Kommentar

Flugscham? Echt?

Fliegen schadet dem Klima. Doch ist man als Flugpassagier per se ein schlechter Mensch? Es gilt, beim Thema Flugverkehr und Abgase die Relationen zu wahren. 

Jérôme Martinu
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Es ist eine Zeiterscheinung, Ausdruck einer verbreitet herrschenden Empörungskultur: Mit dem Finger wird immer öfter auf diejenigen gezeigt, die sich trauen, über ihren Flug nach Irgendwo offen zu reden. Flugreisen bilden in der Klimadebatte einen Kulminationspunkt der Kritik. Insbesondere an den weltweiten Demonstrationen, an denen auch in der Zentralschweiz längst nicht mehr nur Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Die Folge: Immer mehr Leute genieren sich wegen ihres luftigen Mobilitätsverhaltens. Neudeutsch nennt sich das Flugscham. Echt? Ist man als Flugpassagier per se ein schlechter Mensch?

Auch auf die Gefahr hin, sich im aktuellen Stimmungsklima unbeliebt zu machen: Es gilt, beim Thema Flugverkehr und Abgase die Relationen zu wahren. Erdölprodukte, Kohle, Gas: Die Luftfahrt hat bezogen auf den Verbrauch von fossilen Brennstoffen je nach Quelle einen Anteil von 2 bis 3 Prozent am weltweiten CO2-Ausstoss. Das ist etwa gleich wie viel, wie nach Schätzungen das globale Netz von Computer-Servern verursacht. Der Löwenanteil des für die Atmosphäre schädlichen Kohlendioxids oder eben CO2, stammt aus der Strom- und Wärmeerzeugung. Massgebliche Verursacher sind auch die Industrie, Landwirtschaft und der (Strassen-)Transport.

Ja, Schweizer (und Europäer) fliegen überdurchschnittlich viel. Mass halten ist also nur vernünftig. Denn die Klimaerwärmung ist eine Tatsache, ebenso der menschliche Anteil daran. Aber anstatt mit viel Getöse auf dem Luftverkehr herumzureiten, sollte vielmehr hier der Fokus liegen: Der Hebel muss an ganz vielen Orten angesetzt werden, insbesondere bei den grossen Brocken. Sonst lassen sich die weltweiten Klimaziele innert nützlicher Frist gar nicht erreichen.

Die «Flugscham» greift in Schweden um sich

Greta Thunberg machte es vor: Sie fuhr mit dem Zug von Stockholm zum Weltwirtschaftsforum nach Davos und zum Klimagipfel nach Kattowitz. Für den umweltbewussten Verzicht aufs Fliegen gibt es im Schwedischen sogar ein Wort: «Flygskam» - «Flugscham».