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FLÜCHTLINGSLAGER: Rohingya-Flüchtlinge: Angekommen im Albtraum

Über 620000 Rohingya sind in den letzten drei Monaten aus Myanmar vertrieben worden. Ihre neue Heimat ist ein Megacamp in Bangladesch: eine Grossstadt aus Plastikplanen und Bambus, in der das Gesetz des Dschungels herrscht.
Ulrike Putz, Kutupalong
Ein kleiner Junge schleppt einen Wasserkrug zu seiner Hütte im Flüchtlingscamp in Kutupalong. (Bild: Martin Trabalik/Getty (4. Oktober 2017))

Ein kleiner Junge schleppt einen Wasserkrug zu seiner Hütte im Flüchtlingscamp in Kutupalong. (Bild: Martin Trabalik/Getty (4. Oktober 2017))

Ulrike Putz, Kutupalong

Sie ging, als zwei Nachbarinnen nicht vom Feuerholzholen zurückkamen. «Es wurde zu gefährlich. Einige Tage zuvor waren drei Männer, die fischen gegangen waren, verschwunden», sagt Hussaina. Sie stammt aus dem Dorf Jumanpara nahe dem myanmarischen Städtchen Buthidong. Ihr Dorf, sagt sie, bestehe nur aus acht Hütten: zu klein für eine grossangelegte Säuberungsaktion durch das myanmarische Militär, doch gross genug für vereinzelte Übergriffe, bei denen Dorfbewohner gefangen, vielleicht vergewaltigt und vermutlich getötet wurden. «Sie wollten uns Angst machen», sagt die 36-Jährige.

An dem Tag, als die Töchter der Nachbarn abends nicht heimkamen, schnürte Hussaina etwas gekochten Reis in ein sauberes Tuch, raffte Kleider für sich und ihre acht Kinder zusammen und lief los. Drei Tage Fussmarsch waren es bis zur bangladeschischen Grenze, dann sass die Familie eine Woche lang auf einer mückenverseuchten Insel im Grenzfluss Naf fest. Dann schickte die bangladeschische Marine ein Boot, das Hussaina und ihre Kinder endlich in Sicherheit brachte: wieder neun Rohingya mehr, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und nun einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.

Hussaina, die wie viele Rohingya keinen Nachnamen führt, wartet in einer Erstaufnahmestelle der Migrationsbehörde IOM, die von Bangladesch damit beauftragt ist, den nicht enden wollenden Zustrom von Flüchtlingen in geordnete Bahnen zu leiten. Mehr als 620 000 Angehörige der muslimischen Minderheit sind seit dem 25. August nach Bangladesch geflohen: An jenem Freitag überfielen einige mili­tante Rohingya Armeestützpunkte in Myanmar. Das dortige Militär nahm den Angriff zum Anlass, im Gliedstaat Ra­khine eine grossangelegte ethnische Säuberungsaktion durchzuführen. Als Folge leben Hunderttausende ehemalige Bauern jetzt in einer aus Plastikplanen zusammengeschusterten Grossstadt, die immer weiter über die Hügel Südbangladeschs wuchert. Das Chaos der ersten Wochen, als die Springflut der Flüchtenden die Hilfsorganisationen völlig unvorbereitet traf, ist inzwischen einer gewissen Ordnung gewichen. Latrinen sind gebaut, Brunnen gebohrt und Strassen durch den Schlamm getrieben worden, sodass die Massen versorgt werden können. Hussaina hält ein rosafarbenes Formular fest umklammert: Sie hat jetzt eine Registrierungsnummer und damit Anrecht auf Baumaterial für ein Zelt – eine Plane, Bambus und Schnüre – und alle zwei Wochen auf einen Sack Reis, ein paar Kilo Linsen, einige Liter Öl. Bis auf weiteres werden sie und ihre Kinder nichts anderes essen. «Ich habe nichts zu verkaufen», sagt die Mutter und zeigt ihre nackten Ohrläppchen vor: Ihre Goldohrringe hat sie bereits auf der Flucht gegen Nahrung getauscht.

Es herrscht das Recht des Stärkeren

Hussainas Mann ist nicht zugegen. Er ist schon vor fünf Jahren von der Armut und den nicht enden wollenden Repressalien dubiosen Schleppern in die Arme getrieben worden. Nach Malaysia wollte er, dort arbeiten und Geld nach Hause schicken. Ob er je ankam, ob er noch am Leben ist, weiss Hussaina nicht. Sie weiss jedoch, dass sie als alleinstehende Frau mit acht Kindern – sechs Mädchen und zwei Jungen im Alter von 6 bis 16 Jahren – auf lange Sicht von den Almosen der Hilfsorganisationen leben werden muss. «Nur die Mädchen wären alt genug, um arbeiten zu gehen», sagt sie. «Doch das kann ich niemals riskieren.»

Denn auch wenn die Flüchtlinge der unmittelbaren Gefahr in Myanmar entkommen sind: Sicher sind sie im grössten Flüchtlingslager der Welt nur bedingt. In den Camps herrsche das Gesetz des Dschungels, sagen hier arbeitende Hilfsprofis. «Es gilt das Recht des Stärkeren», sagt eine Ärztin. Schlepper seien in den Camps unterwegs, die Mädchen wie Knaben in moderne Sklaverei oder in die Prostitution verkaufen würden, warnt die IOM.

Kinder sind stark gefährdet

«Ich habe in nur zwei Monaten 1500 Fälle von vermissten Kindern registriert, aber nur in der Hälfte der Fälle haben die Eltern ihre Kinder wiedergefunden», sagt Kamal Hussein, der mit Mikrofon und Lautsprecher ausgerüstet eine Art Fundbüro für Kinder betreibt. Die Unicef sagt, dass Kinder im Camp «extrem stark» gefährdet seien, Opfer von Menschenhändlern zu werden. Sechs von zehn Neuankömmlingen sind Kinder, darunter etwa 40000, die mindestens ein Elternteil verloren haben: leichte Beute. «Ich werde meine Mädchen nicht aus der Hütte lassen», beschliesst Hussaina.

Doch auch wenn sie ihre Kinder wegschliesst: Vor den Realitäten ihres neuen Lebens wird Hussaina sie nicht schützen können. Cholera, Typhus, Mangelernährung, Erdrutsche, Feuersbrünste und nun bald die Kälte und die Zyklone, die im Winter den Golf von Bengalen heimsuchen: Die Liste der Bedrohungen, denen die Flüchtlinge ausgesetzt sind, ist lang.

Hinzu kommen die psychologischen Schäden, die sich nun manifestieren. Ein Grossteil der Vertriebenen hat Schreckliches erlebt und ist traumatisiert. Wie viele tausend Frauen systematischen Vergewaltigungen zum Opfer gefallen sind, versuchen Spezialisten derzeit zu ergründen. Und selbst die, die unversehrt in Bangladesch eingetroffen sind, tragen eine schwere Last: Keiner weiss, was werden soll. Alle ahnen, dass sie auf lange Zeit – vielleicht Jahrzehnte – in diesem Provisorium festsitzen werden. So wie die Bewohner der so genannten Altstadt des Camps, die während der 90er-Jahre aus Myanmar vertrieben wurden und bereits seit einem Vierteljahrhundert in ihren Notunterkünften hausen.

Die tatkräftigsten unter den Flüchtlingen versuchen, aus ihrer misslichen Lage das Beste zu machen. Hafez Azadullah etwa hat Gründe, jeden Tag zehn Stunden in einem wackeligen Bretterverschlag zu sitzen und Snacks feilzubieten. «Ich will bald heiraten, dafür brauche ich Geld», sagt der 20-Jährige, der sein Leben bis vor einem Monat dem Studium des Korans gewidmet hatte. Dann brannte das Militär sein Dorf nahe dem Städtchen Mongdu nieder, der angehende Geistliche und seine ­Familie mussten fliehen. Seine Versuche als Kioskbesitzer laufen ganz gut, sagt er: «Ein Imam hat mir 4000 Taka (45 Franken) geliehen. Davon habe ich Baumaterial und Waren gekauft.» Mit dem Verkauf von knallbunter Brause, Chips und Betelnüssen mache er jeden Tag etwa 25 Rappen Gewinn. «Ich schätze, dass ich mir in einem Jahr eine Frau nehmen kann.»

Auch Mohammed Ayaz denkt an die Zukunft. Deshalb trommelt der studierte Lehrer jeden Nachmittag die Kinder aus den umliegenden Hütten zusammen und bringt ihnen Englisch bei. «Unsere einzige Hoffnung ist Bildung», sagt der 27-Jährige, der in Kerepara in Myanmar an einer Grundschule unterrichtete – allerdings nur als Hilfslehrer, die vollen Stellen waren buddhistischen Burmesen vorbehalten.

Für Ayaz bot die Flucht aus Myanmar paradoxerweise eine Aufstiegschance. Schon zwei Tage nach seiner Ankunft im Camp hatte die Unicef – die händeringend nach Pädagogen sucht, die Rohingya sprechen – ihn in Vollzeit angeheuert. Seit einem Monat nun unterrichtet er morgens in der Schule, nachmittags im Schatten seiner Hütte, abends bespricht er mit einigen anderen Intellektuellen die Lage. «Die internationale Gemeinschaft muss Druck auf Myanmar ausüben», sagt er. Für ihn ist die Vertreibung seines Volkes ein ­organisierter Raubzug. «Sie wollen unsere Dörfer, unsere Felder und unser Vieh.» Er sieht sein Volk im Wettlauf gegen die Uhr. «Wenn sich erst einmal andere auf unserem Land niedergelassen haben, ist es zu spät. Dann gibt es kein Zurück mehr.»

Ist mit ihren acht Kindern zu Fuss nach Bangladesch geflohen: Hussaina (rechts) mit Familie.

Ist mit ihren acht Kindern zu Fuss nach Bangladesch geflohen: Hussaina (rechts) mit Familie.

Bringt Kindern im Camp Englisch bei: der Lehrer Mohammed Ayaz. (Bilder: Ulrike Putz (8. November 2017, Kutupalong))

Bringt Kindern im Camp Englisch bei: der Lehrer Mohammed Ayaz. (Bilder: Ulrike Putz (8. November 2017, Kutupalong))

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