der Flüchtlinge ohne Registrierung nach Deutschland weiterreisen. «Wir überprüfen stichprobenartig. Die Flüchtlinge müssen aber bereits beim Eintritt in den Schengen-Raum registriert werden», sagt Bernd Innendorfer von der Landespolizeidirektion Oberösterreich. «Aber wir können die Menschen nicht mit Gewalt dazu zwingen, sich registrieren zu lassen. Die wollen alle nach Deutschland, weil es von der deutschen Kanzlerin dazu eine offizielle Einladung gibt», kann sich Innendorfer einen Seitenhieb gegen Angela Merkel nicht verkneifen. «Würden sie sich in einem Schengen-Mitgliedstaat registrieren lassen, könnte Deutschland die Menschen dorthin zurückschicken. Das wissen die Flüchtlinge natürlich, und deshalb weigern sie sich.»

Vater von Islamisten ermordet

Im Zelt herrscht Aufregung, der nächste Transport nach Deutschland fährt in 30 Minuten, die Menschen drängeln zum Ausgang, alle wollen sie fort von hier, in die bessere Welt, so hoffen sie. Die Familie aus dem Nordirak mit dem Baby, drei Monate alt, zwei junge Frauen aus dem afghanischen Kabul, Zabiha, 18, und ihre Schwester Maryan, 22, sie wollen zusammen mit ihrer Mutter via Deutschland nach Kanada. Ein 27 Jahre junger Medizinstudent aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa will in Deutschland leben und arbeiten, er erzählt von fast täglichen Sprengstoffattentaten der Islamisten in seiner Heimat, von der Perspektivlosigkeit. Und da ist auch Blu, ein 25 Jahre junger Mann aus dem westafrikanischen Kleinstaat Guinea-Bissau, einem der zehn ärmsten Länder der Welt, in dem der Drogenschmuggel floriert und wo Militärputsche gegen Präsidenten in regelmässigen Abständen vorkommen. Blu ist christlichen Glaubens, sein Vater und sein Bruder, erzählt er uns, seien von Islamisten bestialisch ermordet worden. Er spricht nicht viel, sein Blick ist ernst, seine Augen haben Schreckliches gesehen. Was er in Deutschland tun will, was er gelernt hat, wie er diese lange Flucht gemeistert hat, er erzählt es nicht und fragt nach einer Zigarette.

Nach 20 Minuten des Wartens füllt sich der von Deutschland bereitgestellte Linienbus. Blu hat es geschafft. Auch Zabiha und ihre Schwester haben einen Platz ergattert. Ihre Reise setzt sich fort, nun endlich sind sie in Deutschland. Man wünscht den Menschen, dass sie ihr Glück finden werden.

Weniger Flüchtlinge

Migration sda/red. In Österreich kommen immer weniger Flüchtlinge an. Erstmals seit Monatsbeginn treffen nun weniger als 3000 Menschen am Tag ein. In Kärnten kamen gestern 900 Menschen an, weitere 400 wurden erwartet. In der Steiermark trafen am Donnerstag und Freitag gar keine Flüchtlinge ein. Grund für den Rückgang ist vor allem der Wintereinbruch. Auch in Slowenien, Kroatien und Serbien ging die Zahl der Ankommenden zurück. Der Rückgang wirkt sich auch in Deutschland aus: Dort sind am Donnerstag so wenig Flüchtlinge angekommen wie bisher an keinem Tag im November.
Ägäis: Sechs Kinder ertrunken
Derweil sind bei zwei Bootsunglücken in der türkischen Ägäis sechs Kinder ertrunken. Die Boote waren auf dem Weg zu den griechischen Inseln Lesbos und Kos. 66 Personen konnten gerettet werden.

Eine syrische Mutter floh mit ihrer Familie von der Stadt Deir nach Deutschland. (Bild: Christoph Reichmuth)

Eine syrische Mutter floh mit ihrer Familie von der Stadt Deir nach Deutschland. (Bild: Christoph Reichmuth)

Der 25-jährige Christ Blu aus Guinea-Bissau will den Schrecken des islamistischen Terrors hinter sich lassen. (Bild: Christoph Reichmuth)

Der 25-jährige Christ Blu aus Guinea-Bissau will den Schrecken des islamistischen Terrors hinter sich lassen. (Bild: Christoph Reichmuth)

Bild: Grafik: Martin Ludwig

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