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In Istanbul wird der grösste Flughafen der Welt eröffnet

Obwohl die Bauarbeiten nicht fertig sind, eröffnet heute der türkische Staatschef Erdogan den neuen Istanbuler Flughafen. Der Grossflughafen soll die Türkei zu einem der wichtigsten Drehkreuze der Luftfahrt machen.
Gerd Höhler, Athen
Der futuristische Kontrollturm ist das Wahrzeichen des neuen Flughafens. (Bild: Chris McGrath/Getty (Istanbul, 6. Oktober 2018))

Der futuristische Kontrollturm ist das Wahrzeichen des neuen Flughafens. (Bild: Chris McGrath/Getty (Istanbul, 6. Oktober 2018))

Viele Projekte hat Recep Tayyip Erdogan in seinen mehr als 15 Regierungsjahren schon eingeweiht – Brücken, Tunnels, Autobahnen. Aber diese Eröffnung stellt alles Bisherige in den Schatten: Auf einer Fläche von 76 Quadratkilometern haben rund 35000 Arbeiter nordwestlich Istanbuls am Schwarzen Meer in nur etwas mehr als vier Jahren einen Megaflughafen aus dem Boden gestampft. Die Baukosten werden auf umgerechnet knapp elf Milliarden Euro veranschlagt. Gebaut und betrieben wird der Flughafen von einem Konsortium fünf türkischer Firmen. Im Endausbau soll der Airport voraussichtlich im Jahr 2028 über sechs Landebahnen und eine Kapazität für 200 Millionen Passagiere verfügen. Zum Vergleich: Der heute betriebsamste Flughafen weltweit, Atlanta Hartsfield-Jackson, fertigte im vergangenen Jahr 104 Millionen Reisende ab.

Schon in der ersten Ausbaustufe bedeutet der Flughafen nicht nur für die Türkei eine neue Dimension. Das Terminalgebäude ist für bis zu 90 Millionen Passagiere im Jahr ausgelegt. Damit spielt der neue Airport in einer Liga mit Beijing und Dubai. Zum Vergleich: Frankfurt/Main zählte im vergangenen Jahr 64,5 Millionen Fluggäste. Mit dem neuen Luftverkehrskreuz will Istanbul zur Drehscheibe zwischen Europa, Asien und Afrika werden. Die Bosporus-Metropole konkurriert so mit den Flughäfen in Doha und Dubai. Gegenüber den Grossflughäfen am Golf, die fast nur Umsteiger bedienen, hat Istanbul den Vorteil eines grossen Heimatmarktes.

Vorerst sind nur Inlandflüge möglich

Vor allem der türkische Nationalcarrier Turkish Airlines (THY) setzt auf den neuen Flughafen. Das staatlich kontrollierte Unternehmen ist eine der weltweit am schnellsten wachsenden Fluggesellschaften. THY hat seit 2005 die Zahl der beförderten Passagiere von 14 Millionen auf 69 Millionen im vergangenen Jahr fast verfünffacht. Die Flotte wuchs von 83 auf 329 Maschinen. Doch die bisherige Heimatbasis, der Istanbuler Atatürk-Flughafen, arbeitet seit Jahren am Rand der Kapazitätsgrenze. Erst der neue Airport, der mehr als die sechsfache Fläche hat, eröffnet Turkish Airlines weitere Wachstumsperspektiven.

Der Start wird sich jedoch verzögern, weil die Bauarbeiten noch laufen. Zunächst wird Turkish Airlines von der neuen Basis wenige Flüge zu den Inlandzielen Ankara, Antalya und Izmir sowie nach Baku und Nordzypern durchführen. «Wir werden eine sanfte Inbetriebnahme haben», sagt Kadri Samsunlu, Generaldirektor der Flughafengesellschaft. Der grosse Umzug ist auf den 31. Dezember verschoben. Dann soll der Flugverkehr aller Airlines von Atatürk auf den neuen Flughafen verlegt werden.

Rekordverdächtige Bauzeit

Auch mit der zweimonatigen Verspätung ist die Bauzeit von nur 44 Monaten rekordverdächtig. Zur Erinnerung: Der Spatenstich für den Hauptstadtflughafen Berlin fand bereits 2006 statt, die Inbetriebnahme ist für 2020 geplant. In Istanbul standen die Arbeiten zuletzt unter einem immer brutaleren Termindruck. Das spürten die Ingenieure und vor allem die rund 30000 Arbeiter. Etwa die Hälfte von ihnen lebte in einer Containersiedlung auf dem Flughafengelände – einem «Sklavencamp», wie ein Funktionär der Bauarbeitergewerkschaft Dev-Insaat-Is sagt. Die Arbeiter klagten über schmutzige Unterkünfte, schlechtes Essen, verspätete Bezahlung und Missachtung der Sicherheitsvorschriften. Nach Angaben der Regierung kamen während der Bauarbeiten 27 Menschen bei Arbeitsunfällen ums Leben. Die regierungskritische Zeitung «Cumhuriyet» schrieb von fast 400 Toten. Hinterbliebene hätten «Schweigegeld» bekommen, so die Zeitung.

Als Mitte September bei einem Busunglück auf dem Gelände 17 Arbeiter verletzt wurden, entlud sich der aufgestaute Zorn. Rund 2000 Arbeiter traten in den Streik, versammelten sich zu Protesten. Die Polizei ging mit Tränengas, Wasserwerfern und Gummigeschossen gegen die Männer vor. Die sonst vor allem im Antiterrorkampf eingesetzte paramilitärische Jandarma veranstaltete eine Razzia im Lager und nahm über 500 angebliche Rädelsführer fest. 24 sitzen immer noch in Untersuchungshaft.

Nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen steht das Projekt in der Kritik. Rund zwei Millionen Bäume wurden gefällt. Bauern wurden enteignet, Feuchtgebiete trockengelegt, Wildtiere und Vögel vertrieben. Ökologen befürchten unabsehbare Folgen für das Grundwasser und das Mikroklima der Region. Weil die Zufahrtsstrassen noch nicht fertig sind, drohen zumindest in den kommenden Monaten Staus. Eine Schnellbahn, die den Flughafen mit dem etwa 40 Kilometer entfernten Stadtzentrum verbinden soll, wird frühestens 2020 fertig. Dass Erdogan am Eröffnungstermin festhält, soll wohl auch ein politisches Signal sein. Die Botschaft des Staatschefs lautet: Die Türkei ist stark, es gibt keine Krise. Erdogan war schon im Juni an Bord eines Regierungsjets auf dem neuen Airport gelandet.

Welchen Namen erhält der neue Flughafen?

Der bisherige Istanbuler Airport soll Anfang 2019 schliessen. Der 1912 eröffnete Platz hiess zunächst Yesilköy, nach dem Stadtteil, in dem er liegt. 1985 wurde er in Atatürk-Flughafen unbenannt, zu Ehren des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Mit der Schliessung wird dieser Name verschwinden. Bleibt die Frage, wie der neue Flughafen heissen soll. Heute wird man es erfahren. Die Entscheidung liegt bei Erdogan.

Manche Beobachter erwarten, dass er dem Flughafen seinen Namen geben wird. Andere nennen Sultan Abdülhamit II. als möglichen Namenspatron, einen der letzten Herrscher (1876–1909) des Osmanischen Reichs. Historiker schreiben über Abdülhamit, er sei in seinen ersten Amtsjahren ein Reformer gewesen, der dem Osmanenreich eine Verfassung gab und es nach Europa öffnete. Doch schon bald setzte er die Verfassung wieder ausser Kraft, löste das Parlament auf, regierte zunehmend autoritär. Ein Schelm, wer dabei an Erdogan denkt.

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