Flugzeugabsturz im Iran wird zum Kampf um die Wahrheit

Nach dem Flugzeugabsturz in Teheran gibt es viele offene Fragen. Der Iran weist einen Abschuss vehement von sich.

Martin Gehlen aus Tunis
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Die Angehörigen im Iran, in Kanada und in der Ukraine stehen unter Schock. In Kiew, Ottawa und Toronto trauerten Hunderte Menschen gemeinsam und zündeten Kerzen für die 176 Opfer an. Teherans Verantwortliche dagegen mauern. Sie wiesen sofort alle Schuld an der Katastrophe von sich, sprachen von einer westlichen Verschwörung und von «psychologischer Kriegsführung des Pentagons». Es sei definitiv ausgeschlossen, erklärte der Chef der iranischen Luftfahrtbehörde, Ali Abedzadeh, dass die Boeing 737-800 der «Ukraine International Airlines» kurz nach dem Start in Teheran abgeschossen wurde.

Westliche Militärs und Geheimdienste dagegen gehen nach der Auswertung von Satellitenaufnahmen und abgehörtem Funkverkehr «mit hoher Wahrscheinlichkeit» davon aus, dass zwei Raketen die Maschine trafen. Auf einem Handyvideo, das das 2016 gebaute Flugzeug mit der Kennung PS752 zeigen soll, ist Sekunden vor dem Absturz ein kurzer Feuerschein am Nachthimmel zu sehen. In den sozialen Medien kursieren Fotos vom Unglücksort mit Resten einer russischen SA-15-Rakete, wie sie der Iran seit 2006 besitzt und regelmässig bei seinen Militärparaden vorführt.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau trauert um 63 Kanadier, die beim Flugzeugabsturz in Teheran ums Leben gekommen sind.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau trauert um 63 Kanadier, die beim Flugzeugabsturz in Teheran ums Leben gekommen sind.

Bild: Adrian Wyld/AP (Ottawa, 9. Januar 2020)

Europäer fordern eine unabhängige Untersuchung

Auch wenn das tödliche Fiasko am Imam-Khomeini-Flughafen wahrscheinlich nicht mit Absicht passiert ist, könnte sich für den Iran daraus die nächste heikle aussenpolitische Konfrontation entwickeln. Alles wird davon abhängen, ob die iranische Führung eine internationale Untersuchung des Absturzes zulässt oder ob sie versucht, die Abläufe zu manipulieren. Flugschreiber und Stimmenrekorder seien geborgen worden, aber beschädigt, hiess es in Teheran. Man werde zunächst alleine die Daten und Cockpitgespräche extrahieren und auswerten, was ein bis zwei Monate dauern könne, kündigte die nationale Luftverkehrsbehörde an.

Entsprechend gross ist das internationale Misstrauen. Die Europäische Union verlangte von Teheran eine «unabhängige und glaubwürdige» Untersuchung nach den Regeln der Internationalen Zivilluftfahrt Organisation. Doch der Teufel steckt im Detail. Im Prinzip ist der Iran federführend, weil das Unglück auf seinem Staatsgebiet passierte. Er muss Ermittler aus der Ukraine beteiligen, wo Flugzeug und Fluggesellschaft registriert sind. Und er muss Experten aus den USA und Frankreich zulassen, weil dort die verunglückte Boeing sowie die Triebwerke gebaut wurden. Kanadische Emissäre haben ebenfalls das Recht, die Unfallstelle zu besuchen und in beschränktem Masse Einblick in die Akten zu nehmen, weil 63 der Passagiere Kanadier mit iranischer Abstammung waren.

Wie kooperativ sich die iranische Seite im Laufe der Untersuchung verhalten wird, ist bis jetzt unklar. Aus Kiew und Ottawa trafen am Freitag erste Fachleute ein. Auch ein Vertreter der amerikanischen Nationalen Behörde für Transportsicherheit soll eine Einreiseerlaubnis bekommen, ebenso wie Unfallspezialisten der renommierten französischen Untersuchungsbehörde für Flugunfälle.

Flugzeug aus Wien muss umkehren

Der US-Botschafter in Kiew übergab unterdessen dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski «wichtige Daten». Die Raketenversion sei nicht ausgeschlossen, aber auch nicht bestätigt, schrieb der ukrainische Staatschef auf Facebook. «Unser Ziel ist, die eindeutige Wahrheit herauszufinden. Der Wert des menschlichen Lebens steht über allen politischen Motiven.» Die ukrainische Seite hält nach wie vor auch den Zusammenstoss mit einer Drohne, einen Terroranschlag oder eine Triebwerksexplosion als Unfallursache für denkbar.

Eine Reihe ausländischer Fluggesellschaften strichen Teheran nach dem Unglück vorerst aus ihren Flugplänen. Sie wiesen ihre Piloten an, den Luftraum über Irak, Iran und der Golfregion zu meiden. Ein Airbus 320 der Austrian Airlines auf dem Weg nach Teheran erhielt am Freitag über Sofia die Anweisung, umzukehren und nach Wien zurückzukehren.