Flugzeugentführung
Wollte Lukaschenko auch seine Gegnerin Swetlana Tichanowskaja vom Himmel holen?

Die Anzeichen verdichten sich, dass das weissrussische Regime bereits eine Woche vor der Entführung des Ryanair-Fliegers über eine Luftpiraten-Aktion nachgedacht hatte.

Samuel Schumacher
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Vor ihr fürchtet sich Machthaber Alexander Lukaschenko ganz besonders: die weissrussische Oppositionsführerin Svetlana Tichanowskaja.

Vor ihr fürchtet sich Machthaber Alexander Lukaschenko ganz besonders: die weissrussische Oppositionsführerin Svetlana Tichanowskaja.

Getty

Eine gute Woche, nachdem das weissrussische Regime einen Ryanair-Flieger zur Landung in Minsk gezwungen hat, kommen neue beunruhigende Details zum Vorschein. Die Weissrussen zwangen den Flieger auf dem Weg von Athen nach Vilnius am 23. Mai mit Verweis auf eine Bombendrohung zur Landung und verhafteten kurz darauf den Journalisten Roman Protasewisch, der als Passagier an Bord war. Vergangene Woche kam heraus, dass die Droh-Mail, die angeblich von einem Hamas-Kämpfer verschickt worden war, erst 24 Minuten nach der Landeaufforderung der Flugüberwachung an die Ryanair-Piloten verschickt wurde.

Laut Recherchen des Rasdiosenders «Euroradio.fm» wurde die Emailadresse, von der aus die vermeintliche Bombendrohung verschickt worden war, erst am Montag, 14. Mai beim Schweizer Mailanbieter ProtonMail überhaupt erst registriert. Das war gerade mal neun Tage vor der Flugzeugentführung.

Jener Montag, der 14. Mai, war ausgerechnet der Tag, an dem die weissrussische Oppositionsführerin Svetlana Tichanowskaja sich in Athen mit dem griechischen Aussenminister Nikos Dendias traf, um über neue Sanktionen gegen das weissrussische Regime zu sprechen.

Swetlana Tichanowskaja legte bei ihrem Besuch in Athen Blumen nieder beim Denkmal für die Opfer der griechischen Militärdiktatur.

Swetlana Tichanowskaja legte bei ihrem Besuch in Athen Blumen nieder beim Denkmal für die Opfer der griechischen Militärdiktatur.

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Tichanowskaja, die die weissrussischen Wahlen im vergangenen August laut internationalen Einschätzungen deutlich gewonnen hatte, verliess ihr Heimatland kurz nach dem Urnengang aus Angst, vom Regime eingesperrt zu werden. Machthaber Alexander Lukaschenko, der seine Wahlniederlage abstreitet, hatte zuvor bereits Tichanowskajas Mann eingekerkert. Seit ihrem Wegzug ins litauische Exil wirbt Tichanowskaja auf allen Kanälen für mehr Sanktionen gegen das Regime und für einen politischen Wandel in ihrer Heimat.

USA warnen vor Überflug über Weissrussland

Dass die Droh-Mailadresse am 14. Mai fast zeitgleich mit ihrem Auftritt in Athen aufgesetzt worden ist, dürfte kein Zufall sein. Wenige Tage später flog Tichanowskaja von Athen zurück ins litauische Vilnius – genau jene Strecke, die am 23. Mai auch der Journalist Roman Protasewitsch zurücklegen wollte. Die Vermutung liegt nahe, dass das weissrussische Regime bereits vor Tichanowskajas Rückflug nach Vilnius mit dem Gedanken spielte, den Flieger nach Minsk umzuleiten und die unliebsame Passagierin zu verhaften.

Dass ein Regime einen zivilen Flieger vom Himmel holt, um politische Gegner zu verhaften, schien bis vor kurzem undenkbar. Inzwischen erachtet aber sogar die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA die Querung des weissrussischen Luftraums als Risiko. Sie warnt US-Piloten beim Überflug über Belarus zu «äusserster Vorsicht».

In Weissrussland selber sitzen derzeit offiziell mehr als 400 politische Gefangene im Knast. Immer wieder gelangen Berichte über Folter oder seltsame Todesfälle an die Öffentlichkeit. Mitte Mai etwa starb der zu fünf Jahren Haft verurteilte Vitold Ashurak unter mysteriösen Umständen «an Herzversagen».

Am Flughafen in Vilnius erinnert ein Leuchtplakat an das Schicksal des verhafteten Journalisten Roman Protasewitsch.

Am Flughafen in Vilnius erinnert ein Leuchtplakat an das Schicksal des verhafteten Journalisten Roman Protasewitsch.

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Der aus dem Flieger heraus verhaftete Journalist Roman Protasewitsch sei derweil bei guter Gesundheit, gab sein Anwalt bekannt. Seine ebenfalls verhaftete Freundin Sofia Sapega, gegen die heute offiziell Anklage erhoben werden soll, leide aber an Panikattacken. Beiden drohen im Falle einer Verurteilung langjährige Haftstrafen.

Weissrussen in der Schweiz fordern Bundesrat auf, mehr Druck auszuüben

Der internationale Druck auf das Regime steigt derweil weiter. Am vergangenen Samstag gingen in über 90 Städten weltweit Menschen auf die Strasse, um gegen das Regime zu demonstrieren – auch in Bern. Unter den Berner Demonstranten war auch Oleg Prastakov vom schweizerisch-weissrussischen Verein Razam.ch. Er sagt:

«Wir als Weissrussen in der Schweiz haben mit vielen Menschen in Weissrussland Kontakt. Bei der Kommunikation mit ihnen wiederholt sich immer wieder ein einziger Satz: «Wir leben wie in einem Konzentrationslager.»

Der Verein Razam.ch hat am Samstag einen offiziellen Brief an Bundespräsident Guy Parmelin geschickt, indem er den Bundesrat dazu auffordert, sich für die Befreiung von politischen Gefangenen wie Roman Protasewitsch oder der Schweizerin Natallia Hersche einzusetzen. Man hoffe darauf, dass der Bundesrat einen Aktionsplan erarbeite, «der über die reine Beobachtung der Situation hinausgeht».