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Fliegende Flüchtlinge: Wie Farid mit einem gefälschten Pass ans Ziel kommen will

Gestrandete Migranten nutzen das Feriengedränge an Flughäfen, um mit gefälschten oder gestohlenen Pässen durch die Sicherheitskontrollen zu gelangen. Wir haben einen von ihnen getroffen.
Gerd Höhler aus Athen
Auf dem Landweg klappts nicht: Deshalb versuchen Flüchtlinge ihr Glück vermehrt mit gefälschten Pässen am Flughafen. (Bild: Yannis Kolesidis/Keystone)

Auf dem Landweg klappts nicht: Deshalb versuchen Flüchtlinge ihr Glück vermehrt mit gefälschten Pässen am Flughafen. (Bild: Yannis Kolesidis/Keystone)

Für Farid führt die Reise, die ihn nach Deutschland bringen soll, zunächst in eine enge Nebenstrasse unweit des Athener Omoniaplatzes. Die genaue Adresse will er nicht verraten. Dort sitzen sie im Hinterzimmer eines Maklerbüros, die Männer, die ihm helfen sollen – die «Menschen-Schmuggler», wie Farid in gebrochenem Englisch erklärt.

Vor einem Jahr hat der 23-jährige Afghane seine Heimat verlassen. Die Taliban hätten seinen Vater ermordet, weil der sich als Lehrer ihrer Ideologie widersetzt habe, erzählt Farid. «Sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten, vor den Augen meiner Mutter.»

Durch den Iran kam Farid in die Türkei. Über den Grenzfluss Evros gelangte er mit einem Kahn nach Griechenland. Fast 4000 Dollar hat er den Schleusern bis hierher für seine Flucht bezahlt. Den EU-Staat Griechenland hat er erreicht. Aber die letzte Etappe der Reise nach Deutschland, wo angeblich Verwandte auf ihn warten, liegt noch vor ihm. Sie ist schwierig und teuer.

Zweimal bis zum Gate geschafft

Ein Weg führt über den Balkan. Die Grenzen sind seit Februar 2016 offiziell dicht, aber Schleuser kennen Schleichwege über Nordmazedonien oder Albanien. Doch die Reise ist beschwerlich. Die Aussicht, schon in Serbien aufgegriffen zu werden, schreckte Farid ab. Deshalb will er fliegen – mit gefälschten Reisedokumenten.

«Dreimal habe ich es schon versucht», erzählt der schmächtige Mann. «Einmal mit einem spanischen und einmal mit einem griechischen Pass, einmal mit einem italienischen Personalausweis. Den hat schon die Dame beim Einchecken für den EasyJet-Flug am Athener Flughafen als Fälschung erkannt und die Polizei gerufen», erzählt Farid. Mit den beiden Pässen kam er zweimal bis zum Gate. Dort fiel er Zivilfahndern der Polizei auf. Sie nahmen ihm die gefälschten Reisedokumente ab.

Für Hunderttausende Schutzsuchende war Griechenland auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 das Tor nach Europa. Tausende brachten die Schleuser Tag für Tag von der türkischen Küste in Schlauchbooten zu den Ägäis-Inseln. Über die Balkanländer zogen die Geflüchteten nach Norden. Weil die Balkanroute dicht ist, sitzen rund 85 000 Geflüchtete in Griechenland fest. Das vermeintliche Tor nach Europa ist für sie zur Endstation geworden. Dennoch reisst der Strom aus der Türkei nicht ab. Erstmals seit Herbst 2018 ist die Zahl der Flüchtlinge in den Registrierlagern auf den Ägäis-Inseln wieder auf mehr als 20 000 gestiegen, wie das Ministerium für Bürgerschutz gestern bekannt gab.

Immer mehr von ihnen versuchen, auf dem Luftweg aus Griechenland in andere europäische Staaten zu gelangen – vor allem jetzt, in der Urlaubssaison, wo das Gedränge an den Flughäfen besonders gross ist. Am Athener Flughafen wird aber trotz des Andrangs streng kontrolliert. Zivilfahnder und Beamte in Uniform halten in der Abflughalle und an den Gates unterstützt von deutschen Polizisten Ausschau nach verdächtigen Reisenden.

Viele Migranten wählen deshalb kleinere Flughäfen. Doch auch da sind die Hürden für sie hoch. Am 29. Juli wurden am Flughafen von Heraklion auf Kreta 16 Migranten mit falschen Pässen gefasst. Am Airport von Chania versuchten an einem Tag 25 Migranten mit gestohlenen Ausweisen Flugzeuge zu besteigen. Vom 1. bis 4. August wurden auf den Flughäfen von Santorini, Kos und Heraklion 48 Migranten mit gefälschten Pässen aufgegriffen.

In solchen Fällen werden die Migranten festgenommen und auf der Flughafenwache verhört. Dann lässt die Polizei sie laufen. So erging es auch Farid. Jetzt will er es noch einmal versuchen. «Vielleicht haben die Menschen-Schmuggler ja diesmal eine bessere Fälschung für mich», sagt er.

Beim Coiffeur nach den Passfoto-Vorlagen frisiert

Wie die «Menschenschmuggler» arbeiten, zeigt ein jetzt bekanntgewordener Fall. Nach fast einjähriger Ermittlungsarbeit sprengte die griechische Polizei Mitte Juli einen Schleuserring. Neun Verdächtigte wurden festgenommen. Sie stammen aus dem Sudan, dem Irak, Tunesien und Ägypten. Die Bande operierte in Athen und auf der Insel Kos. Den Ermittlungen zufolge soll sie mindestens 367 Migranten zur Ausreise nach Westeuropa verholfen haben. Die Fahnder stellten über 250 gefälschte und gestohlene Reisedokumente sicher.

Die Zentrale des Schleuserrings befand sich in einer Sackgasse an der Athener Acharnon-Strasse. In einer Cafeteria wurden die Geschäfte abgeschlossen. In einem nahen Friseursalon wurden die Migranten so frisiert und mit Makeup hergerichtet, dass sie den Fotos in den gestohlenen Pässen möglichst ähnlich sahen. Fand sich kein Reisedokument mit passendem Foto, besorgte die Bande gefälschte Pässe arabischer Staaten mit den dazugehörigen Schengen-Visa. Die Ausstellung der Flugtickets übernahm ein nur wenige Schritte entferntes Reisebüro, das ebenfalls zum Netzwerk der Schleuser gehörte.

Für die Reise nach Holland berechneten die Schleuser 6000 Euro. Der Trip nach Deutschland, Österreich oder Italien kostete 5000 Euro. Bevorzugte Abflughäfen waren Mykonos, Santorini, Heraklion und Rhodos. Die Migranten bekamen genaue Anweisungen, wie sie sich am Flughafen zu verhalten hätten, um im Touristengewühl möglichst nicht aufzufallen.

Sobald sie alle Kontrollen passiert hatten und im Flugzeug sassen, mussten sie ein Selfie machen und an die Schleuser schicken. Die wussten dann: Der Abflug war geglückt. Flog man bei einer Kontrolle auf, organisierten sie kostenlos einen zweiten Versuch. Und wenn nötig einen dritten oder vierten.

Auch Farid will nicht aufgeben. «Ich werde es immer wieder versuchen – irgendwann wird es schon funktionieren.»

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